Mitten im Polizeirevier: Wenn ehrenamtliche Seelsorgerinnen zuhören
"Ich stehe tatsächlich mitten im Geschehen." Wenn Susanne Lubig von ihrem Ehrenamt erzählt, klingt das einigermaßen unspektakulär – und beschreibt doch ziemlich genau, worum es geht. Kein Büro, kein geschützter Raum, keine langen Vorankündigungen. Stattdessen ein Polizeirevier, in dem ständig jemand kommt oder geht, Telefone klingeln, Einsätze dazwischenfunken. Und mittendrin eine Frau, die einfach da ist und zuhört.
Lubig, 65 Jahre alt, hat vor ihrem Eintritt in den Ruhestand viele Jahre in der katholischen Schwangerschaftsberatung gearbeitet. Auf das neue Angebot der ehrenamtlichen Polizeiseelsorge in Mecklenburg-Vorpommern stieß sie eher zufällig – ein Aushang in der Kirche weckte ihr Interesse, einen Tag vor Bewerbungsschluss. "Ich habe gedacht: Das ist es", sagt sie. Die Idee, in einem völlig neuen Umfeld aktiv auf Menschen zuzugehen, habe sie sofort angesprochen. Sie habe bewusst Zeit für ein Engagement gesucht – und zugleich eine Aufgabe, die sie fordert.
"Es ist nicht so, dass mir jemand sofort sein Herz ausschüttet"
Heute geht sie etwa alle zwei Wochen ins Revier in Hagenow südlich von Schwerin, mal vormittags, mal mittags, mal abends. Manchmal bleibt sie nur kurz, wenn viel Betrieb ist, manchmal zwei Stunden. Einen festen Platz hat sie nicht. Gespräche entstehen spontan, oft beiläufig. "Es ist nicht so, dass mir jemand sofort sein Herz ausschüttet", sagt sie. Dafür ist die Situation zu öffentlich. Und doch entwickeln sich Kontakte – über den Dienst, über das Leben, manchmal über Dinge, die schwer auf der Seele liegen. Oft beginne es mit einem kurzen Satz, einer Bemerkung im Vorbeigehen. Der Rest entwickle sich – oder auch nicht.
Dass es diese Form der Seelsorge überhaupt gibt, ist neu. In Mecklenburg-Vorpommern unterstützen seit gut einem Jahr erstmals Ehrenamtliche die katholische Polizeiseelsorge – ein Modell, das es so bislang in keinem anderen Bundesland gibt. Entstanden ist es aus einer praktischen Herausforderung: zu wenige Hauptamtliche für ein großes Flächenland. "Gerade in Vorpommern ist die Struktur eher dünn", sagt die hauptamtliche katholische Polizeiseelsorgerin Christina Innemann. Gemeinsam mit ihrem evangelischen Kollegen ist sie für rund 6.000 Polizeibeschäftigte zuständig – bei langen Wegen und begrenzter Zeit. Es könne vorkommen, dass allein die Anfahrt zu einem Termin mehrere Stunden in Anspruch nehme. Zeit, die dann an anderer Stelle fehlt.
Anstoß für neues Modell kam aus der Polizei
Der Anstoß für das neue Modell kam aus der Polizei selbst. Ein Beamter brachte die Idee ins Gespräch, Ehrenamtliche einzubinden – als zusätzliche Präsenz, nicht als Ersatz. Daraus entwickelte sich zwischen den beiden zuständigen Erzbistümern Berlin und Hamburg und dem Innenministerium in Schwerin ein konkretes Projekt. Als Innemann 2022 ihre Stelle als Polizeiseelsorgerin für Mecklenburg-Vorpommern antrat, gehörte der Aufbau eines solchen Ehrenamtsmodells zu ihrem Auftrag. Das Ziel: ein Konzept entwickeln, Ehrenamtliche gewinnen, das Ganze vorsichtig aufbauen.
