Die Schließung war ein Schock

Ein Jahr nach dem Ende von USAID bleibt die Lücke groß

Veröffentlicht am 01.07.2026 um 00:01 Uhr – Von Ayleen Over – Lesedauer: 

Bonn ‐ Bis 2025 galten die USA als die größten Geldgeber für humanitäre Hilfe. Für Donald Trump war das zu viel: Kurzerhand schloss er die zuständige Behörde USAID. Ein Jahr danach zeigen sich katastrophale Folgen.

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Es war nicht das erste Mal, dass US-Präsident Donald Trump eine Drohung aussprach. Im Februar 2025 traf es die United States Agency for International Development (USAID), zu Deutsch die US-amerikanische Behörde für Internationale Entwicklung. Deren Ausgaben seien unerklärlich, erklärte Trump, und die Behörde gehöre geschlossen. Anders als so manche Drohung, von der Trump später wieder abwich, sollte diese wahr werden. Genau vor einem Jahr, am 1. Juli 2025, wurden die Türen der Behörde geschlossen mit verheerenden Folgen vor allem in Entwicklungsländern. Denn auch ein Jahr danach sehen deutsche Entwicklungshilfswerke eine große Lücke in ihrer Arbeit.

Die Geschichte der USAID reicht bis in die 1960er Jahre zurück. Damals erklärte US-Präsident John F. Kennedy, die 60er sollten ein "Jahrzehnt der Entwicklung sein" und gründete die USAID. Was zuerst nach einem reinen Akt der Toleranz klingt, hatte in Wahrheit einen geopolitischen Hintergrund: der Kalte Krieg war in vollem Gange, die Amerikaner wollten den Einfluss der Sowjets so klein wie möglich halten und ihren eigenen Einfluss in der Welt auch durch sozioökonomische Hilfen vergrößern.

USAID finanzierte auch andere Organisationen

Trotz dieses Hintergrundes endeten die Hilfen nicht mit dem Ende des Kalten Krieges. Noch im Fiskaljahr 2024 erreichten die Gelder von USAID nach eigenen Angaben Projekte in 130 Ländern, neben der Ukraine und Gaza floss das meiste Geld in Richtung Subsahara-Afrika. Von den mehr als zehntausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern waren zwei Drittel außerhalb der USA angestellt und arbeiteten an verschiedenen Projekten. Dazu gehörten neben dem Kampf gegen Krankheiten wie Malaria und HIV zum Beispiel auch der Aufbau von Suppenküchen, die Stärkung von Frauenrechten und Bildung, sowie die Stärkung einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung. USAID finanzierte auch andere Organisationen, die in ihrem Auftrag die Arbeit in den Zielländern übernahmen, wie zum Beispiel die katholischen Hilfswerke Caritas und Misereor.

Insgesamt stellten die USA nach Daten der OECD etwa 63 Milliarden US-Dollar für Entwicklungszusammenarbeit, wovon die USAID laut Daten des US-Kongresses im Fiskaljahr 2024 etwa 35,4 Milliarden US-Dollar zur Verfügung hatte. Zum Vergleich: Deutschland stellte im gleichen Jahr ein Budget von rund 32 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Zwar waren die USA international der größte Geldgeber für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Doch die Summe entsprach nur etwa 0,22 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens (BNE) und lag somit unter der von den Vereinten Nationen festgesetztem Ziel von 0,7 Prozent, Deutschland lag im gleichen Jahr bei 0,67 Prozent.

Bild: ©picture alliance / Captital Pictures | CNP/ADM (Archivbild)

US-Präsident Donald Trump setzte direkt zu Beginn seiner zweiten Amtszeit fast alle Ausgaben für internationale Projekte aus.

