Piusbrüder: Tück sieht Gefahr traditionalistischer Parallelkirche
Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück sieht durch die geplanten unerlaubten Bischofsweihen der Piusbruderschaft die Gefahr einer bischöflich verfassten Parallelkirche am traditionalistischen Rand. Im Interview mit dem "Deutschlandfunk" (Dienstag) vergleicht der Theologe die Entwicklung der Piusbrüder nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) mit der Entwicklung der alt-katholischen Kirche nach dem Ersten Vatikanischen Konzil (1869–1870). "Heute, 60 Jahre nach dem zweiten Vatikanischen Konzil, könnte sich mit der Piusbruderschaft etwas Vergleichbares ereignen, wiederum mit Verweis, dass das Konzil die Tradition verraten habe", so Tück. Mit etwa 750 Priestern und einer weltweiten Verbreitung nehme die Piusbruderschaft eine besorgniserregende Größenordnung an.
Der Dogmatiker sieht keinen Raum für inhaltliche Kompromisse mit Blick auf die Verbindlichkeit der Lehren des Zweiten Vatikanums. Papst Leo XIV. habe das Konzil als "Leitstern" für die künftige Entwicklung der Kirche bezeichnet: "Das kann er also nicht zur Disposition stellen." Tück verwies auf wesentliche Lehrdifferenzen zwischen der Piusbruderschaft und der Lehre der Kirche. Die in der vergangenen Woche veröffentlichte "Glaubenserklärung" der Gemeinschaft widerspreche in zentralen Punkten der Lehre der Kirche seit dem Zweiten Vatikanum, etwa mit Blick auf das Verhältnis zum Judentum, zur Ökumene und zum liberalen Rechtsstaat. Generell sieht er eine " osmotische Durchlässigkeit zu rechten politischen Positionen". Zuvor hatte der Wiener Dogmatiker Bernard Mallmann bereits den Antijudaismus in der Erklärung thematisiert.
Deklaration des Schismas zur Klärung des Verhältnisses
Dass es zu den unerlaubten Bischofsweihen kommt, die für den 1. Juli angekündigt sind, hält Tück für sehr wahrscheinlich. Damit würde, wie der Präfekt des Glaubensdikasteriums, Kardinal Víctor Manuel Fernández, betont hatte, ein schismatischer Akt gesetzt. Das sei für beide Seiten zwar "unglücklich". Tück hält das aber für die Klärung der lange unklaren Verhältnisse auch für gut und sieht keinen Grund für eine "Charmeoffensive", bei dem man die Gemeinschaft unter dem Deckmantel der Barmherzigkeit weiter agieren ließe. "Das halte ich für falsch, weil die ökumenische Öffnung, das Kirchenverständnis, das Verhältnis zum Judentum, das Verhältnis zum liberalen Rechtsstaat hier ja mit auf dem Spiel steht. Und wir können innerhalb der katholischen Kirche nicht widersprüchliche Position in so wichtigen Fragen dulden", betonte Tück.
Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums, und Pater Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X., nach ihrem Gespräch im Februar 2026 – der Dialogversuch bleibt wohl fruchtlos.
Zugleich warnte er, in eine "Polarisierungsfalle" zu gelangen. Zunächst müsse festgehalten werden, dass es sich bei den Piusbrüdern um Christen handle, die getauft sind, dieselbe heilige Schrift lesen, dieselben sieben Sakramente feiern und die Tradition der Kirche bis 1962 teilen. Man müsse die Attraktion der Piusbruderschaft in gewissen Kreisen verstehen: ein waches Sensorium für Heiligkeit und Liturgie und die Anziehungskraft der vorkonziliaren Form der Messe. "Und sie nehmen natürlich den Glauben sehr, sehr ernst", so Tück weiter. "Darin steckt natürlich auch eine Anfrage an das wohltemperierte, oft etwas laue Durchschnitts-Christentum."
Piusbrüder halten an ihren Positionen fest
Der Generalobere der Piusbruderschaft, Davide Pagliarani, hatte Anfang Februar angekündigt, dass die Piusbruderschaft neue Bischöfe weihen will, um ihren Fortbestand zu sichern. Nur mit Bischöfen kann sie neue Diakone und Priester weihen. Die Weihe von Bischöfen ohne Erlaubnis des Papstes ist eine kanonische Straftat, die mit der Tatstrafe der Exkommunikation für die Spender und Empfänger der Weihen belegt ist. Die erste Bischofsweihe der Piusbruderschaft 1988 wurde zudem von Papst Johannes Paul II. als schismatischer Akt bewertet.
Nach der Ankündigung der Weihen hatte der Präfekt des Glaubensdikasteriums, Kardinal Víctor Manuel Fernández, den Generaloberen der Piusbruderschaft empfangen, um zu einer gemeinsamen Position zu kommen. Das Dialogangebot des Vatikans wurde allerdings kurz darauf durch die Piusbrüder ausgeschlagen. In seiner Begründung schrieb Pagliarani an den Präfekten: "Wir beide wissen im Voraus, dass wir uns auf lehrmäßiger Ebene nicht einigen können, insbesondere bezüglich der grundlegenden Orientierungen, die seit dem II. Vatikanischen Konzil eingeschlagen wurden." Dieser Dissens sei durch die lehrmäßigen und pastoralen Entwicklungen im Laufe der jüngsten Pontifikate noch vertieft worden. Am Donnerstag legte die Piusbruderschaft eine "Glaubenserklärung" an Papst Leo XIV. vor, in der sie ihre Positionen bekräftigte und dabei zentrale Lehraussagen der Kirche bestritt, kurz darauf folgte eine Zurückweisung der Warnung Roms durch den leitenden Dogmatiker der Gemeinschaft. (fxn)
