Münchner Pfarrer verteidigt Toni Faber

Schießler: Habe als Priester Recht auf Privatleben

Veröffentlicht am 22.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 

München  ‐ Der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler steht wie der Wiener Dompfarrer Toni Faber immer wieder im Interesse der Medien und der Öffentlichkeit. Das bringt auch Herausforderungen mit sich. Ein Interview.

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Der Wiener Dompfarrer Toni Faber soll nächstes Jahr, mit 65 Jahren, in den Ruhestand gehen. Diese Maßnahme des Wiener Erzbischofs erregt die Gemüter. Der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler kennt seinen österreichischen Amtskollegen und hat zu der Gemengelage eine klare Meinung und einen Rat an ihn. 

Frage: Pfarrer Schießler, Ihr Priesterkollege in Wien soll in den Ruhestand versetzt werden. Wie finden Sie das?

Schießler: Ja, ich kenne den Pfarrer Faber gut. Ich war schon mehrmals in Wien bei ihm. Wir haben da immer eine sehr kompetente Domführung von ihm bekommen. Er hat uns den Dom gezeigt, wie es kein anderer könnte. Er ist selbst wie ein Baustein dieses Domes, so verwurzelt ist er mit seiner Pfarrei. Der Kirche kann nichts Besseres passieren als so ein Dompfarrer. Er mag die Leute und die Leute mögen ihn. Als wir damals durch den Stephansdom gegangen sind, habe ich ihn gefragt, ob ihn das nicht stört, dass ihn ständig jemand anspricht. Er hat gesagt: "Das sind alles meine Menschen." Er hat Promi-Hochzeiten genauso gemeistert wie Staatsbegräbnisse. Und er hat die Kirche an Orte gebracht, wo man sie normalerweise nicht erwartet. Ich mag das, wenn man einen Pfarrer sehen und erleben kann. Das ist der Riesenunterschied zwischen ihm und mir: Ich kann nicht so galant auftreten wie er. Er war auf dem Opernball, ich bin nur auf der Wiesn. Und dabei hat er immer seinen Kollar getragen und maßgeschneiderte Anzüge. Wegen ihm sind viele Leute in die Kirche eingetreten. So einen Pfarrer kriegst du nicht einfach so. Das musst du schon können. Ich kann nur sagen: Seid doch froh, dass ihr so jemanden habt. Wenn man so einen Seelsorger hat, dann ist das ein Geschenk.

Frage: Nun soll der Wiener Dompfarrer aber nächstes Jahr in den Ruhestand gehen, weil es wohl unterschiedliche Vorstellungen gibt, wie er den Zölibat versteht …

Schießler: Seine jetzige Situation betrifft mich. Er hat sein Amt so wie ich 30 Jahre lang versehen und das immer mit großer Hingabe, Kreativität und Mut. Jetzt brodelt plötzlich die Gerüchteküche, redet man über diese Dinge, als wären sie nie früher sichtbar gewesen. Ich hätte mir halt gewünscht, dass das ganze Thema etwas mehr hinter den Kulissen stattfindet. Das ist mir jetzt alles zu öffentlich geworden. Ich weiß nicht, wie es ihm damit ergeht. Kann er noch Gottesdienste feiern, ohne dass ihn jemand darauf anspricht? Das hat der Dompfarrer und kein anderer von uns verdient. Es wird dem Zölibat nicht gerecht.

Frage: Aber er soll beim Wiener Opernball und bei anderen Anlässen eine Begleiterin dabeigehabt haben ...

Schießler: Ich frage mich halt, warum soll der Wiener Dompfarrer nicht mit Begleitung am Opernball teilnehmen? Warum soll er da allein hingehen, da braucht man doch eine Tanzpartnerin, wenn man tanzen will. Wie kann einen das nur stören? Er bezeichnet den Opernball gerne mal als seinen Pfarrfasching und wie jeder andere Pfarrer schwingt er halt hier auf seinem Pfarrball das Tanzbein. Toni Faber ist geborener Wiener, da gehört der Opernball einfach dazu. Ich führe dagegen ein viel einfacheres Leben als der Dompfarrer. Und tanzen kann ich nicht, zu mir passt das nicht. Nur mein Tipp an Toni Faber wäre: Zieh dir einen richtigen Opernball-Frack an, und kein Kollar-Hemd, wenn du da hingehst. Du musst dich nicht als Pfarrer verkleiden!

 Dompfarrer Toni Faber bei einer Pressekonferenz
Bild: ©picture alliance / EVA MANHART / APA / picturedesk.com | EVA MANHART (Archivbild)

Geht der Wiener Dompfarrer Toni Faber kommendes Jahr in den Ruhestand?