"Wir sind nicht einfach losgelaufen, sondern haben alles Schritt für Schritt aufgebaut", sagt sie. Gespräche mit Behördenleitern, Rundmails an Dienststellen, die Frage, wer sich eine Mitarbeit vorstellen kann – all das gehörte dazu. Innemann ging zunächst allein in die Reviere, später gemeinsam mit den Ehrenamtlichen. Informationsveranstaltungen sollten Transparenz schaffen und mögliche Vorbehalte abbauen. Denn die gab es durchaus.
Christina Innemann ist seit 2022 hauptamtliche katholische Polizeiseelsorgerin in Mecklenburg-Vorpommern.
Eine zentrale Frage betraf etwa die Verschwiegenheit. Während für hauptamtliche Seelsorger seit langem klare Regeln gelten, ist die rechtliche Lage bei Ehrenamtlichen noch nicht vollständig geklärt. Bundesweit wird zum Beispiel darüber diskutiert, ob das Seelsorgegeheimnis künftig ausdrücklich auch für sie gelten soll. "Das würde sicherlich zusätzliche Sicherheit geben", sagt Innemann. Gleichzeitig habe man von Anfang an offen kommuniziert, dass diese Fragen noch im Prozess sind – und großen Wert auf Sensibilisierung gelegt.
Trotz solcher offenen Punkte ist das Projekt inzwischen gestartet. Drei Ehrenamtliche sind derzeit im Einsatz, sorgfältig ausgewählt und vorbereitet. Die Kriterien orientierten sich an der Notfallseelsorge: Lebenserfahrung, Belastbarkeit, Offenheit. In mehreren Schulungen ging es um Gesprächsführung – etwa darum, wie man überhaupt ins Gespräch kommt –, um das Setzen von Grenzen und um die besondere Kultur der Polizei. Auch Themen wie psychische Erkrankungen wurden angesprochen, um die Ehrenamtlichen auf mögliche Situationen vorzubereiten.
Regelmäßige Besuche in den Dienststellen
Dass sich überhaupt genügend Interessierte fanden, war für Innemann keine Selbstverständlichkeit. Im Vorfeld habe es immer wieder geheißen, Ehrenamtliche würden sich für eine solch herausfordernde Tätigkeit kaum finden lassen – zumal im wenig katholischen Mecklenburg-Vorpommern. Umso größer war die Überraschung, als sich mehrere Menschen meldeten – überwiegend Frauen mit beruflicher Erfahrung im sozialen Bereich.
Im Alltag zeigt sich nun, wie das Konzept trägt. Die Ehrenamtlichen gehen regelmäßig in die Dienststellen, meist ohne Anmeldung. "Sie klingeln einfach im Revier, stellen sich vor und schauen, ob jemand Gesprächsbedarf hat", beschreibt Innemann. Besonders im Blick ist dabei die Schutzpolizei im Schichtdienst – also diejenigen, die häufig als Erste zu Einsätzen fahren und besonders belastet sind.
Zusätzliche Präsenz als zentraler Vorteil
Gerade die zusätzliche Präsenz ist aus Innemanns Sicht ein zentraler Vorteil des neuen Modells. Während sie selbst nur ein- oder zweimal im Jahr spontan in eine Dienststelle komme, könnten Ehrenamtliche alle paar Wochen vorbeischauen. "Dadurch werden sie schneller zu vertrauten Gesichtern." Vertrauen entstehe nicht durch einmalige Gespräche, sondern durch Wiederholung, durch Verlässlichkeit im Alltag.
Das erlebt auch Susanne Lubig. Viele Begegnungen bleiben kurz, manche entwickeln sich über mehrere Besuche hinweg, erzählt sie. Inzwischen werde sie oft direkt angesprochen, manchmal auch nur mit einem knappen Gruß. "Ich muss mich nicht mehr erklären", sagt sie. Gerade diese Selbstverständlichkeit sei ein Zeichen dafür, dass das Angebot inzwischen angenommen werde.
