Theologin: Bei spirituellem Missbrauch auch dogmatische Ebene beachten

Die Augsburger Theologin Gabriela Wozniak fordert, bei der Auseinandersetzung mit spirituellem Missbrauch in der Kirche auch die dogmatische Ebene stärker in den Blick zu nehmen. Es dränge sich die Frage auf, "wie es geschehen kann, dass dieselben Glaubensinhalte, die für viele Gläubige tragend und identitätsstiftend sind, zugleich dafür genutzt werden können, spirituelle Abhängigkeiten zu erzeugen, die sich kaum durchbrechen lassen", schreibt Wozniak in einem Essay für die "Herder Korrespondenz" (Mai-Ausgabe). Nur dort, wo verstanden werde, wie das Heilige pervertiert werden könne, lasse sich neu begreifen, worin seine eigentliche Wahrheit bestehe.
Entscheidend ist für Wozniak dabei die Auseinandersetzung mit den Begriffen der Stellvertretung und der Vollmacht durch das Amt in der Kirche. "Sakramentale Vollmacht bleibt nur dann theologisch wahr, wenn sie in Demut und Lauterkeit getragen ist", so die Theologin. "Erst auf diesem Fundament kann von Stellvertretung gesprochen werden, die keine überhöhte Selbstermächtigung darstellt, sondern sich viel mehr als eine auf Gott hin transparente Teilnahme versteht." Stellvertretung bedeute immer Selbstentäußerung, niemals aber Aneignung. "Wer im Namen Christi handelt, verrichtet seinen Dienst nur dann authentisch, wenn er sich selbst darin relativiert."
Aufwertung statt Stellvertretung
Gefährlich werde es dort, wo das Handeln im Namen Christi stattdessen als persönliche Aufwertung verstanden werde, schreibt die Theologin weiter. "Aus einer Theologie der Stellvertretung wird eine Praxis der Stellübernahme – mit gravierenden Folgen für diejenigen, die sich geistlicher Leitung anvertrauen." Geistlicher Missbrauch könne dann als Schattenseite einer überhöhten Selbstbehauptung gedeihen.
Die Gefahr des spirituellen Machtmissbrauchs verringere die Kirche, indem sie darauf bestehe, dass sie Zeichen und Werkzeug Christi sei und damit ihre eigene Autorität prinzipiell relativiert sei. "Die Aufgabe besteht daher nicht darin, kirchliche Vollmachten abzuschaffen, sondern die Herausforderung ist es, diese Vollmachten von einer Aura der Unantastbarkeit zu befreien", betont Wozniak.
"Jede Form geistlicher Leitung steht im Spannungsfeld zwischen der Freiheit, zu der Gott selbst ruft, und der demütigen Selbsttranszendenz dessen, der leitet", so die Theologin. Die bleibende Aufgabe der Kirche sei daher, ihre eigenen Vollmachten nicht nur rechtlich, sondern auch theologisch kritisch zu durchdenken. "Wo geistliche Autorität ihre Grenze anerkennt, wo sie sich als Dienst an der Freiheit des Gewissens versteht und nicht als deren Ersatz, kann sie zu jenem Raum werden, in dem Menschen Gott begegnen, ohne sich selbst zu verlieren." (mal)