Geschmackvoll ins Gespräch kommen: Seelsorge mit der Currywurst

Der Gemeindereferent Gregor Lauenburger im Bistum Essen hat eine außergewöhnliche Leidenschaft: Bekannt ist er als sogenannter Currywurst-Seelsorger. Mit Tim Koch hat er sogar ein Buch (Alles Currywurst – oder was?) über die Currywurst geschrieben. Lauenburger sieht bei dem Kult-Gericht aber nicht nur eine kulinarische Ebene: Was sie mit dem Katholisch-Sein zu tun hat und wie sie in Kombination auf einem Taxi-Teller ein Sinnbild für Frieden ist, verrät der Currywurst-Kenner im katholisch.de Interview
Frage: In Ihrem Buch schreiben Sie von den zehn Geboten der Currywurst: Wie kam es dazu?
Lauenburger: Im Zuge unserer Recherche nach der wahren Geschichte der Currywurst hat mein Co-Autor Tim Koch ein über 200 Begriffe umfassendes Lexikon zusammengestellt. Da gab es unter dem Buchstaben "R" wie "Religion" ein "Currywurst-Unser". Das fand ich etwas unpassend und habe es dann durch die zehn Gebote der Currywurst ersetzt. Dabei habe ich mich an den dramaturgischen Charakter der biblischen zehn Gebote gehalten. Natürlich fängt es so an: "Die Currywurst stammt aus dem Ruhrgebiet und da ist ihre wahre Heimat. Das sollst du nie anzweifeln." Aber es stehen auch andere Gebote drin, wie "teile deine Currywurst gerne!" oder "Du sollst nicht begehren deines nächsten Currywurst". Ich hoffe natürlich immer, dass man das Augenzwinkern dabei erkennt.
Frage: Und was hat die Currywurst sonst noch mit dem Glauben zu tun?
Lauenburger: Vor einiger Zeit habe ich in Papenburg für die City Pastoral aus meinem Buch gelesen und bin anschließend wie so oft mit den Menschen ins Gespräch gekommen. Dazu gab es dann eine Currywurst. Das ist die Seelsorge dabei: Gemeinsam essen und so zusammenkommen. Das hält Leib und Seele zusammen – und wenn es auch noch gut schmeckt, ist die Laune gut. Es wirkt natürlich erstmal oberflächlich. Doch Jesus ist häufig über das Essen mit den Menschen in den Kontakt gekommen. Er ist bei den Menschen zum Essen eingekehrt und nicht zuletzt fußt unsere Haupt-Liturgieform auf einer Mahlzeit – dem Leib und Blut Christi.
Frage: Es geht also auch um eine gewisse Einfachheit?
Lauenburger: Ich würde das nicht kleinreden, die Currywurst ist ein Kunstwerk. Aber ja, wie so oft liegt das Geheimnis dann doch in der Einfachheit: Natürlich kann man sich stundenlang in der Küche für die perfekte Currywurst hinstellen, oder man geht eben zur Imbissbude des Vertrauens. Da sind wir wieder bei der Kommunikation mit Anderen. Auf charmante Weise kommen Menschen beim Imbiss zusammen. Das bei einem Gericht, das sättigt und von dem man genau weiß, was man davon zu erwarten hat. Und über Geschmack lässt sich nun mal nicht streiten.
Frage: Sie sind auch für den Taxi-Teller bekannt und bezeichnen ihn als Friedenssymbol. Warum?
Lauenburger: Der Taxi-Teller ist quasi die Currywurst 2.0, weil sie im Gericht auch vorkommt. Sie liegt friedlich neben den ganzen anderen leckeren Dingen, die ethnisch unterschiedliche Herkünfte haben: Allein die Currywurst beherbergt orientalische Gewürze und eine Frucht, die ursprünglich aus Südamerika kommt. Nebendran der griechische Gyros mit Zaziki, getoppt von den belgisch-niederländischen Pommes und dann die deutsche Wurst. Das ist wie gelebte Integration. Im Prinzip führt der Taxiteller vor, wie gemeinsames Leben und Christsein gelingen kann. Häufig wird der Taxiteller zum Beispiel in Griechisch orientierten Buden angeboten – auch das ist eine Völkerverbindung, die sogar ökumenisch ist. Denn in der Regel sind griechische Menschen orthodoxen Glaubens.
Laut dem Currywurst-Seelsorger Gregor Lauenburger hat das Rezept zur Currywurst seinen Ursprung im Ruhrgebiet. Das Kult-Gericht verbindet die Menschen durch die Gespräche, die beim Genuss entstehen können.
Frage: Konsumieren Sie so viel Currywurst, wie es gerade wirkt?
Lauenburger: Als wir das Buch geschrieben haben, haben wir wirklich täglich mehrere Portionen gegessen. Im Moment sieht es überschaubarer aus. Ich habe zwar das Gebot geschrieben: "Ein Tag ohne Currywurst ist ein verlorener Tag". So gesehen hatte ich jetzt schon mehrere verlorene Tage. Ich esse vielleicht so alle zwei Wochen mal eine und manchmal wird es dann auch mal häufiger: Es ist wie Eis, das kann man immer essen, auch mal dazwischen bei einem Gespräch an der Currywurstbude.
Frage: Haben Sie Tipps, wie man an der Currywurstbude gut ins Gespräch kommen kann?
Lauenburger: Zunächst gilt es nicht kurz vor Feierabend zu kommen. Außerdem: Wenn die Bude voll ist, ergeben sich natürlich die meisten Gespräche. Da empfiehlt es sich, selbst eine gewisse Offenheit mitzubringen. Man kann zum Beispiel an einem Stehtisch, an dem noch ein paar Zentimeter frei sind, fragen, ob man sich dazu stellen kann. Es gibt Gegenden in Deutschland, wo eine Zufallsbegegnung schnell zum tiefgehenden Gespräch werden kann. Darüber hinaus ist eine Currywurst eigentlich immer für schöne Begegnungen gut, auch in der Fremde. Sogar in Berlin gibt es gute Wurstvarianten.
Frage: Wie findet man die Bude seines Vertrauens?
Lauenburger: Ich sag immer: Guck doch selbst. Da liegt wiederum ein spiritueller Gedanke. Wir müssen uns selbst auf den Weg machen. Wir können uns nicht alles vorkauen lassen und wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass jemand für uns alles tut. Natürlich, Gott sorgt für uns, aber wir müssen auch selbst aktiv werden.
Frage: Was war während Ihrer Recherche für Sie besonders?
Lauenburger: Der Erfinder war Peter Hildebrand alias "Peter Pomm". Er war niederländische Wirtschaftsmigrant, der Ende der 1920er nach Duisburg eingewandert ist. Dort hat er dann eine Pommesbude gegründet. Ein Freund, der Historiker ist, hat die Indizien, auf die ich mit Tim Koch gestoßen bin bestätigt: Sie weisen darauf hin, dass es wohl wirklich Mitte der dreißiger Jahre in Duisburg bereits dieses Rezept gab. Das natürlich unter der Hand, weil es bei den Nazis nicht gerade en vogue war mit einem Gewürz des Feindes Markt zu machen: Curry stammte aus Großbritannien. Es war für mich höchst spannend, das zu recherchieren. Während meiner Autorentätigkeit habe ich gemerkt, dass man in der Recherche sehr auf die Menschen zugehen muss – da ist mir mein Know How aus der Seelsorge zugutegekommen. Da sind wirklich schöne Gespräche entstanden auf der Suche nach der wahren Herkunft der Currywurst.