Standpunkt

Wie der gefährlichen TikTokisierung des Glaubens beikommen?

Veröffentlicht am 19.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Oliver Wintzek – Lesedauer: 

Bonn ‐ Einfache Botschaften, fragwürdige Expertise: "Christfluencer" dominieren zunehmend religiöse Inhalte im Netz. Dabei geraten theologische Tiefe und kritische Urteilskraft zunehmend unter Druck, kommentiert Oliver Wintzek.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Unlängst wies der Mainzer Kirchenmusiker Hans-Jörg Kaiser zurecht darauf hin, dass die sich hipp gebende Worshipmusik oft so schlicht sei, dass sie dem Glauben und den theologischen Erfordernissen nicht wirklich gerecht wird. Textlich fehle oft die Aussage und Tiefe. Dieses Phänomen ist indes nicht nur im musikalischen Bereich zu konstatieren – längst gehen Videos selbstberufener "Christfluencer" mit Myriaden von Followern im Netz viral. Wer sich auf solche Seiten begibt, kann sich vor ähnlichen Vorschlägen nicht retten. Dies spiegelt das Faktum wider, dass namentlich die Deutungshoheit des Katholischen im unguten Sinn flügge geworden ist, wo die algorithmenbasierte Bubble Validität und Seriosität suggeriert.

Die theologische Expertise ist in aller Regel höchst fragwürdig, reichen sich doch hermeneutikfreie Bibelusurpation und entkontextualisierte Traditionsmisshandlung munter die Hände. Wo individuelle Glaubensüberzeugtheit und private Meinungen eine fundierte Sachkompetenz aufwiegen wollen, nimmt es nicht Wunder, dass ein Bashing gegen die akademische Theologie im Namen einer schrägen Jesus-Unmittelbarkeit oder verketzernder Pseudorecht(s)gläubigkeit der Standard ist. Gefährlich unterkomplexe, weil kurze Posts auf den verschiedensten Kanälen von Social Media stellen eine verführerische Ideologie dar, die ohne theologisches Orientierungswissen für bare Münze gehalten wird.

Ein aufklärendes Dagegenhalten gleicht einem Kampf gegen Windmühlen, differenzierte Informiertheit kann gegen harte Eindeutigkeiten keinen Stich machen – schon gar nicht in TikTok-Kürze. Die schiere Masse der Beiträge lässt zudem befürchten, dass auch KI-generierte Auskünfte über das Katholische eine fragwürdige Richtung aufweisen werden – KI ist nur so intelligent wie die Inhalte, mit denen sie gefüttert wird. Die Gefahr einer solchen digital gespreadeten selbst verschuldeten Unmündigkeit ist real und führt in bedenkliche Abhängigkeiten, wo eine Kritikkompetenz ausfällt oder bewusst außen vor bleiben soll. Die unkontrollierte Verschiebung der Deutungshoheit ist zwar benannt – ob und wie sie gebannt werden kann, ist eine offene Frage.

Von Oliver Wintzek

Der Autor

Oliver Wintzek ist Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Katholischen Hochschule in Mainz. Zugleich ist er als Kooperator an der Jesuitenkirche in Mannheim tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.