Frage: Ein Priester verspricht den Zölibat, also ohne Partnerin zu leben …

Schießler: Ich lebe ehelos, ich führe keine Ehe und habe keine Kinder, aber ich bin nicht allein. Ich habe auch einen Menschen, eine Frau, die mich begleitet als Priester. Das ist ein großer Unterschied! Ich stehe zu meiner Lebensweise. Wir waren alle damals nicht betrunken, als wir bei unserer Priesterweihe versprochen haben, ehelos zu leben. Mehr noch: Ich hätte nie den Weg des Zölibats alleine gehen können, wäre wohl nie der Priester geworden, der ich nun schon 40 Jahre sein darf. Das schaffe ich nur in Gemeinschaft. Nach dem Abitur war ich bei den Kapuzinern in einem Kloster, um herauszufinden, ob dieses gemeinsame Leben etwas für mich ist. Ich habe dort erfahren, dass man in einem Kloster zusammen mit anderen furchtbar allein sein kann. Eine Partnerschaft sucht man sich nicht einfach, aber sie ergibt sich, weil man sich sympathisch ist und weil sie im letzten ein großes Geschenk ist. Mir jedenfalls gibt sie eine ungeheure Kraft und eine enorme Unterstützung in der Arbeit und in meiner zölibatären Lebensweise.

Frage: Dennoch steht ein Priester mit seiner Lebensform in der Öffentlichkeit …

Schießler: Der Zölibat ist das Intimste, was es gibt. Ich habe den Zölibat versprochen. Das war meine Entscheidung. Ich möchte mir das nicht nehmen lassen und da soll und muss nicht jeder reinreden. Und daher bitte ich darum, dass das ebenso beim Wiener Dompfarrer als privat angesehen wird. Ich habe als Priester genauso ein Recht auf mein Privatleben. Ich würde ein Ehepaar nicht fragen, nicht einmal im Beichtstuhl, wie es sein Eheleben gestaltet.

Frage: Wie schwer ist es, den Zölibat gewissenhaft zu leben?

Schießler: Ich habe das nie als unmenschlich erlebt. Es war meine Entscheidung ganz allein, eine Herausforderung, die ich aus freien Stücken angenommen habe. Ja, der Zölibat ist risikobehaftet. Es kann sein, dass es auf mich zurückfällt, wie ich damit umgehe. Ich erlebe aber den Wiener Dompfarrer nicht als gedrückt, nur bewegt er sich eben sehr in der Öffentlichkeit. Das muss er mit sich ausmachen und mit seinen Begleiterinnen, das musst du beherrschen können. Der Bischof ist sein Vorgesetzter und Vater in einem. Mein eigener Vater war immer mein größter Kritiker, aber eben nicht in der Öffentlichkeit. So sollte hier alles ausschließlich im vertraulichen Gespräch besprochen werden. Wir sind nun mal weder Richter noch Kläger. Aber als Priester will ich so leben, dass man mir Vertrauen schenken kann, und einzig allein um dieses Vertrauen geht es hier. Dass das nun so in der Öffentlichkeit diskutiert wird, das haben alle Beteiligten nicht verdient, kein Pfarrer Toni Faber und kein Erzbischof Grünwidl.

Frage: Haben Sie selbst Nachfragen von Ihrem Erzbischof bekommen, weil Sie öffentlich über Ihre Lebensgefährtin gesprochen haben?

Schießler: Nein, es gab nie etwas zu verbergen und zu erklären.

Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

"Der Zölibat ist das Intimste, was es gibt. Ich habe den Zölibat versprochen. Das war meine Entscheidung. Ich möchte mir das nicht nehmen lassen und da soll und muss nicht jeder reinreden", sagt der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler.

Frage: Können Sie den Wiener Erzbischof verstehen und seine mögliche Kritik an dem Verhalten des Dompfarrers?

Schießler: Ich kenne die Hintergründe nicht. Vielleicht ist es nur ein Verständigungsproblem. Mein Fazit jedenfalls lautet: Das ganze Thema wird gerade zu heiß gekocht. Der Pfarrer Faber ist ein starker Dompfarrer. Vielleicht sollte man sich in Wien einfach mal überlegen, ob und wie man ihn ein wenig aus der Öffentlichkeit zurücknehmen kann.

Frage: Wie wäre das, wenn das Ihr Bischof von Ihnen verlangen würde?

Schießler: Also, ich bin nie in die Öffentlichkeit von mir aus reingegangen. Die Leute, die Medien fragen mich an. Für mich war immer nur wichtig, ob das jetzt eine Chance ist, die Kirche und unseren Glauben positiv zu den Leuten zu bringen.

Frage: Aber vertuscht oder verheimlicht soll hier ja nichts werden, weil ein Priester ja zwangsläufig mit seiner Lebensform in der Öffentlichkeit steht. Was würden Sie dem Wiener Dompfarrer raten?

Schießler: Toni Faber hat wie jeder Priester bei seiner Weihe dem Bischof und seinen Nachfolgern den Gehorsam versprochen. Wenn man einen anderen Dompfarrer einsetzen möchte, dann ist das absolut in Ordnung. Ein Amt in der Kirche ist kein Erbhof! Und wenn einer noch so erfolgreich gewesen ist, niemand besitzt ein Amt allein für sich. Die Kirche vergibt es und kann es wieder nehmen. Wenn der Bischof hier einen Wechsel möchte, muss er das nicht weiter erläutern. Natürlich gilt es dann auch gemeinsam zu schauen, wo ein so bewährter Dompfarrer wie Toni Faber weiterhin gewinnbringend und erfolgreich als Seelsorger wirken kann. Er ist Priester auf Lebenszeit und wird gebraucht wie wir alle. Er kann doch weiterhin für die Prominenten und Bekannten der Gesellschaft da sein und sich trotzdem, wie bisher, um alle Menschen kümmern.

Von Madeleine Spendier