Warum Ordensleute auf Social Media viral gehen

Es ist ein Video, das Freude macht – obwohl es vordergründig eine ganz normale Alltagsszene zeigt: eine Person, die einen Döner isst. Doch in dem aktuell viral gehenden Instagram-Post der Arenberger Dominikanerinnen wird das deutsch-türkische Kult-Gericht nicht wie sonst eher üblich von einem Teenager oder einem Studenten am Ende einer langen Party-Nacht gegessen, sondern von Schwester Irmingard. Und die ist bereits stolze 92 Jahre alt und isst in dem Video zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben einen Döner.
"Ich bin ganz begeistert", sagt die Ordensschwester in dem Video und lächelt verschmitzt. Für einen kurzen Augenblick korrigiert sie ihr Alter sogar auf 82 – so, als ob der Döner sie direkt zehn Jahre jünger gemacht hätte. Neben ihr sitzen einige ihrer Mitschwester, auf dem Plastiktisch vor ihr stehen Getränkeflaschen. Es ist eine unspektakuläre Szenerie – und genau das macht sie so besonders. Gefilmt hat den Moment die 28-jährige Schwester Clarita, die das Video wenig später auf dem Instagram-Kanal der Arenberger Dominikanerinnen postet und damit einen viralen Hit landet. Seit der Veröffentlichung des kurzen Clips vor fünf Tagen wurde er bereits mehr als sieben Millionen Mal aufgerufen.
Auch andere Ordensleute erreichen ein Millionenpublikum
Der Clip der Arenberger Dominikanerinnen ist kein Einzelfall. Immer wieder erreichen Ordensleute in sozialen Netzwerken enorme Reichweiten. So geben auf TikTok etwa auch die Benediktinerinnen aus Osnabrück Einblicke in ihr Leben – und erreichen damit ebenfalls ein Millionenpublikum. Das wirkt zunächst paradox: Während die meisten Klöster in Deutschland mit Nachwuchsmangel zu kämpfen haben, Gemeinschaften schrumpfen und Häuser schließen müssen, entfalten Ordensleute im digitalen Raum plötzlich eine enorme Sichtbarkeit.
„Ordensleute haben einen klaren Vorteil im Kampf um unsere Aufmerksamkeit“
Ein Grund für diesen Erfolg liegt im Überraschungseffekt. Ordensleute werden gemeinhin mit einer klaren Erwartungshaltung verbunden: einem Leben in Stille, geprägt von Gebet, Ordnung und Tradition. Wenn genau diese Menschen dann Döner essen, tanzen oder humorvoll an Social-Media-Trends teilnehmen, entsteht ein Kontrast, der sofort Aufmerksamkeit erzeugt. "Ordensleute haben einen klaren Vorteil im Kampf um unsere Aufmerksamkeit", sagt katholisch.de-Social-Media-Leiterin Meike Kohlhoff. "Allein ihre Kleidung macht sie zu einem sogenannten Thumbstopper." In der Logik sozialer Netzwerke bedeutet das: Nutzer bleiben beim Scrollen hängen, weil etwas anders aussieht als der gewohnte Strom an Inhalten.
Doch es ist nicht nur die äußere Erscheinung. Hinzu kommt die besondere Form von Authentizität, die viele dieser Videos auszeichnet. Die Clips wirken selten durchinszeniert oder perfekt produziert. Stattdessen zeigen sie einfache, unmittelbare Momente: ein Gespräch, ein gemeinsames Essen, ein kurzer Scherz. Für viele Zuschauer entsteht so der Eindruck, einen echten Einblick in eine sonst verborgene Welt zu bekommen. "Man hat das Gefühl, durch das Schlüsselloch zu schauen", beschreibt Kohlhoff diesen Reiz. Gerade weil das Klosterleben für viele Menschen fremd ist, entsteht Neugier. Was passiert hinter Klostermauern? Wie leben Ordensleute wirklich? Social Media liefert darauf plötzlich niedrigschwellige Antworten.
Humor, Selbstironie und kleine persönliche Geschichten
Diese Niederschwelligkeit ist ein weiterer Erfolgsfaktor. Religiöse Inhalte erscheinen in den Posts nicht als Predigt oder moralischer Appell, sondern eingebettet in Alltagssituationen. Humor, Selbstironie und kleine persönliche Geschichten ersetzen komplexe theologische Erklärungen. Das senkt die Hemmschwelle, sich überhaupt mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen. Gleichzeitig transportieren viele der erfolgreichen Beiträge eine positive Grundstimmung: Freude, Gemeinschaft, Gelassenheit. In einer oft von Krisenmeldungen geprägten Welt wirken solche Inhalte fast wie ein Gegenpol – leicht, zugänglich, manchmal auch tröstlich.
Wenn Ordensleute humorvoll an Social-Media-Trends teilnehmen oder tanzen – wie die tanzenden Ordensfrauen im Video von "POV:JESUS" – entsteht ein Überraschungseffekt, der sofort Aufmerksamkeit erzeugt.
