Vorsitzender des Katholikenkomitees in Bayern

Gärtner: Söder soll Konkordat mit dem Heiligen Stuhl neu verhandeln

Veröffentlicht am 09.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Renzikowski (KNA) – Lesedauer: 

München ‐ Seit einem Jahr ist Christian Gärtner Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern. Im Interview fordert er mehr Mitsprache für Gläubige – und richtet Erwartungen an Ministerpräsident Markus Söder.

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Seit einem Jahr ist Christian Gärtner (59) Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern. Der parteilose Nürnberger Volkswirt (59) sagt im Interview, was er von Ministerpräsident Markus Söder erwartet, was sich in der Kirche dringend ändern sollte – und wie er einen Spitznamen für sein Gremium deutet.

Frage: Herr Gärtner, fremdeln Sie nach zwölf Monaten noch mit Ihrem Amt?

Gärtner: Nein. Ich war ja schon vier Jahre stellvertretender Vorsitzender, da wusste ich, was auf mich zukommt. Und es macht auch Spaß. Wir haben viele interessante Begegnungen, nicht nur mit Bischöfen, sondern auch Landtagsabgeordneten.

Frage: Ihr Gremium wird 75 Jahre alt. Es hat einen kircheninternen Spitznamen, kennen Sie den?

Gärtner: Nämlich?

Frage: "Landesgespensterversammlung".

Gärtner: Noch nie gehört. Er könnte zweierlei bedeuten: Dass wir einen hohen Altersdurchschnitt haben, was nicht stimmt. Oder dass man zu selten von uns hört. Wir arbeiten daran, dass sich das ändert. Ich nehme wahr, dass wir von der Politik und anderen gesellschaftlichen Akteuren eher mehr angefragt werden als früher. Zum Beispiel: Was können wir tun für den Zusammenhalt? Wenn die politischen Ränder stärker werden und sich alles in unterschiedliche Blasen auflöst, wo man nicht mehr miteinander redet. Wenigstens bei euch in der Kirche sollte das noch anders sein, ist dann so eine Erwartung – aber auch unser Anspruch.

Frage: "Die Kirche ist keine Demokratie", hört man oft. Wie klingt das in Ihren Ohren?

Gärtner: Ich finde solches Reden gefährlich. Das geht in dieselbe Richtung wie Versuche, mit schlechter Theologie konservative bis totalitäre Positionen zu rechtfertigen, etwa Abgrenzung und Renationalisierung. Und es steht im Widerspruch zum Auftrag von Papst Franziskus und seinem Nachfolger Leo XIV., eine synodale Kirche zu werden. Für mich ist Synodalität schon auch Demokratie.

„Die Leute wollen, dass die Kirche im Dorf bleibt. Small is beautiful.“

—  Zitat: Christian Gärtner

Frage: Inwiefern?

Gärtner: Es geht darum, Macht und Verantwortung zu teilen. Die Zeit einsamer Entscheidungen an der Spitze sollte vorbei sein. Es muss demokratisch legitimierte Kontrollgremien geben. Worum es nicht geht: Über Glaubensfragen mit Mehrheit abzustimmen. Aber die im Grundgesetz verankerten Menschenrechte stehen ja auch nicht zur Disposition.

Frage: Braucht das Landeskomitee mehr Macht?

Gärtner: Ein klares Ja. Aber das gilt für alle Ebenen der Räte, über die Diözese bis hinunter zur Pfarrei. Vor allem sollte nicht nur im kirchlichen Apparat entschieden werden, wo die Kirchensteuer hinfließt, bei allem Respekt vor den bestehenden Diözesansteuerausschüssen. Das sind sehr kleine Gremien – mit einer sehr geringen demokratischen Legitimation im Vergleich etwa zu Pfarrgemeinderäten. Was können wir uns noch leisten, wo wollen wir wirklich sparen? Über solche wichtigen Fragen würde in größeren Runden viel intensiver und offener diskutiert.

Frage: Finanziell und personell ballt sich die Macht der katholischen Kirche in Deutschland bei den 27 Bistümern. Sehen Sie Änderungsbedarf?

Gärtner: Nicht, wenn es ein gemeinsames Bewusstsein für mehr Solidarität unter den sehr großen und sehr kleinen Diözesen gäbe. Doch das sehe ich gerade nicht. Reine Verwaltungsaufgaben müssten nicht in jedem Bistum separat und dadurch doppelt und dreifach erledigt werden. Da ließe sich viel Geld sparen, in Bayern, vielleicht sogar auf Bundesebene. Und ja: Im Allerletzten lebt Kirche vor Ort. Daher brauchen die Gemeinden mehr Befugnisse.

Frage: Also nicht nur Gemeinden zusammenlegen, sondern auch Bistümer?

Antwort: Beides ist keine so gute Idee. In sehr kleinen Gemeinden ist das Engagement oft am größten. Die Leute wollen, dass die Kirche im Dorf bleibt. Small is beautiful. Natürlich wissen sie, dass nicht mehr alles machbar ist, dass nicht mehr alle ihren eigenen Pfarrer bekommen und es eine gewisse Zusammenarbeit mit den Nachbarn braucht.

Volkswirt Christian Gärtner am 4. April 2025 in Passau
Bild: ©KNA/Christoph Renzikowski (Archivbild)

Christian Gärtner ist seit einem Jahr Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern.

Frage: Vor zwei Jahren haben die deutschen Bischöfe einstimmig beschlossen: Eine völkisch-nationalistische Gesinnung und kirchliches Engagement sind unvereinbar. Hat diese Brandmauer bei den jüngsten Pfarrgemeinderatswahlen in Bayern gehalten?

Gärtner: Ja. In ein bis zwei Fällen gab es Anfragen: Wie umgehen mit Kandidaten, die sich etwa für die AfD engagieren? Das ist kein flächendeckendes Problem, aber die Leute in den Gemeinden sind sensibilisiert. Und Gott sei Dank gibt es in Bayern keinen Fall, wo wir formal eingreifen mussten.

Frage: Sie sind der oberste gewählte Repräsentant von immer noch weit mehr als fünf Millionen Katholiken im Freistaat. Fühlen Sie sich auch so – oder mehr als Gremienkatholik?

Gärtner: Bisweilen werde ich im Scherz als "der Oberlaie" bezeichnet. Aber mein Anspruch geht schon dahin, Stimme derer in Bayern zu sein, für die die katholische Kirche noch so wichtig ist, dass sie sich engagieren. Und das sind, wenn man mal auf fast 15 Prozent Wahlbeteiligung bei den Pfarrgemeinderatswahlen schaut, weitaus mehr Menschen als die gezählten Kirchgänger.

Frage: Haben Sie schon mit Markus Söder sprechen können?

Gärtner: Nur kurz am Rande von Veranstaltungen.

Frage: Haben Sie eine Botschaft für ihn?

Gärtner: Der Ministerpräsident möge darauf achten, dass sich alles, was er sagt und tut, daran messen lassen muss, ob es dem Zusammenhalt tatsächlich dient. In diesen stürmischen Zeiten brauchen wir keine zusätzliche Polarisierung. Und ich würde ihn auffordern, das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl neu zu verhandeln. Dass die bayerischen Katholiken endlich eine Mitsprache bei der Ernennung ihrer Bischöfe erhalten. Da können wir im Synodalen Weg noch so viele Beschlüsse fassen, die Initiative dazu müsste aus der Politik kommen.

Von Christoph Renzikowski (KNA)