Biografin: Jägerstätter nahm Positionen des Zweiten Vatikanums voraus
Die österreichische Theologin und Journalistin Erna Putz ist Expertin für das Leben Franz Jägerstätters (1907–1943). Ihre Forschungsarbeit trug maßgeblich zur Seligsprechung des österreichischen Bauers, Ehemanns und Vaters bei. Jägerstätter verweigerte aus Gewissensgründen den Kriegsdienst und wurde 1943 hingerichtet. Im Interview gibt Putz Einblicke in das Leben eines außergewöhnlichen Mannes und die Rolle seiner Frau Franziska.
Frage: Frau Putz, worin besteht die Aktualität des seligen Franz Jägerstätter?
Putz: Franz Jägerstätter nimmt Positionen voraus, die später das Zweite Vatikanum herausgearbeitet hat: die Bedeutung des Gewissens, die Verantwortung des Einzelnen und die Religionsfreiheit. Außerdem sind er und seine Frau Franziska ein lebendiges Beispiel für die neue Deutung von Ehe und Familie als Hauskirche.
Frage: Neben der bis heute maßgeblichen Biografie von Franz Jägerstätter haben Sie die Gefängnisbriefe und Aufzeichnungen sowie den Briefwechsel mit Franziska herausgegeben. Wie kam es dazu?
Putz: Ich war Journalistin und machte 1979 eine Fachreportage zu St. Radegund, dem Wohnort von Franz Jägerstätter. Dabei kam ich in Kontakt mit dem Bürgermeister, dem Pfarrer und wichtigen Laien der Kirchengemeinde. Die Mesnerin und Leiterin der katholischen Frauenbewegung war Franziska Jägerstätter. Unvermutet steht sie plötzlich auf, geht hinaus und kommt mit einem Bündel vergilbter Schriften zurück. Ein Heft, im Kerker geschrieben. Dieser Moment hat mein Leben verändert.
Frage: Woran haben Sie erkannt, dass es sich bei der Geschichte von Franz Jägerstätter um etwas Besonderes handelt?
Putz: Mein Vorwissen zu Franz Jägerstätter war sehr gering. Ich dachte, er sei eine interessante Persönlichkeit, aber doch ein Sonderling. Als ich das vergilbte Heft aufschlug, las ich folgende Passagen: "Christen sollen mit dem Salz übernatürlicher Werte andere vor sittlicher Fäulnis bewahren, ihnen aber nicht das Leben versalzen. Ihr Licht soll leuchten, nicht blenden." Und weiter unten, auch auf der ersten Seite: "Feindesliebe ist nicht charakterlose Schwäche, sondern heldische Seelenkraft und Erfahrung des göttlichen Vorbilds." Da wurde mir klar: Dieser Mensch hat eine Erfahrung mit Gott gemacht, und das muss ich weitergeben. Die Begegnung und die vielen Gespräche mit Franziska Jägerstätter sowie die Lektüre der Briefe und Aufzeichnungen zeigten deutlich, dass weder Franz noch seine Frau Sonderlinge sind, sondern bodenständige Menschen.
Die österreichische Theologin und Journalistin Erna Putz ist Expertin für das Leben Franz Jägerstätters.
Frage: Dennoch hatten sie einen ungewöhnlichen Start in die Ehe...
Putz: Ja, statt einer großen Hochzeitsfeier mit vielen Gästen machten Franz und Franziska Jägerstätter eine Hochzeitsreise nach Rom. Das war teuer: Ein Platz kostete sechs Monatslöhne von Franziska, und dabei hat sie in einem Gasthaus für die damaligen Bedingungen nicht schlecht verdient. Wegen der Romfahrt fand die Trauung 1936 am Gründonnerstag um 6:30 Uhr statt. Eine Stunde später war das Begräbnis der Ziehschwester von Franz – ohne die frisch Vermählten. In Salzburg stiegen die Jägerstätters in einen Pilgerbus, und am Karsamstag nahmen sie in Rom mit 150 österreichischen Pilgern an der Audienz bei Papst Pius XI. teil. In Salzburg gab es übrigens noch ein Intermezzo. Trotz ordnungsgemäßer Anmeldung erhielt das Paar nur zwei getrennte Notsitze am Mittelgang, denn der Reiseleiter hatte zusätzlich seine Freundin mitgenommen. Franz erklärte dem Reiseleiter, wenn sie nicht bis Innsbruck zwei ordentliche Plätze nebeneinander hätten, bekäme er seine Innviertler Fäuste zu spüren. Ab Innsbruck saßen die beiden tatsächlich nebeneinander.
