Debatte um Sudetendeutschen Tag: "Basis der Versöhnung ist stärker"
An diesem Freitag beginnt in Brünn (Brno) der Sudetendeutsche Tag. Dass er in diesem Jahr erstmals in Tschechien stattfindet, wird von heftigen Diskussionen begleitet: Teile der tschechischen Regierungskoalition und der Gesellschaft missbilligen das Treffen der nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertriebenen deutschsprachigen Bevölkerung und deren Nachfahren dort. Albert-Peter Rethmann, Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde, die sich als katholischer Verband Heimatvertriebener seit Jahrzehnten für die Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen einsetzt, sieht in der Debatte keinen Rückschritt im Versöhnungsprozess beider Länder. Im Gespräch betont er die Bedeutung von Begegnung, Dialog und gemeinsamer europäischer Zukunft.
Frage: Herr Rethmann, der Sudetendeutsche Tag findet erstmals in Tschechien statt. Die rechtspopulistische Regierungskoalition in Prag missbilligt das und hat dazu einen Parlamentsbeschluss fassen lassen – wobei die Opposition geschlossen die Abstimmung boykottiert hat. Überrascht Sie die Schärfe in dieser Debatte?
Rethmann: Zunächst muss man wahrnehmen, dass diese Debatte in der tschechischen Gesellschaft nur von einer relativ kleinen Gruppe geführt wird. Innerhalb der Regierung sind es vor allem die beiden kleineren, radikalen Parteien, die die größere, populistische Partei vor sich hertreiben. Das zeigt sich auch daran, dass bei der entsprechenden Abstimmung im Parlament nicht nur die Opposition fehlte, sondern auch ein großer Teil der Minister. Ich diskutiere das aktuell mit meinen tschechischen Freunden. Unser Eindruck ist, dass dieses Thema zwar Schärfe bekommen hat, auf der anderen Seite aber nicht mehr so ein breites gesellschaftliches Echo hervorruft wie vor 20 Jahren.
Frage: Sehen Sie dennoch die Gefahr, dass sich das weiter hochschaukelt?
Rethmann: Auch wenn jetzt in Brünn Demonstrationen angesagt sind: Wir rechnen nicht damit, dass die Vertreibungsfrage erneut zu einem entscheidenden politischen Thema wird. Die Kontakte zwischen Deutschen und Tschechen sind heute viel breiter als noch vor ein paar Jahrzehnten. Das ist ein großes Verdienst von tschechischer Seite. Aber auch von Akteuren auf der deutschen. Unsere Haltung als Ackermann-Gemeinde gemeinsam mit den Organisatoren in Brünn ist klar: Wir wollen nicht zu einer Vertiefung der Spannungen beitragen, sondern aus einer Haltung von Freundschaft, Partnerschaft und Versöhnung heraus Gegenwart und Zukunft in einem freien und rechtsstaatlichen Europa gestalten.
Frage: Kritiker warnen davor, dass die Veranstaltung in Tschechien alte Wunden aufreißen könnte.
Rethmann: Ich halte das weniger für eine ernsthafte Argumentation als vielmehr für den Versuch der politischen Instrumentalisierung. Wichtig ist: Den Sudetendeutschen Tag in Brünn auszurichten, ist keine Initiative der Sudetendeutschen Landsmannschaft, sondern die Antwort auf eine Einladung aus Tschechien selbst. In den vergangenen Jahren hat sich auf tschechischer Seite viel entwickelt. Besonders das Format "Meeting Brno", in dessen Rahmen der Sudetendeutsche Tag stattfindet, hat seit 2015 wichtige Impulse für Erinnerung und Versöhnung gesetzt. Daraus ist eine breite Bewegung entstanden, die großen Rückhalt genießt.
Albert-Peter Rethmann ist Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde.
Frage: Wie haben sich zivilgesellschaftliche Akteure in Tschechien in dieser Debatte positioniert?
Rethmann: In den vergangenen Wochen gab es zahlreiche positive Stellungnahmen. Der Präsident der Tschechischen Republik, Petr Pavel, hat die Schirmherrschaft für "Meeting Brno" übernommen. Auch tschechische Historikerinnen und Historiker haben sich unterstützend geäußert. Wir von der Ackermann-Gemeinde haben gemeinsam mit unserer tschechischen Partnerorganisation eine Stellungnahme veröffentlicht. Die Kritik, die zum Teil auch in den sozialen Medien auftaucht, hat die Kräfte, die auf Zusammenarbeit und Versöhnung setzen, eher noch mobilisiert.
Frage: Wie hat die Kirche in Tschechien reagiert?
