Zum außerordentlichen Konsistorium

Warum der Papst die Kardinäle nach Rom ruft

Veröffentlicht am 01.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

Vatikanstadt/Bonn ‐ Zu Jahresbeginn kamen alle Kardinäle der Weltkirche in Rom zusammen, um unter dem Vorsitz von Papst Leo XIV. über die Zukunft der katholischen Kirche zu beraten. Im Juni soll es weitergehen. Doch was ist ein Konsistorium?

  • Teilen:

Auf Einladung des Papstes sind die Kardinäle der Weltkirche bereits zu Jahresbeginn für zwei Tage zu einem Konsistorium nach Rom gekommen. Erstmals seit der Wahl von Papst Leo XIV. trat damit das Kardinalskollegium zusammen, um über die Zukunft der katholischen Kirche zu beraten. Auf der Tagesordnung standen Synodalität und Mission, Fragen der Kurienreform und der Liturgie fanden hingegen – erstmal – keine Mehrheit. Nun soll es im Juni ein weiteres Spitzentreffen der 243 Purpurträger geben. Das kommende zweitägige außerordentliche Konsistorium soll nach einer an die Medien gelangten Einladung des Kardinaldekans am 26. Juni beginnen.

Das Kardinals-Kollegium unterstützt den Papst bei der Leitung der Kirche und steht ihm beratend zur Seite. Häufig wird es auch als "Senat" des Papstes bezeichnet. Vorsitzender des Kollegiums ist der Kardinaldekan, derzeit Kardinal Giovanni Battista Re. Mit dem Gremium, das den Papst wählt, ist es jedoch nicht identisch: An einem Konklave dürfen nur Kardinäle teilnehmen, die das 80. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Damit sind derzeit noch 118 der insgesamt 243 Kardinäle der Weltkirche in einem möglichen Konklave stimmberechtigt. Die Zahl der potenziellen Papstwähler fällt damit erstmals seit langer Zeit wieder auf jene Obergrenze, die Johannes Paul II. (1978–2005) einst festgelegt hatte.

Unter Vorsitz des Papstes

Doch einen Schritt zurück: Was ist ein Konsistorium und worum geht es darin? Als Konsistorium bezeichnet man zunächst einmal eine Versammlung der Kardinäle unter dem Vorsitz des Papstes. Das Kirchenrecht unterscheidet zwischen einem ordentlichen und einem außerordentlichen Konsistorium. Der entscheidende Unterschied: Zu einer außerordentlichen Versammlung beruft der Papst alle Kardinäle ein. An einem ordentlichen Konsistorium nehmen meist nur die in Rom anwesenden Kardinäle teil, häufig zur Durchführung offizieller Akte.

Ordentliche Konsistorien gibt es in zwei Formen. Meist kommen die Kardinäle zu Selig- und Heiligsprechungen, zur Verleihung des Palliums an Erzbischöfe oder zur Kreierung neuer Kardinäle zusammen. Im Kirchenrecht (can. 353 §2) heißt es: "Zum ordentlichen Konsistorium werden alle, zumindest die in der Stadt Rom anwesenden Kardinäle einberufen zur Beratung gewisser schwerwiegender Angelegenheiten, die jedoch regelmäßiger anstehen, oder zur Durchführung gewisser besonders feierlicher Akte."

Frage der Regelmäßigkeit

Wie regelmäßig diese jedoch stattfinden, war in den vergangenen Jahrzehnten sehr unterschiedlich. Unter Johannes Paul II. fanden in 25 Jahren sechs außerordentliche Konsistorien statt. Im Februar 2001 ernannte er im Zuge eines ordentlichen Konsistoriums 44 neue Kardinäle, darunter Karl Lehmann, Walter Kasper, Johannes Degenhardt, Leo Scheffczyk sowie Jorge Mario Bergoglio, der zwölf Jahre später Oberhaupt der katholischen Kirche werden sollte. Unter den damaligen Ernennungen befand sich auch der heutige Dekan des Kardinalskollegiums, Giovanni Battista Re.

Bild: ©picture-alliance/dpa/Dominik Obertreis

Unter Johannes Paul II. fanden in 25 Jahren sechs außerordentliche Konsistorien statt.

