Religiöse Rhetorik in Konflikten

Wenn Religion den Krieg befeuern soll

Veröffentlicht am 08.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Arens und Christoph Schmidt (KNA) – Lesedauer: 

Bonn ‐ Was haben die Kriege im Iran und im Nahen Osten mit Religion zu tun? Wer die Rhetorik der politischen Akteure verfolgt, bemerkt, wie religiöse Vorstellungen den Konflikt aufladen sollen. Das hat eine lange Tradition.

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Enthemmte Tiraden gehören zu seinem Standardrepertoire: Pete Hegseth, US-Verteidigungsminister und selbsternannter Kriegsminister, verbindet aggressive Rhetorik gern mit christlichen Bildern und Inhalten. Der 45-Jährige trägt ein Tattoo des Jerusalemkreuzes auf der Brust, ein Symbol aus der Zeit der Kreuzzüge. Auf seinem imposanten Bizeps steht "Deus Vult", lateinisch für "Gott will es" – ein historischer Schlachtruf der Kreuzritter.

Den Krieg gegen den Iran beschreibt der Pentagon-Chef als eine Art heiligen Krieg und Kreuzzug. Laut Medienberichten betete Hegseth bei einem Gottesdienst im Pentagon für "überwältigende Gewalt gegen diejenigen, die keine Gnade verdienen". Und er bat Gott: "Lass jede Kugel gegen die Feinde der Gerechtigkeit und unserer großen Nation ihr Ziel finden." Papst Leo XIV. widersprach in aller Deutlichkeit: Gott dürfe nicht dazu missbraucht werden, Krieg zu rechtfertigen. Er sei "ein Gott, der den Krieg ablehnt", sagte der aus den USA stammende Pontifex. Gott erhöre nicht das Gebet jener, die Krieg führten. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx fand am Osterfest noch deutlichere Worte: Es sei eine "schamlose Gotteslästerung", wenn Hegseth dafür bete, dass jede Kugel im Iran-Krieg ihr Ziel treffe. Gleiches gelte für die Aussage des orthodoxen Patriarchen von Moskau, Kyrill, der den von Russland begonnenen Angriffskrieg gegen die Ukraine als einen "Heiligen Krieg" bezeichne.

Endzeitvisionen und religiöse Sprache

Zwar sind die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine eindeutig geopolitische Machtkämpfe. Doch Endzeitvisionen und religiöse Sprache tauchen immer wieder auf. Religion verdichtet komplexe politische Zusammenhänge in einfache Erzählungen von einem göttlichem Plan. Religion soll im Kampf zwischen Gut und Böse mobilisieren und Widerstand zum Schweigen bringen: Israel greift bei seinen Angriffen auf den Iran auf alttestamentliche Bezeichnungen zurück: Der 12-Tage-Krieg im Juni 2025 wurde unter dem Codenamen "Rising Lion" geführt, der jetzige Krieg firmiert unter "Roaring Lion". Beide spielen auf das vierte Buch Mose an: "Ein Volk, das sich erhebt wie ein Löwe." Der Iran lädt den Konflikt mit dem Westen schon seit der Islamischen Revolution von 1979 religiös auf: Die USA werden als "Großer Satan" und Israel als "kleiner Satan" bezeichnet. Der Kampf mit dem ungläubigen Westen wird als endzeitlicher Konflikt zwischen Gut und Böse dargestellt.

Gehören solche Denkschemata vielleicht sogar zur DNA von Christentum, Judentum und Islam? In den 1990er Jahren hat der Ägyptologe Jan Assmann die umstrittene These aufgestellt, der Glaube an den einen Gott habe Unterscheidungen wie Freund und Feind oder wahr und falsch zugespitzt – Denkmuster, die dann oft zu Gewalt gegen Andersgläubige führten. Andererseits sind Gewaltlosigkeit und Frieden Kernbotschaften der monotheistischen Religionen. "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens" – das Lukas-Evangelium etwa macht Weihnachten zum Friedensfest, und Jesus wird als "Friedensfürst" bezeichnet.

Bild: ©picture alliance / ZUMAPRESS.com | Kyle Mazza

US-Verteidigungsminister Pete Hegseth verbindet aggressive Rhetorik gern mit christlichen Bildern und Inhalten.

Es lässt sich nicht bestreiten: In der Geschichte des Christentums findet sich eine Blutspur von Intoleranz und Grausamkeit – von der Zwangsmissionierung der Sachsen bis zu Ketzerverfolgung, Kreuzzügen und Religionskriegen, wie der Mittelalter-Experte Philippe Buc in seiner 2015 erschienenen Studie "Heiliger Krieg. Gewalt im Namen des Christentums" darstellt. Der Kampf richtete sich nicht nur gegen Abweichler im Innern, sondern auch auf vermeintliche Feinde außerhalb. Der Missionsauftrag des Evangeliums wurde als Aufforderung interpretiert, Nichtgläubige notfalls mit Gewalt zum Heil zu zwingen. Muslime, aber auch Juden wurden zu Opfern. Für das Töten im Dienste der Kirche stellten die Päpste Belohnung in Aussicht, die Aufnahme in den Himmel inklusive.

Auch die Neuzeit kennt Beispiele für die Rechtfertigung der Gewalt durch die christliche Religion. Der frühere US-Präsident George W. Bush etwa rief nach dem 11. September 2001 den "Krieg gegen den Terror" aus und bezeichnete ihn als "Kreuzzug". In der muslimischen Welt sind die Massaker der Kreuzritter in Jerusalem zu einem Mythos geworden, der immer wieder aktualisiert wird. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) wendet sich in ihrer Propaganda gegen die "ungläubigen Kreuzfahrer". Seit den Anschlägen des 11. September 2001 gehört das arabische Wort "dschihad" verstärkt zum Vokabular muslimischer Extremisten im Kampf gegen die westliche Welt.

Idee vom "Heiligen Krieg"

Dabei wird die Idee vom "Heiligen Krieg" im Islam unterschiedlich interpretiert. Maßgeblich waren die sogenannten Schwertverse im Koran und die Aussprüche des Propheten Mohammed, der selbst Feldzüge gegen seine Gegner führte. Die klassische Dschihad-Lehre fordert, dass die Ungläubigen bekämpft und unterworfen werden, bis die ganze Welt islamisch ist. Muslime, die in diesem Kampf sterben, gelten als Märtyrer. Allerdings unterliegt der Dschihad festen Regeln. So darf er nur von legitimen Herrschern erklärt werden, das Leben christlicher und jüdischer Zivilisten sollte geschont werden.

Wenn heutzutage "Dschihadisten" Unbeteiligte ermorden, können sie sich also nicht auf die klassische Lehre berufen. Ohnehin deutet die Mehrheit der islamischen Rechtsgelehrten den Dschihad heute als reinen Verteidigungskrieg.

Von Christoph Arens und Christoph Schmidt (KNA)