Wie Hornhausen zum Lourdes der Lutheraner wurde
"Einst sprach Gott zu uns durch die Väter und die Propheten, jetzt spricht seine Barmherzigkeit zu uns durch die Wasser", jubelte Johannes Winthausen, Propst des Magdeburger Agnetenklosters im August 1646. Ausgerechnet in Hornhausen, einem kleinen Ort im nördlichen Vorland des Harzes, hatte sich gerade etwas ganz besonderes getan – ein Wunder in Verbindung mit einer Quelle. Der Wunderbrunnen von Hornhausen wurde 1646, also ganz kurz vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, zu einem europaweit bekannten und sehr gut besuchten Massenereignis.
Der Historiker Hartmut Kühne, der gerade ein umfangreiches Werk zu den lutherischen Wunderbrunnen veröffentlicht hat, bezeichnet Hornhausen als das Lourdes der Lutheraner. "In ähnlicher Weise wie der Erfolg von Lourdes sich als Reaktion auf die Infragestellung des römischen Katholizismus verstehen lässt, stärkte Hornhausen das Selbstbewusstsein der lutherischen Konfession angesichts der Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges", sagt er.
Lutheraner glaubten an göttliche Heilungswunder
Lutheraner und Wunderbrunnen – das ist ein kaum bekanntes Thema, das der Historiker Hartmut Kühne grundlegend bearbeitet hat. Er geht dabei auf eine sehr wenig bekannte Seite des frühneuzeitlichen Luthertums ein, nämlich seinen Glauben an göttliche Heilungswunder und dem daraus resultierenden Besuch bestimmter Heilungsorte.
In seinen Forschungen stellte der Historiker fest, dass Menschen, ganz unterschiedlicher Herkunft, Stand oder Bildung, vom 16. bis ins 18. Jahrhundert fest davon überzeugt waren, dass Gott sie an bestimmten Wasserquellen von allen möglichen Krankheiten heilen könne oder wolle. Diese Orte wurden als Wunder- oder Gnadenbrunnen bezeichnet, so Kühne.
Die Madonnenfigur in der Lourdesgrotte von Massabielle in Südfrankreich. Für den Historiker Hartmut Kühne weisen die Begebenheiten in Hornhausen viele Parallelen zum bekannten Wallfahrtsort in den Pyrenäen auf.
Zwar verteidigte die lutherische Orthodoxie die Aussage, Wunder seien zur Bestätigung des Evangeliums nicht notwendig, gegen den tridentinischen Katholizismus, schreibt Kühne, aber: "Dies bedeutete aber nicht, dass Wunder in der Weltwahrnehmung und Frömmigkeitspraxis des Luthertums im 17. Jahrhundert keine Rolle spielten."
Es begann in Pyrmont
Er hat für sein Buch rund 80 Orte zwischen dem holsteinischen Itzehoe und dem fränkischen Weihenzell, zwischen Polzin in Hinterpommern und Stolzenau an der Weser gefunden, an den es solche Wunderbrunnen gab. Der erste Wunderbrunnen wurde 1556 entdeckt und zwar in Pyrmont im Weserbergland. Um 1610 wurden dann plötzlich und ungefähr gleichzeitig verschiedene Orte bekannt, an denen Wasser mit einer universellen Heilkraft entdeckt wurde, die man der Gnade Gottes zuschrieb, sagt der Historiker.
Die eigentliche Hochzeit der lutherischen Wunderbrunnen dauerte nur ein gutes halbes Jahrhundert von den 1640er Jahren bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts. Danach wandten sich nach der Erkenntnis von Kühne die gesellschaftlichen Eliten und insbesondere die Geistlichen von diesem Phänomen ab.
Tatsächlich waren die Entstehung von Wunder- und Gnadenbrunnen gemäß den Forschungen des Historikers Hartmut Kühne ein in den lutherischen Territorien weitverbreitetes Phänomen. Er schätzt die Zahl der Menschen, die dort Heilung suchten oder vielleicht nur aus Neugier kamen, auf viele hunderttausend.
Luthertum und Wunderglaube? Der Eifer "kann im künftigen Bild der lutherischen Frömmigkeitspraxis der frühen Neuzeit nicht ungebeachtet bleiben", schreibt Hartmut Kühne.
Seit Mitte des 17. Jahrhunderts gab es nach Erkenntnis des Historikers eine kirchliche Betreuung der Patienten und Schaulustigen durch Gottesdienste und Gebete. Im Gottesdienst dankten die Geistlichen für die geschehenen Wunder, erzählt Kühne, und die Geheilten hinterließen Krücken und ähnliche Gaben.
Die Besucher der Wunderbrunnen spendeten Geld in eigens aufgestellte Opferstöcke. All das lasse sich auch an spätmittelalterlichen oder katholischen Wallfahrten der frühen Neuzeit beobachten, stellt Hartmut Kühne fest. "Daher kann man in den Wunderbrunnen durchaus eine Art von lutherischen Wallfahrten sehen."
Wunderbrunnen passen nicht ins Weltbild
Warum ist so gut wie gar nichts davon bekannt? Kühne meint, dass ein solches Phänomen wie Wunder- oder Gnadenbrunnen nicht "in das geläufige Bild kirchlicher Praxis im Einflussbereich der Wittenberger Reformation" passe. Sie wurden bislang nicht in der protestantischen Theologie und Kirchengeschichtsschreibung wahrgenommen, so der Historiker.
Das dürfte sich ändern, denn: "Die Intensität, mit der die lutherische Bevölkerung das Heilsangebot der Wunderbrunnen annahm, und der Eifer, mit der die lutherischen Geistlichen sie darin unterstützten und anleiteten, kann im künftigen Bild der lutherischen Frömmigkeitspraxis der frühen Neuzeit nicht ungebeachtet bleiben."
Service
Hartmut Kühne, Die lutherischen Wunderbrunnen. Studien zur Alltags- und Kulturgeschichte des Protestantismus im Alten Reich vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Teilband 1, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2026, 2 Bände, 1077 Seiten, 98 Euro.
