Münster will islamische Theologie auf Augenhöhe etablieren
Was lange vorbereitet wurde, soll nun Wirklichkeit werden: Zum 1. Oktober will die Universität Münster ihr bisheriges Zentrum für Islamische Theologie in eine eigenständige Fakultät überführen. Der Gründungsbeschluss soll am 1. Juli fallen. Damit wäre Münster nach eigenen Angaben die erste staatliche Hochschule in Deutschland – und darüber hinaus in Europa –, die einer islamischen Theologie den Status einer vollwertigen Fakultät verleiht. Gründungsdekan soll der islamische Theologe Mouhanad Khorchide werden.
Der Weg dorthin war lang. Schon 2012 wurde in Münster das Zentrum für Islamische Theologie gegründet, damals mit überschaubaren Mitteln: ein Professor, wenige Mitarbeiter, 13 Studenten. Inzwischen ist daraus eine Einrichtung mit mehr als 450 Studenten und rund 80 Beschäftigten gewachsen. Bereits vor mehr als zehn Jahren fasste die Universität intern den Beschluss, das Zentrum perspektivisch in einen eigenen Fachbereich zu überführen. Doch es brauchte Zeit – vor allem, um die nötige personelle Ausstattung aufzubauen. Erst mit der achten Professur sah die Hochschulleitung die Voraussetzungen als erfüllt an, um eine Fakultät zu gründen, die sich akademisch selbst verwalten kann.
Mit dem neuen Status verbindet sich mehr als Symbolik. Fakultäten gelten im deutschen Hochschulsystem als die zentralen akademischen Einheiten. Sie verfügen über weitreichende Rechte: Sie können Promotionen und Habilitationen eigenständig durchführen, über Berufungen mitentscheiden und ihre Studiengänge selbst gestalten. Für die islamische Theologie bedeutet das eine deutliche Aufwertung.
„Es geht um Arbeit auf Augenhöhe mit den evangelischen und katholischen Fakultäten.“
"Es geht um Arbeit auf Augenhöhe mit den evangelischen und katholischen Fakultäten", sagte Universitätsrektor Johannes Wessels bei der Vorstellung des Projekts im Rahmen einer Pressekonferenz am Mittwoch. Tatsächlich ist die institutionelle Gleichstellung ein Kernanliegen, das auch politisch immer wieder eingefordert wurde. Bislang ist islamische Theologie an deutschen Universitäten meist in Form von Zentren oder Instituten organisiert – oft eingebettet in größere Fachbereiche wie Philologie oder Kulturwissenschaften.
Doch während sich die Strukturen angleichen, bleibt ein entscheidender Unterschied bestehen. Anders als die christlichen Kirchen verfügt der Islam in Deutschland über keine einheitliche Organisationsstruktur, die als Ansprechpartner für den Staat fungieren könnte. Genau hier setzt das sogenannte Beiratsmodell an.
In Münster übernimmt ein Gremium aus Vertretern muslimischer Organisationen eine Funktion, die bei den Studiengängen christlicher Theologie den Kirchen zukommt. Vertreten sind unter anderem die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland und der Zentralrat der Muslime in Deutschland. Der Beirat soll die religiöse Legitimation der Fakultät sichern und hat bei zentralen Fragen ein Mitspracherecht – etwa bei Berufungen oder der Ausgestaltung von Studieninhalten.
Keine zusätzlichen Mittel für neue Fakultät
Allerdings ist dieses Mitspracherecht begrenzt. Wie Khorchide, derzeit Leiter des Zentrums für Islamische Theologie, erläuterte, kann der Beirat nur aus religiösen Gründen eingreifen, etwa wenn grundlegende Glaubensüberzeugungen infrage gestellt würden. Wissenschaftliche Kriterien – etwa die Forschungsleistung eines Bewerbers – blieben Sache der Universität.
Anders als bei einer so symbolträchtigen Gründung zu vermuten wäre, fließen laut Universität keine zusätzlichen finanziellen Mittel. Vielmehr wird das bestehende Budget des Zentrums für Islamische Theologie in die neue Fakultätsstruktur überführt. "Es wird kein neuer Topf aufgemacht", betonte Rektor Wessels. Die Finanzierung sei über Jahre hinweg mit dem Land Nordrhein-Westfalen abgestimmt worden, auf Grundlage der Vereinbarung, die Fakultät schrittweise aufzubauen – gekoppelt an die Besetzung von Professuren. Erst wenn eine Stelle besetzt war, wurde die nächste bewilligt. Dieses Vorgehen erklärt, warum sich der Prozess über mehr als ein Jahrzehnt erstreckte.
