Keine Einheit in der Kirche, solange es Diskriminierung gibt
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Der Papst hat Recht, wenn er sagt, Fragen zur Sexualität stünden nicht im Zentrum der kirchlichen Lehre. Das ist eigentlich nichts Neues und doch existiert nicht nur in der nichtkirchlichen Öffentlichkeit der Eindruck, die katholische Lehre zeichne sich vor allem durch eine Fixierung auf das Thema Sexualität aus. Die Orientierung an Jesus von Nazareth ist der Kern der christlichen Botschaft.
Leo XIV. hat diese Entwicklung kritisch zur Sprache gebracht, ausgerechnet allerdings im Kontext seiner ablehnenden Haltung zur Empfehlung des Münchener Kardinals Reinhard Marx, die Handreichung zu den Segensfeiern umzusetzen. "In Wirklichkeit", so der Papst, "gibt es viel größere und wichtigere Themen wie Justiz, Gleichberechtigung, Freiheit von Mann und Frau, Freiheit der Religion."
Ich halte es nicht für richtig, wenn der Papst den Eindruck erweckt, als gehe es bei der Frage der Segensfeiern und bei der kirchlichen Anerkennung queerer Lebensrealitäten nicht auch wesentlich um das Thema Gerechtigkeit und um die Korrektur des herkömmlichen kirchlichen Geschlechterbildes, nach dem es in der göttlichen Schöpfungsordnung nur Männer und Frauen gebe.
Durch Äußerungen wie die jüngste Stellungnahme des Papstes entsteht der Eindruck, die Segensfeiern seien ein Randthema, eher eine europäische Modeerscheinung oder einseitige Kirchenpolitik und zudem noch mitverantwortlich für die Spaltung der Weltkirche. Für die Spaltung der Weltkirche kann doch nicht ein Mehr an Gerechtigkeit verantwortlich gemacht werden! Gerechtigkeit irritiert vielleicht diejenigen, die bislang von der Ungerechtigkeit profitiert haben, Diskriminierung und Ausgrenzung hingegen wirken zerstörerisch und spaltend. Kirchlich wie gesamtgesellschaftlich kann es keine wirkliche Einheit auf der Basis von Diskriminierung geben, auch nicht auf der Basis von ein bisschen weniger Diskriminierung.
Interessant war, dass der Papst beim gleichen Flug zu einem anderen Thema im Kontext seiner Afrikareise deutlich Stellung bezogen hat, zur Todesstrafe nämlich. Sie hat er eindeutig verurteilt. Übrigens galt die Todesstrafe nicht immer mit der kirchlichen Lehre für absolut unvereinbar. Seit einer Änderung durch Papst Franziskus im Jahr 2018 bezeichnet der Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 2267) die Todesstrafe als "unzulässig", da sie gegen die Unantastbarkeit und Würde der Person verstößt. Und das, obwohl es in etlichen Ländern wie in den USA unter überzeugten katholischen Christen noch glühende Verfechter der Todesstrafe gibt. Es bleibt zu hoffen, dass auch in der Frage der lehramtlichen Beurteilung queerer und anderer Lebensrealitäten, die bisher ausgegrenzt werden, das "Einheits"-Argument nicht länger zur Abwehr eingesetzt wird und die kirchliche Lehre auch in dieser Hinsicht geändert wird.
Der Autor
Burkhard Hose ist Hochschulpfarrer in Würzburg.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.
