"Pontifikale Behutsamkeit"

Erstes Jahr – Papst Leo XIV. gewinnt laut Theologe Hoff an Autorität

Veröffentlicht am 05.05.2026 um 11:21 Uhr – Lesedauer: 

Wien ‐ Bilanz nach zwölf Monaten: Der Theologe Gregor Maria Hoff sieht Papst Leo XIV. gestärkt. Viele wichtige Entscheidungen sind allerdings noch offen. Worauf es nun in seinem Pontifikat ankommt.

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Ein positives Resümee des ersten Jahres von Papst Leo XIV. hat der Salzburger Theologe Gregor Maria Hoff gezogen. In einem am Montag veröffentlichten Beitrag für die Wochenzeitung "Die Furche" (online) befindet Hoff, dass der Papst zuletzt an Autorität gewonnen habe. Leo bezeichnet er als "Papst des Ausgleichs und friedensbewegter Diplomatie". Viele wegweisende innerkirchliche Entscheidungen des neuen Kirchenoberhaupts, etwa auch auf personeller Ebene, stünden freilich noch aus, so der Professor für Fundamentaltheologie und Ökumene an der Universität Salzburg.

Grundsätzlich habe "pontifikale Behutsamkeit" die bisherige Amtsführung Leos geprägt, erklärt Hoff. Zugleich zeichneten sich mit der Ankündigung seiner ersten Enzyklika theologische Konturen ab. Unter dem Titel Magnifica humanitas ("Die großartige Menschheit") soll sich das Lehrschreiben der Herausforderung Künstlicher Intelligenz stellen. Der Papst greife damit das große Thema des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) unter radikal veränderten Bedingungen auf: die Frage nach dem Menschen in der Welt von heute, so Hoff.

Entschleunigende Gelassenheit

Leos Gelassenheit entschleunige, selbst wenn er unmissverständliche Kritik an den gewaltbesetzten Machtfantasien des US-Präsidenten äußere. Das wirke auf einen "impulsgesteuerten Narzissten" wie Donald Trump freilich provozierend, so Hoff. Trumps Attacken auf Leo XIV. stärkten aber nicht nur den innerkatholischen Zusammenhalt, sondern hätten weltweite Solidarität mit dem Papst ausgelöst. "Die Stimme des ersten US-Amerikaners auf dem Stuhl Petri findet weltweit Beachtung. Prophetisch unbeirrbar bringt Leo die Friedensbotschaft des Evangeliums gegen jede Normalisierung von Politik mit militärischen Mitteln in Stellung", würdigt Hoff.

Was der Papst aus dem synodalen Reformprojekt von Franziskus macht, entscheidet sich laut Hoff an konkreten Herausforderungen. Ein Beispiel sei die Rolle der Frauen in der Kirche. Hoff: "Leo will sie stärken, kuriale Leitungsaufgaben eingeschlossen."

Katholischer Gleichgewichtssinn

Doch viel sei noch offen: "Wo steht der Papst im Ringen um die Frage, ob Frauen wenigstens zum diakonalen Amt zugelassen werden?" Immer mehr Bischöfe und Kardinäle würden Bewegungsspielräume sehen, während die Kräfte katholischer Bewahrung einen Bruch mit der Tradition fürchten. Es entspreche dem pontifikalen Stil Leos, "dass er der synodalen Transformation seiner Kirche Zeit lässt". Noch sei aber nicht entschieden, "dass es unter der Regie dieses Papstes einen Weg aus der patriarchalen Kirchenkultur geben wird".

Die kirchenpolitischen Weichenstellungen seines Vorgängers nehme Leo jedenfalls nicht zurück, auch wenn er sanfte Korrekturen vornimmt, so Hoff: "Die Liebhaber der alten Messform erhalten unter Leo wieder mehr Spielraum. Im liturgischen Habitus vermittelt sich katholischer Gleichgewichtssinn – für das überraschend kurze Konklave ein Anhaltspunkt. Die Franziskus-kritischen Kardinäle dürften sich von Robert Prevost katholische Traditionssicherheit versprochen haben, mutmaßt der Theologe. (KNA)