Rethmann: Es gibt eine wunderbare Erklärung des Rates "Justitia et Pax" der Tschechischen Bischofskonferenz. Darin wird die Bedeutung der Versöhnungsarbeit der vergangenen Jahrzehnte betont. Die Bischöfe würdigen ausdrücklich auch den christlichen Geist der Zusammenarbeit, der von der Ackermann-Gemeinde ausgegangen ist. Wir stehen voll hinter dieser Erklärung und sind dankbar, dass sich die katholische Kirche so eindeutig positioniert hat.
Frage: Inzwischen gelten die Beziehungen zwischen Deutschen beziehungsweise Sudetendeutschen und Tschechen im Großen und Ganzen als normalisiert bis gut. Wirft diese Debatte nun einen Schatten auf den Aussöhnungsprozess insgesamt?
Rethmann: Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil: Sie bestärkt viele Menschen darin, diesen Weg weiterzugehen. Die deutsch-tschechischen Vernetzungen und Beziehungen sind heute auf vielen Ebenen eng. Die Basis der Versöhnung ist deutlich stärker als die Irritationen, die von einzelnen Randgruppen ausgehen. Es gibt heute weit mehr Menschen, die auf Zukunft, Zusammenarbeit und Versöhnung setzen, als solche, die wieder auf Abgrenzung setzen wollen.
Frage: Es gibt bei solchen Themen immer wieder die Forderung, die Vergangenheit einfach ruhen zu lassen. Wie kann man mit historischen Verletzungen umgehen, ohne neue Gräben entstehen zu lassen?
Rethmann: Wenn wir uns auf deutscher wie tschechischer Seite der schmerzhaften Vergangenheit bewusst stellen, dann entsteht daraus die Grundlage für ein versöhntes Miteinander in Europa. In unserer Stellungnahme zur Debatte haben wir es als Ackermann-Gemeinde so formuliert: "Versöhnung bedeutet dabei nicht, Geschichte zu vergessen. Sie verlangt vielmehr die ehrliche Erinnerung an das erlittene Leid aller Seiten und die Bereitschaft, aus der Geschichte Verantwortung für Gegenwart und Zukunft abzuleiten." In Brünn gibt es am Wochenende ein besonders starkes Zeichen: einen Versöhnungsmarsch, der den umgekehrten Weg des Brünner Todesmarsches geht, mit dem im Mai 1945 die deutschsprachigen Bewohner aus der Stadt vertrieben wurden.
„Es gibt heute weit mehr Menschen, die auf Zukunft, Zusammenarbeit und Versöhnung setzen, als solche, die wieder auf Abgrenzung setzen wollen.“
Frage: Was da insbesondere von den beiden Regierungsparteien vom Zaun gebrochen wurde, ist ein Symptom dafür, dass in Europa nationalistische Bewegungen verstärkt die öffentliche Meinung bestimmen wollen. Die Ackermann-Gemeinde versteht sich seit Jahrzehnten als Brückenbauerin zwischen Deutschen und Tschechen. Was heißt das heute konkret in politisch immer aufgeheizteren Zeiten in Europa?
Rethmann: Die einzig angemessene Antwort darauf lautet: Es braucht Begegnung. Menschen müssen miteinander ins Gespräch kommen – über politische und weltanschauliche Grenzen hinweg. Genau das versucht die Ackermann-Gemeinde seit Jahrzehnten zu fördern, ebenso andere Akteure in der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung zeigt sich, wie wichtig solche Initiativen sind.
Frage: Welche Rolle spielt bei dieser Arbeit der christliche Glaube – gerade in einem zunehmend säkularen Umfeld?
Rethmann: Christinnen und Christen sind nicht die exklusiven Akteure in diesem Prozess der Versöhnung, aber sie haben viele wichtige Impulse gegeben. Auf beiden Seiten engagieren sich Menschen aus christlicher Überzeugung für Dialog und Verständigung. Gleichzeitig geht dieser Dialog weit über kirchliche Kreise hinaus. Ein christlicher Geist des Dialogs ist immer offen und richtet sich bewusst gegen Nationalismus, Ausgrenzung und gesellschaftliche Polarisierung.
Frage: Welche Botschaft soll vom Sudetendeutschen Tag in Brünn ausgehen?
Rethmann: Die Botschaft lautet so wie das Motto von "Meeting Brno": "Alles beginnt mit Begegnung." Begegnung bedeutet, aufeinander zu hören und gemeinsam nach dem zu suchen, was stärker ist als Hass und Polarisierung. Genau dafür werden der Sudetendeutsche Tag und "Meeting Brno" stehen.
