Traditionelle Zurückhaltung des Vatikan verlassen

Jesuit: Papst-Kritik an Trump war außergewöhnlicher Schritt

Veröffentlicht am 09.04.2026 um 10:55 Uhr – Lesedauer: 

Köln ‐ Trumps Vernichtungs-Drohung gegen den Iran kam im Vatikan gar nicht gut an. Der Papst reagierte mit direkter Kritik am US-Präsidenten. Ein deutscher Philosoph lobt Leos Eintreten für die "moralische Wahrheit".

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Der Jesuit und Philosoph Godehard Brüntrup wertet die direkte Kritik von Papst Leo XIV. an US-Präsident Donald Trump als einen außergewöhnlichen Schritt. Dass der aus den USA stammende Papst die Drohungen Trumps gegen den Iran ausdrücklich verurteilt habe, lasse ihn zu einer und zu einer inneramerikanischen moralischen Gegenautorität werden, sagte der in München lehrende Jesuit am Donnerstag dem Internetportal "domradio.de".

Damit habe das Kirchenoberhaupt die traditionelle diplomatische Zurückhaltung des Vatikan verlassen. "Leos Intervention erschwert es der Regierung, eine moralische Rechtfertigung für ihre Drohungen zu beanspruchen, insbesondere unter den rund 70 Millionen amerikanischen Katholiken und 1,4 Milliarden Katholiken weltweit."

Überparteiliche Position verlassen

Päpste äußerten sich typischerweise in sorgfältig abgewogenen Allgemeinplätzen, um die Haltung des Heiligen Stuhls als vermittelnde, überparteiliche moralische Autorität zu wahren, erläuterte der Professor für Metaphysik, der auch lange in den USA gelehrt hat. Dass Leo XIV. am Dienstag den Präsidenten direkt angesprochen und dessen Vernichtungsdrohung gegen den Iran kritisiert hatte, signalisiere, dass der Papst glaube, dass eine Schwelle überschritten sei.

"Wenn ein Staatsoberhaupt öffentlich die Vernichtung einer Zivilisation androht, wird die übliche Indirektheit der vatikanischen Diplomatie fast zur Komplizenschaft", sagte der Jesuit. Das prophetische Amt der Kirche verlange, dass moralische Wahrheit gegenüber der Macht ausgesprochen wird. Brüntrup sieht Leo XIV. dabei in einer Linie mit Papst Johannes XXIII., der in der Kubakrise sehr direkt an Kennedy und Chruschtschow appelliert hatte, den Frieden zu sichern. "Je schwerwiegender die Bedrohung ist, desto mehr besteht die Verpflichtung zur Konkretheit, und desto weniger sind diplomatische Verallgemeinerungen noch angebracht", sagte der Philosoph.

Eskalation der Ermahnungen

Brüntrup sprach von einer "eskalierenden Abfolge in Leos eigener Rhetorik": allgemeine Aufrufe zum Dialog Anfang März, dann ein privater Appell an Trump für einen "Ausstieg" vergangene Woche, die Osterbotschaft "Urbi et orbi", in der diejenigen, die Waffen besitzen, aufgefordert wurden, diese niederzulegen, und nun eine direkte, vor laufender Kamera geäußerte Verurteilung sowohl auf Italienisch als auch auf Englisch, in der die Drohung Trumps als "nicht akzeptabel" und der Krieg als nach allgemeiner Meinung "ungerecht" bezeichnet wurde.

Als besonders außergewöhnlich bezeichnete es der Jesuit, dass der Papst die US-Bürger aufgefordert habe, sich an ihre Regierungen und gewählten Vertreter zu wenden. "Dieser Schritt ist besonders ungewöhnlich: Er verwandelt eine spirituelle Ermahnung in eine zivilgesellschaftliche Mobilisierung." (KNA)