Mit der neuen Eigenständigkeit gehen zudem zusätzliche Pflichten einher. Die Fakultät muss künftig ihr Lehrangebot eigenständig organisieren, Studiengänge akkreditieren lassen und Zielvereinbarungen mit der Universitätsleitung treffen. Auch rechtlich bleibt sie in die Strukturen des Hochschulsystems eingebunden – etwa durch das Hochschulgesetz oder Vorgaben zur Gleichstellung und Qualitätssicherung.
Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Direktor des Zentrums für Islamische Theologie und Gründungsdekan der neuen Fakultät, spricht während einer Pressekonferenz. An der Universität Münster nimmt zum 1. Juli eine Islamisch-Theologische Fakultät ihre Arbeit auf.
Inhaltlich setzt die Fakultät auf einen pluralen Ansatz. Der Islam ist keine einheitliche Größe, sondern umfasst verschiedene Strömungen, Rechtsschulen und theologische Traditionen. In Deutschland dominiert zwar der sunnitische Islam, doch auch schiitische und andere Richtungen spielen eine Rolle.
Nach Angaben Khorchides soll diese Vielfalt bewusst abgebildet werden. So werde es eigene Lehrangebote zum schiitischen Islam geben, und entsprechende Perspektiven würden auch in anderen Veranstaltungen berücksichtigt. "Wir verstehen uns nicht als sunnitische Fakultät", betonte der Theologe. Ziel sei es, die gesamte Bandbreite islamischer Traditionen in Forschung und Lehre einzubeziehen.
Khorchide bezeichnete die neue Fakultät als wichtiges Signal für Muslime in Deutschland und Europa. Sie ermögliche eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam auf Augenhöhe mit christlicher Theologie. Das Projekt sei ein "Leuchtturm für einen aufgeklärten, weltoffenen Islam". Dazu gehöre auch ein historisch-kritischer Zugang zu religiösen Quellen – ein Ansatz, der in Teilen der islamischen Welt noch immer umstritten ist. Khorchide berichtete von großem internationalen Interesse an diesem Modell, etwa aus Ländern wie Marokko oder Indonesien.
Fakultät will auch gesellschaftlich wirken
Die Ambitionen gehen über die reine Wissenschaft hinaus. Die Fakultät versteht sich auch als Akteur in gesellschaftlichen Debatten – etwa bei Fragen von Integration, Radikalisierung oder religiöser Bildung. Absolventen sollen nicht nur im Schuldienst arbeiten, sondern auch in Moscheegemeinden, sozialen Einrichtungen oder staatlichen Institutionen.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Prävention von Extremismus. Dabei geht es nicht nur um klassische Bildungsangebote, sondern auch um neue Kommunikationswege – etwa über Soziale Medien. Projekte, die gemeinsam mit staatlichen Stellen entwickelt werden, sollen gezielt junge Menschen ansprechen und alternative religiöse Narrative vermitteln.
Künftig soll die Fakultät in Münster Teil eines neuen "Campus der Theologien und Religionen" werden, auf dem auch katholische und evangelische Theologie sowie Judaistik vertreten sind. Die räumliche Nähe ist bewusst gewählt: Sie soll den interreligiösen Austausch fördern und neue Formen der Zusammenarbeit ermöglichen.
Studierende verschiedener Theologien sollen zumindest räumlich nah aneinander bleiben.
Schon heute gibt es gemeinsame Lehrveranstaltungen und Projekte, etwa in der Ausbildung von Religionslehrkräften. Mit dem neuen Campus könnte dieser Austausch weiter intensiviert werden. Die Universität sieht darin ein Modell für den Dialog zwischen Religionen - nicht nur akademisch, sondern auch gesellschaftlich.
Aus der Politik kommt Zustimmung. Die religionspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Lamya Kaddor, sprach von einem "historischen Schritt" für eine gleichberechtigte Religionspolitik. Die Fakultät sei ein starkes Signal für die Anerkennung muslimischen Lebens in Deutschland. Zugleich eröffne sie neue Chancen für Forschung und Ausbildung und könne dazu beitragen, religiöse Fachkräfte stärker im Inland auszubilden und unabhängiger von Einflüssen aus dem Ausland zu werden.
Gleichzeitig bleiben Fragen offen. Wie stabil ist das Beiratsmodell auf Dauer? Gelingt es, die Balance zwischen wissenschaftlicher Freiheit und religiöser Bindung zu halten? Und wird Münster ein Einzelfall bleiben – oder Vorbild für weitere Standorte? Fest steht: Mit der neuen Fakultät betritt Deutschland institutionell Neuland. Ob sie tatsächlich zum "Leuchtturm" wird, als den ihre Initiatoren sie sehen, dürfte sich erst in den nächsten Jahren zeigen.