Frage: Wie würden die Ehe von Franz und Franziska Jägerstätter beschreiben?
Putz: Sie führten eine glückliche Ehe. Franz sagte einmal, er habe sich nicht vorstellen können, dass verheiratet sein so schön sein könne. Trotz der vielen Arbeit durch die Landwirtschaft und die Fürsorge für drei kleine Kinder und die alte Mutter zeigten sie sich ihre Liebe in vielen kleinen Gesten. Wenn Franz mit seinem Motorrad unterwegs war, brachte er seiner Frau immer etwas mit, zum Beispiel eine Wurstsemmel. Das war etwas Besonderes am Hof, wo man nur Braten und Brot hatte. Weil Franz gerne Süßes mochte, buk Franziska Kekse für ihn. Sie hat sie ihm nicht einfach überreicht, sondern versteckt. Auch der gemeinsame Glaubensweg verband das Ehepaar: Sie beteten zusammen, lasen in der Bibel und gingen in die Messe. Franziska drückte dies so aus: "Wir haben eins dem anderen weitergeholfen im Glauben."
Frage: Wie war die Haltung Franz Jägerstätters zum Nationalsozialismus?
Putz: Die starke Verfolgung der Kirche war für Franz ein wesentliches Kriterium zur Beurteilung der Nationalsozialisten. Ich hatte Zugang zu allen Pfarrarchiven im Dekanat Ostermiething, zu dem St. Radegund gehört. Hier waren von zwölf Priestern acht verhaftet, nur einer konnte an seiner Stelle bleiben. Ganz entscheidend war ein Traum, den Franz im Januar 1938 hatte. Er sah einen Zug, in den immer mehr Menschen einstiegen, und hörte eine Stimme sagen: "Dieser Zug fährt in die Hölle." Später äußerte er sich folgendermaßen: "Somit glaube ich, hat mir Gott es durch diesen Traum oder Erscheinung klar genug gezeigt und ins Herz gelegt, mich zu entscheiden, ob Nationalsozialist oder Katholik!" Bei der Abstimmung über den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich im April 1938 stimmte Franz als Einziger im Ort dagegen. St. Radegund meldete trotzdem 100 Prozent Zustimmung, weil die Wahlhelfer seine Stimme verschwinden ließen.
„Ganz entscheidend war ein Traum, den Franz im Januar 1938 hatte. Er sah einen Zug, in den immer mehr Menschen einstiegen, und hörte eine Stimme sagen: 'Dieser Zug fährt in die Hölle.'“
Frage: Welche Schritte gab es bis zur Verweigerung des Kriegsdienstes 1943?
