Gemeinsamer Gottesdienst fehle

Theologe klagt über "kirchenpolitisch gesteuerte Höflichkeitsökumene"

Veröffentlicht am 30.04.2026 um 12:36 Uhr – Lesedauer: 

Halle ‐ Der ökumenische Dialog hat für den evangelischen Theologen Reinhard Thöle zwar viel Papier produziert – verfehlt aber den Kern: das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten. So könne Kircheneinheit nicht gelingen.

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In der Ökumene fehlt für den evangelischen Theologen Reinhard Thöle der gemeinsame Gottesdienst. Bei den ökumenischen Dialogen gehen sich die Kirchen auf dem Gebiet, das ihnen heilig sei, einvernehmlich aus dem Weg, schreibt der emeritierte Ostkirchenkundler der Universität Halle-Wittenberg in einem Beitrag für "Publik Forum". In diesem zentralen Bereich ihrer Existenz seien die Kirchen distanziert geblieben, "nämlich dort, wo die Einheit der Kirchen sichtbar werden müsste: im Gottesdienst im Angesicht des dreieinigen Gottes". So sei eine "Ökumene ohne Heiligtum" entstanden: "Trotz vieler Dialogtexte und gut gemeinter Absichtserklärungen sind sich die Kirchen in ihren gottesdienstlichen Herzen fremd geblieben."

Die ökumenische Bewegung und die im Rahmen ökumenischer Dialoge entstandenen Papiere, Erklärungen und Grußworte stellen für Thöle lediglich eine "kirchenpolitisch gesteuerte Höflichkeitsökumene" dar. Das zeige sich etwa daran, dass ökumenische Gottesdienste "de facto Gottesdienste zweiter Klasse" seien: "Sie dürfen die regulären Gottesdienste der Getrennten nicht ersetzen." Eine gemeinsam erarbeitete und formulierte, "vielleicht sogar angenommene" Theologie des ökumenischen Gottesdienstes sei nicht erfolgt. Ökumenische Gottesdienste atmeten "die Mühen von moderierten Kundgebungen".

Kein gegenseitiges Verständnis von Gottesdienst-Traditionen

Die verschiedenen gottesdienstlichen Traditionen stehen nach Ansicht des Theologen unverbunden nebeneinander. "Dass man auch demselben Gott in den Gottesdiensten der anderen Kirchen gegenübertreten könnte, kommt nicht in den Blick. Man kann die liturgische Grammatik der anderen Kirchen weder verstehen noch mitvollziehen." Die Ökumene der Kirchen habe es bislang nicht geschafft, ihre gegenseitig empfundenen Fremdheiten im Gottesdienst abzubauen.

Thöle bedauert, dass die Potenziale gemeinsamen Feierns nicht für die Ökumene erschlossen werden. Die Einheit der Kirche könne nicht theologisch, historisch oder liturgisch "gemacht" oder "konstruiert" werden, sie sei aber etwas, "was in der Gottesbegegnung des Gebets und im Gottesdienst empfangen werden kann".

Im vergangenen Jahr haben Vertreter der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) in Rom eine aktualisierte Fassung der Charta Oecumenica unterschrieben. In der aktualisierten Fassung ist die Selbstverpflichtung der beteiligten Kirchen enthalten, "den Gottesdienst und die weiteren Formen des geistlichen Lebens anderer Kirchen kennen und schätzen zu lernen". 1997 hatten KEK und CCEE beschlossen, Leitlinien für die ökumenische Zusammenarbeit und das Zusammenwachsen der christlichen Kirchen zu entwerfen. Dieser Text, die Charta Oecumenica, wurde 2001 unterschrieben und veröffentlicht. Seitdem haben sich weitere ökumenische Verbände der Charta angeschlossen. (fxn)