Der Nachfolger von Johannes Paul II., Benedikt XVI. (2005-2013), hielt offiziell keine außerordentlichen Konsistorien ab. Er berief das Kardinalskollegium jedoch mehrfach zu nicht öffentlichen Sitzungen zusammen – 2006, 2007 und 2010, oft parallel zu ordentlichen Konsistorien zur Kardinalserhebung. Nach eigenen Angaben beeinflussten die Stellungnahmen der 2006 versammelten Kardinäle seine Entscheidung für das Motu proprio "Summorum Pontificum" (2007). Damit hatte Benedikt die Feier der Liturgie nach den Messbüchern von 1962 deutlich erleichtert. Von den ordentlichen Konsistorien gab es fünf, bei denen er insgesamt 90 Kardinäle kreierte. Darunter waren auch deutschsprachige Geistliche wie Reinhard Marx, Walter Brandmüller und Kurt Koch.

Die bislang letzte außerordentliche Versammlung in klassischer Form fand 2014 unter Papst Franziskus statt. Er rief das gesamte Kardinalskollegium nach Rom, um über das Thema Familie zu beraten und Grundlagen für die Familiensynoden 2014 und 2015 zu legen. Große Aufmerksamkeit erhielt dabei Kardinal Walter Kasper. Sein "Kasper-Vorschlag", geschiedenen und zivil wiederverheirateten Katholiken unter bestimmten Bedingungen den Kommunionempfang zu ermöglichen, löste intensive Debatten aus – und prägte später auch das Schreiben "Amoris Laetitia" von 2016.

Neue Form unter Leo

Unter Papst Leo XIV. soll es bereits beim ersten außerordentlichen Konsistorium zu einem Formwechsel gekommen sein. Konservative Medien sprachen von einem "Bruch", da das Format der Synode zur Synodalität (2023–2024) übernommen wurde. Die rund 170 anwesenden Kardinäle sollen an Rundtischen gesessen haben, gearbeitet wurde mit der Kommunikationsform der Weltsynode, den sogenannten "Gesprächen im Geist". Jeder Kardinal soll drei Minuten Redezeit erhalten haben, gefolgt von einer Phase der Stille und einer weiteren Antwortrunde. Von insgesamt 20 Tischen wurden im Plenum nur die Berichte von neun Gruppen mit wahlberechtigten Kardinälen in Diözesen oder als Nuntien vorgestellt. Die übrigen elf Tische mit nicht wahlberechtigten Kardinälen und Kurienmitarbeitern reichten ihre Ergebnisse direkt an den Papst weiter. Für freie Wortmeldungen in Anwesenheit des Papstes waren lediglich zwei Sitzungen von jeweils 45 Minuten vorgesehen.

Papst Leo XIV.
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani

Unter Papst Leo XIV. soll es bereits beim ersten außerordentlichen Konsistorium zu einem Formwechsel gekommen sein.

Ein Verfahren, das unter den Kardinälen auch für Kritik gesorgt haben soll. Das englische Magazin "Catholic Herald" zitierte einen nicht namentlich genannten hochrangigen Kardinal, der erklärte, dass er Synodalität grundsätzlich unterstütze, es jedoch klare Leitplanken braucht – genauso wie eine genaue Definition. Ein weiterer nicht genannter konservativer Kardinal kritisierte dem Bericht zufolge die Sitzordnung und den synodalen Stil der Beratungen der Kardinäle. Ein anderer Kardinal kritisierte zudem, dass die Purpurträger nur wenige Tage vor dem Start des Konsistoriums über den Ablauf informiert worden seien und einige ältere Kardinäle ihre E-Mails nicht regelmäßig abriefen.

Wie es beim kommenden außerordentlichen Konsistorium im Juni aussehen wird, bleibt derzeit offen. Da Papst Leo in seinem Weihnachtsbrief vor der ersten Versammlung von einem "Moment der Reflexion und des Austauschs" sprach, ist davon auszugehen, dass der synodale Stil auch bei außerordentlichen Konsistorien beibehalten wird. Ob der Papst dem Konsistorium und dem Kardinalskollegium in der Kirchenleitung dauerhaft mehr Gewicht geben will, dürfte sich nach dem Juni-Treffen zeigen. Klar ist schon jetzt: Das Verhältnis zwischen Papst und Kardinälen wird in den kommenden Jahren eine Schlüsselrolle spielen.

Von Mario Trifunovic