Putz: Franz wurde insgesamt drei Mal einberufen. Nach der ersten Einberufung wurde er wegen Unabkömmlichkeit zurückgestellt, denn im Juni 1940 hatte seine Frau gerade die jüngste Tochter geboren. Im Herbst 1940 kam Franz nach Enns zur Kraftfahrausbildung. Dort geschah etwas Wichtiges: Er wurde am 8. Dezember 1940 zusammen mit seinem Freund Rudolf Mayer in den dritten Orden des Heiligen Franziskus eingekleidet. Im Winter war Franz auf einem Marsch in Ybbs an der Donau im ehemaligen psychiatrischen Krankenhaus der Stadt Wien untergebracht. Das Haus stand leer, denn zuvor waren etwa über 1.000 Patienten nach Schloss Hartheim verbracht und ermordet worden. Man wusste das in der Gegend, und Franz hat es mitbekommen. Er schrieb seiner Frau, es müssten sich schon sehr traurige Ereignisse abgespielt haben. Als Franz im April 1941 zurückkam, sagte er klar: "Wenn ich noch einmal einberufen werde, kämpfe ich nicht. Ich helfe nicht mit, dass Hitler die ganze Welt beherrschen kann." Die Propaganda vom Kreuzzug gegen den Bolschewismus diente manchen Soldaten als eine Gewissensentlastung. Franz sah dies kritisch, wie aus einem Brief hervorgeht: "(…) kämpft man gegen den Bolschewismus, so dürften doch andre Sachen wie Erze, Ölquellen oder ein guter Getreideboden gar nicht so stark in Frage kommen?" So verweigerte Franz nach der erneuten Einberufung schließlich am 1. März 1943 aus Gewissensgründen den Kriegsdienst und bot lediglich den Sanitätsdienst an.
Frage: Hatte Franz Jägerstätter Unterstützung durch die Kirche?
Putz: Nein. Franz stand mit einigen Geistlichen im Austausch, die ihm alle abrieten. Dazu gehörte der frühere Pfarrer von St. Radegund, Josef Karobath, der wegen einer Predigt 1940 einige Wochen in Haft war und danach mit einem Orts- und Schulverbot belegt wurde. Von einem heimlichen Treffen mit Franz in Tittmoning erzählte mir Karobath: "Ich habe ihn gern gehabt, ich wollte ihn retten, aber er hat mich immer geschlagen mit der Schrift." Franz konsultierte auch den Linzer Diözesanbischof Josef Fließer. Dieser sagte ihm, als Familienvater sei es nicht seine Sache zu entscheiden, ob der Krieg gerecht sei oder nicht. Das sei Sache der Obrigkeit, so wie es damals gültige Moral war.
Frage: Welche Rolle spielte Franziska Jägerstätter?
Putz: Franziska hat die Entscheidung ihres Mannes mitgetragen. Sie sagte einmal: "Alle waren gegen ihn, ohne mich wäre er ganz allein gewesen." Vor allem im Gefängnis stützte sich Franz auf ihre Liebe. Auch später stand Franziska zu ihm, obwohl sie es sehr schwer hatte: Sie wurde für den Tod ihres Mannes verantwortlich gemacht und erhielt erst 1950 eine Witwenrente. Ich war viel mit Franziska zusammen: In all den Jahrzehnten gab es keine Minute, wo er nicht mit ihr war, auch in kritischen Situationen. Das war eine ganz starke Beziehung.
Frage: Zurück zur Verweigerung des Kriegsdienstes. Zunächst wurde Franz Jägerstätter in Linz inhaftiert, dann im Wehrmachtsgefängnis Berlin-Tegel. Am 6. Juli wurde er zum Tode verurteilt und am 9. August in Brandenburg hingerichtet. Gab es in dieser Phase geistlichen Beistand?
Putz: Ja. In Linz besuchte der Gefängnisseelsorger Franz Baldinger den Verhafteten in seiner Zelle, in Berlin Pfarrer Heinrich Kreutzberg. Dieser erzählte Franz von P. Franz Reinisch, der aus Gewissensgründen den Fahneneid verweigerte und 1942 hingerichtet wurde. Das bestärkte Franz. Kreutzberg ermutigte ihn zu schreiben und schmuggelte sowohl die Briefe von Franziska als auch die Aufzeichnungen von Franz. Am Todestag wurde Franz morgens nach Brandenburg gefahren. Mittags erfuhr er, dass um 16 Uhr vollstreckt wird. Nachmittags betreute ihn Pfarrer Albert Jochmann. Abends sagte Jochmann zu den Schulschwestern die damals in Brandenburg ein Krankenhaus führten: "Ich bin heute dem einzigen Heiligen im Leben begegnet, das ist ein Landsmann von euch, ich muss euch gratulieren."
