"Du sollst nicht töten" – Gilt das auch für Fliegen?
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"Paff" macht es. Die Fliegenklatsche trotzt ihrer Bestimmung und verfehlt nur knapp den schwarzen Brummer, der es sich gerade auf unserer Küchenarbeitsplatte gemütlich machen wollte. Nochmal "Paff". Erwischt. Da ist sie wieder die Jahreszeit, in der Obst keine braune Stellen haben darf, weil sonst eine Fliegenkolonie in der Küche siedelt.
"Mama, du hast die Fliege getötet", empört sich meine vierjährige Tochter. "Das darf man nicht. Du bist ein Mörder!" Ich schlucke. Die grammatikalische Ungereimtheit verzeihe ich ihr angesichts ihres Alters und des schwerwiegenden Vorwurfs, den sie mir entgegenschmettert. Ich will mich verteidigen und antworten, dass es "doch nur eine Fliege sei". Verschlucke mich aber gedanklich schon am "nur". Mir fällt keine geeignete Antwort ein. Also wähle ich die einzige mögliche Ausweichstrategie: Gegenangriff. "Was schlägst du vor?", frage ich. "Rausbringen!", antwortet sie prompt. Ich sehe sie fragend an. "In der Kita machen wir das auch so", führt sie ihren Vorschlag weiter aus. "Und wie macht ihr das?", bin ich nun auch neugierig. "Unsere Erzieherin jagt Fliegen immer mit einem Blatt raus oder sie nimmt ein Glas mit einem Papier darauf und fängt die Tiere".
Der Papst und die Fliege
Ich fühle mich schlecht. Die Erzieherin, Frau P., ist in den Augen meiner Tochter anscheinend ein besserer Mensch als ich. Natürlich habe auch ich schon das eine oder andere Mal eine Spinne mit dem Glas eingefangen und nach draußen gebracht, aber eben auch schon mal den Staubsauger gezückt. Ob Frau P. das auch macht? Und damals, als wir eine hartnäckige Lebensmittelmotten-Plage im Küchenschrank hatten, habe ich sie ohne schlechtes Gewissen mit allen Mitteln bekämpft. Und ich würde es wieder tun. Ist das falsch? Dem Papst ging es neulich wie mir: Vor laufender Kamera hat er ein Insekt getötet. Laut der Definition meiner Tochter ist er also auch ein Mörder. Klingt das zu drastisch? Ich finde ja. Ich beschließe, dass es Zeit ist den moralischen Kompass meiner Tochter einzunorden und suche mir Hilfe.
Die Bibel gesteht dem Menschen die Herrschaft über die Tiere zu, betont aber gleichzeitig, dass diese als Teil der Schöpfung verantwortungsvoll behandelt werden sollen (Gen 1,26ff). Das ist mir nicht neu, hilft mir in meinem konkreten Fall aber nicht weiter. Ich befrage den Katechismus: "Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu machen. Medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind in vernünftigen Grenzen sittlich zulässig, weil sie dazu beitragen, menschliches Leben zu heilen und zu retten. Es widerspricht der Würde des Menschen, Tiere nutzlos leiden zu lassen und zu töten" (2417 und 2418).
Mörderin mit Fliegenklatsche? Ja oder nein?
Aha. Ich bin also nicht automatisch eine Mörderin mit Fliegenklatsche, aber auch nicht fein raus: Zwischen "nutzlos töten" und "notwendig schützen" liegt offenbar genau jener kleine moralische Zwischenraum, in dem Eltern plötzlich sehr schnell sehr erwachsen antworten sollen. Dem Papst wäre das vielleicht gelungen, mir nicht. In dem Gespräch mit meiner Tochter fühlte ich mich nicht sprachfähig. Für sie bleibt also Frau P. die Heldin der Geschichte.
Was sagen Sie liebe Leserinnen und Leser? Habe ich einen Grund mich schlecht zu fühlen oder ist die Fliegenklatsche legitimes Mittel? Und was hätte ich meiner Tochter entgegnen können? Schreiben Sie mir gerne per Mail oder kommentieren Sie bei Facebook unter dem Artikel.