„Da ist plötzlich wieder Leben in den Augen, da ist wieder Spannung im Körper.“
Wie wichtig solche Angebote sind, weiß auch Jörg Lohrmann. Der Polizeioberkommissar aus Güstrow arbeitet selbst in der Einsatznachsorge. Mit dem neuen Ehrenamtsmodell hat er zwar noch keine direkten Erfahrungen. Doch den Bedarf kennt er genau. "Wer in einer seelischen Notlage ist, ist dankbar für jede Hilfe", sagt er. Dabei spiele es keine Rolle, ob diese von haupt- oder ehrenamtlichen Seelsorgern komme. Gerade in einem Flächenland sei zusätzliche Präsenz ein Vorteil. Wenn jemand vor Ort erste Gespräche führen könne, während die hauptamtliche Seelsorge noch unterwegs ist, entlaste das alle Beteiligten.
Lohrmann beschreibt, wie stark Gespräche wirken können. Kolleginnen und Kollegen gingen oft sichtbar belastet in ein Gespräch – und kämen verändert zurück. "Da ist plötzlich wieder Leben in den Augen, da ist wieder Spannung im Körper." Solche Beobachtungen zeigten, wie groß die Hilfe durch die Polizeiseelsorge sei. Zugleich gebe es vermutlich noch eine Dunkelziffer von Menschen, die Unterstützung brauchen, den Weg zur Seelsorge aber nicht finden.
"Wenn es dunkel ist und die Wellen tosen, dann ist egal, wer hilft"
Gleichzeitig hat sich die Kultur innerhalb der Polizei nach seiner Ansicht verändert. Hilfe zu suchen gilt heute weniger als Schwäche. "Wenn jemand sagt: Ich lasse mir in einer schwierigen Situation professionell helfen, dann zeigt das auch Klugheit", sagt Lohrmann. Und in akuten Krisen spiele die religiöse Herkunft des Angebots kaum eine Rolle. "Wenn es dunkel ist und die Wellen tosen, dann ist egal, wer hilft."
Auch Susanne Lubig erlebt das so. Viele Gespräche bleiben an der Oberfläche, manche gehen aber auch tiefer. Oft sind es kleine Begegnungen, kurze Sätze, ein Moment der Aufmerksamkeit. "Viele bedanken sich und sagen, dass es gut ist, dass ich da war", erzählt sie. Für sie ist das Bestätigung genug – und Motivation genug, mit dem Ehrenamt als Polizeiseelsorgerin weiterzumachen.
Kleines, aber feines Projekt
Nach dem ersten Jahr zieht auch Innemann eine positive Bilanz. Das Projekt sei "klein, aber fein". Die Begleitung der Ehrenamtlichen brauche zwar ihre Zeit, sei jedoch für die Qualität und das Gelingen des Projektes alternativlos. "Seelsorge in diesem Umfeld ist faszinierend, aber auch ein hartes Brot." Man wisse nie, wen man treffe oder wie ein Gespräch verlaufe – und müsse damit umgehen können, wenn es abrupt ende. Innemann erlebt die Begegnung und den Austausch mit den ehrenamtlichen Seelsorgerinnen nach eigenen Angaben sowohl für die Weiterentwicklung des Projektes als auch für sich persönlich als sehr bereichernd.
Wie es weitergeht, ist zwar offen – aber die Richtung scheint klar. Mehr Ehrenamtliche könnten dazukommen, vielleicht auch eine ökumenische Zusammenarbeit bei dem bislang rein katholischen Projekt. Vor allem aber zeigt sich schon jetzt, dass sich ein traditionell klar abgegrenztes Feld verändert. Oder, wie Lubig es beschreibt: Manchmal reicht es, einfach dazustehen, mitten im Polizeirevier, zwischen Funkgerät und Einsatzmeldung – und zuzuhören.
