Aber "theologisches Outing" sei überfällig

Experten würdigen Papst Leo XIV. als ruhigen Reformer mit Kurs

Veröffentlicht am 08.05.2026 um 13:10 Uhr – Lesedauer: 

Bonn ‐ "Papa Calmo": Papst Leo XIV. prägt laut Beobachtern einen neuen Stil. Seine zurückhaltende Art verschaffe ihm Vertrauen und Autorität. Was Theologen und Historiker jetzt von ihm erwarten.

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Einer, der Leo XIV. schon länger kennt, ist zufrieden: Der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, sagt, Robert Francis Prevosts erstes Jahr als Papst Leo erfülle ihn mit Zuversicht. Im Interview der Mediengruppe Bayern sagte er am Freitag, Leo zeige sich als weltoffene Persönlichkeit, die die Weltkirche aus verschiedensten Perspektiven kennt und sich Zeit zum Nachdenken nimmt: "Er will Brücken bauen und ist der Garant der Einheit der Kirche", so Marx.

Der Papst stehe nicht für "ruckartige Wendungen". Stattdessen wolle er die Dinge entwickeln und achte darauf, dass alle zusammenbleiben. Er betone den Gedanken der Synodalität und halte an der Linie des Zweiten Vatikanischen Konzils fest. "Überraschen mag manche, wie ernsthaft und konsequent er diesen Weg geht, ohne Eile, aber mit großer Sorgfalt", ergänzte Marx.

Ernesti: Theologisches Outing überfällig

Kirchenhistoriker Jörg Ernesti äußerte sich am Donnerstag im "Deutsche Welle"-Interview überrascht darüber, wie bedächtig und reflektiert der Papst sein Amt angehe. In Italien werde er bereits als "Papa Calmo" bezeichnet, als der ruhige Papst. "Alles, was er von sich gibt, wirkt sehr durchdacht und schlüssig", so Ernesti. Dem Papst ist es aus seiner Sicht ein Anliegen, den Konsens über die Erneuerung der Kirche auf möglichst breite Füße zu stellen und alle mitzunehmen.

Allerdings sei ein "theologisches Outing" in einer ersten großen Enzyklika überfällig: Päpste hätten in einer solchen Enzyklika "gewissermaßen ihr theologisches Programm formuliert", so der Kirchenhistoriker. Er erwartet eine baldige "theologische Gesamtschau": "Es wäre ungewöhnlich und eigentlich zu wenig, wenn sich Leo schwerpunktmäßig nur zu einer konkreten Frage, beispielsweise der Bedeutung von KI, äußern würde."

Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani (Archivbild)

Papst Leo XIV. spricht mit Kardinal Reinhard Marx.

Der Münsteraner Theologe Christian Bauer bezeichnet Papst Leo als besonnenen Reformer, "der die Kunst subtiler, aber nachhaltiger Systemveränderung zu beherrschen scheint". Auch seine jüngsten Äußerungen zum umstrittenen Segen für gleichgeschlechtliche Paare seien diesbezüglich ein "Meisterwerk", schrieb Bauer im theologischen Portal "feinschwarz.net". Der Papst habe die "Interviewfalle eines Journalisten" umgangen und sich einer eindeutigen Verurteilung verweigert. Erst nach einer "relativierenden Redimensionierung des Problems" habe er die bekannte römische Position wiederholt. Zugleich habe er aber auch eine "Tür für morgen offen" gehalten.

Laut Auffassung des Professors für Pastoraltheologie und Homiletik sollte man Papst Leo wegen seiner offenkundigen Freundlichkeit nicht unterschätzen, denn er sei "nicht nur sanftmütig, sondern auch sanftmutig. Umsichtig, aber nicht feige." So sei Leo ein "sanfter Löwe", der aber irgendwann seine Krallen ausfahren und über das Erbe seines Vorgängers hinausgehen müsse: "Für seine mutig nach außen hin vertretenen Optionen von Frieden, Gerechtigkeit und Gleichheit muss er dann konsequenterweise auch im Innen der Kirche eintreten", so Bauer.

Papst als ehrlicher Makler

Der zuletzt in Freiburg in der Schweiz lehrende, emeritierte Historiker Volker Reinhardt erkennt bei Papst Leo eine "weise Zurückhaltung", die es schwer mache, nach einem Jahr Bilanz zu ziehen. Im "Communio"-Interview von Freitag sagte er, der Konflikt zwischen US-Präsident Donald Trump und dem Papst sei vor allem von Washington ausgegangen. Denn Leo XIV. stehe mit seiner "Kritik an Krieg, Gewalt und Tyrannei" und seinem Plädoyer für den Frieden in einer anderthalbtausendjährigen Tradition.

Für die Zukunft kann sich Reinhardt vorstellen, dass Leo XIV. in den gegenwärtigen Krisen als "ehrlicher Makler" auftreten könnte: Das Papsttum sei seit Johannes XXIII., also seit 1958, für diese Rolle qualifiziert. Es halte sehr allgemeine humanitäre Werte hoch und könne so zwischen weltanschaulich unterschiedlich orientierten Parteien vermitteln. "Ein zurückhaltender Papst wie Leo XIV. wäre für eine solche Rolle durchaus geeignet", so der Historiker. (KNA)