Nicht zuletzt folgen die viralen Clips einer einfachen erzählerischen Logik. Sie funktionieren, weil sie schnell verständlich sind und eine klare Pointe haben. "92-jährige Nonne isst ihren ersten Döner – und ist begeistert“ – das ist eine Geschichte, die ohne religiöses Vorwissen funktioniert und sofort Emotionen weckt. Genau solche einfachen, überraschenden Erzählungen werden von den Algorithmen der sozialen Plattformen bevorzugt verbreitet, erläutert Kohlhoff.
Für die Ordensgemeinschaften selbst eröffnet diese Aufmerksamkeit neue Möglichkeiten. Social Media kann Gemeinschaften und Klöster nahbarer machen und Berührungsängste abbauen. Wer sieht, wie Ordensleute lachen, essen oder kleine Alltagsmomente teilen, nimmt sie weniger als distanzierte religiöse Autoritäten wahr, sondern als Menschen mit einer besonderen Lebensform. "Wenn man merkt: Das sind auch nur Menschen, traut man sich viel eher, eine Ordensperson anzusprechen", sagt Kohlhoff. Im besten Fall könne das sogar dazu führen, dass Menschen sich intensiver mit dem Ordensleben beschäftigten – etwa durch einen Besuch oder eine Auszeit im Kloster. Auch wenn ein tatsächlicher Ordenseintritt eher selten aus einem viralen Clip entsteht, bleibt doch ein wichtiger Effekt: Der Glaube bleibt in einer zunehmend säkularen Gesellschaft sichtbar.
Trend birgt auch Risiken
Gleichzeitig birgt der Trend auch Risiken. Die starke Vereinfachung, die viele erfolgreiche Videos auszeichnet, kann ein verzerrtes Bild erzeugen. Wenn Ordensleben vor allem in Form von humorvollen oder alltäglichen Szenen erscheint, geraten andere Aspekte leicht in den Hintergrund: das geistliche Leben, die theologischen Tiefe, das gesellschaftliche Engagement vieler Orden. "Es besteht die Gefahr, Ordensleute als weniger kompetent wahrzunehmen", warnt Kohlhoff. Dabei seien viele von ihnen hochgebildet und in Kirche und Gesellschaft aktiv.
Auf dem ursprünglichen Instagram-Account der berühmt gewordenen Nonnen von Goldenstein waren teilweise ohne Wissen der betagten Schwestern Videos veröffentlicht worden, die die Debatte um deren umstrittene Rückkehr in ihr altes Kloster zusätzlich anheizten.
Hinzu kommen ethische Fragen, besonders im Umgang mit älteren Ordensmitgliedern. Nicht alle dürften vollständig erfassen, welche Reichweite ein virales Video haben kann und wie viele Menschen es sehen. Hier sei es wichtig, transparent zu machen, was mit den Aufnahmen geschieht, und die Beteiligten entsprechend einzubinden, so Kohlhoff, die als Negativbeispiel den ursprünglichen Instagram-Account der berühmt gewordenen Nonnen aus dem österreichischen Kloster Goldenstein nennt. Dort waren von Unterstützern teilweise ohne Wissen der betagten Schwestern Videos veröffentlicht worden, die die Debatte um die umstrittene Rückkehr der drei Nonnen in ihr altes Kloster zusätzlich anheizten.
Hierbei spiele auch die Wahrnehmung durch das Publikum eine wichtige Rolle, betont Kohlhoff. Virale Inhalte von Klöstern neigten dazu, eine "heile Welt" zu vermitteln. Konflikte, Ambivalenzen oder komplexe Hintergründe blieben oft ausgeblendet. In Einzelfällen kann das dazu führen, dass öffentliche Debatten verkürzt werden oder differenzierte Perspektiven kaum Gehör finden. Die scheinbare Einfachheit der Clips steht dann im Kontrast zur tatsächlichen Vielschichtigkeit kirchlicher Realität.
Neugier auf das, was hinter Klostermauern passiert
Dennoch zeigt die Praxis vieler erfolgreicher Accounts von Ordensgemeinschaften, dass Social Media mehr sein kann als nur oberflächliche Unterhaltung. Häufig sind die viralen Videos nur ein Einstieg. Wer den Kanälen länger folgt, findet dort meist auch vertiefende Inhalte: Glaubensimpulse, Einblicke in soziale Projekte, persönliche Zeugnisse. Die Mischung aus leichter Zugänglichkeit und inhaltlicher Tiefe kann dazu beitragen, ein realistischeres Bild zu vermitteln.
Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Potenzial. Der kurze Moment, in dem Schwester Irmingard in ihren Döner beißt, erzählt mehr als nur eine kleine Anekdote. Er zeigt eine Begegnung zwischen zwei Welten: einer traditionsreichen Lebensform und einer digitalen Öffentlichkeit, die nach authentischen Geschichten sucht. Dass diese Begegnung so viele Menschen erreicht, sagt nicht nur etwas über die Mechanismen sozialer Medien aus – sondern auch über die anhaltende Neugier auf das, was hinter Klostermauern geschieht.