Was für viele Jahrzehnte selbstverständlich schien, war für Donald Trump ein Dorn im Auge. Steuergelder in Projekte außerhalb der USA zu investieren, das ging entgegen seinem Leitspruch "America First". Kurz nach seinem Amtsantritt im Januar 2025 setzte er per Dekret fast alle Ausgaben für internationale Projekte für 90 Tage aus, um diese nach ihrem Wert für das US-Interesse zu überprüfen. Dies war ein Schock nicht nur für die Hilfsorganisationen, sondern auch für die Menschen, die auf die Projekte angewiesen waren. Gleichzeitig veröffentlichte das Weiße Haus eine Liste von Projekten der USAID, die sie als Verschwendung von Geldern bezeichnete. Ihren eigentlichen Nutzen für die Menschen ließ das Weiße Haus außen vor.  

Diese erste Aussetzung der Gelder hatte bereits ernste Folgen. Die US-Bischofskonferenz beendete gezwungenermaßen ihre Zusammenarbeit mit der Regierung, von der sie die Gelder für ihre Arbeit mit Geflüchteten und Kindern, die in den USA Zuflucht suchen, erhielt. "Wir können die Arbeit, die wir derzeit leisten, in ihrer Form einfach nicht aufrechterhalten", erklärte der US-Militärbischof Timothy Broglio im April 2025 nach drei Monaten eingefrorener Gelder. Man suche nach alternativen Möglichkeiten, sich für die Geflüchteten einzusetzen, so Broglio weiter. Auch Kardinal Blase Joseph Cupich aus Chicago kritisierte diesen Schritt. "Als Christen folgen wir dem Aufruf des Herrn, unseren Nächsten so zu lieben wie uns selbst, auch wenn es schwer ist", schrieb er in einem Beitrag für das Portal "Vatican News". Das soziale Netz zu schwächen bedeute, dass auch irgendwann die USA geschwächt würden, da keiner vor Krankheiten oder Unglück immun sei, so Cupich.

Ohne Vorankündigung gestoppt

Trotz aller Warnungen zog die US-Regierung bald darauf den endgültigen Schlussstrich. "Am 1. Juli wird die USAID offiziell aufhören, ausländische Hilfe zu implementieren", kündigte Außenminister Marco Rubio in einem Statement an noch am gleichen Tag wurde die Behörde geschlossen. Programme, die mit der Politik der Regierung im Einklang stehen und US-Interessen voranbringen, sollten in Zukunft vom Außenministerium verwaltet werden, erklärte er weiter.

Nicht nur Hilfsprojekte der USA selber sind von dieser Entscheidung betroffen. Auch Hilfsprojekte der Caritasverbände und von Misereor haben mit den Auswirkungen zu kämpfen. "Im Nordosten von Kenia wurde beispielsweise in der Diözese Garissa ein USAID-finanziertes Wasserprojekt, das mehreren Gemeinden Trinkwasser und Bewässerung ermöglichte, ohne Vorankündigung gestoppt", erklärt Oliver Müller, Leiter von Caritas international, auf Nachfrage von katholisch.de. In Myanmar, wo die Rohingya-Geflüchteten auf Hilfe angewiesen sind, konnte im Jahr 2025 nur jeder fünfte Mensch lebenswichtige Hilfe erhalten. Anders als andere Organisationen, die sich aufgrund fehlender Mittel komplett zurückziehen mussten, konnte sich die Caritas jedoch auf ihre tiefe gesellschaftliche Verankerung innerhalb kirchlicher Strukturen verlassen und so weiterarbeiten, so Müller weiter. Die Misereor-Referentin für Gesundheit, Ellen Schmitt, erklärt, dass auch sie nur ein Projekt hatten, was durch die USAID mitfinanziert wurde, dieses allerdings an die neuen Bedingungen anpassen mussten. Schlechter sieht es bei einem von Misereor geförderten Krankenhaus im Südsudan aus: es fehlen Gelder für die Beratung und Behandlung von HIV-Patientinnen und -Patienten. "HIV-Tests waren plötzlich nicht mehr vorhanden, die insbesondere für schwangere Frauen bedeutend sind", so Schmitt. Nur durch schnelle und zuverlässige Tests könne man eine Behandlung einleiten, die das Risiko einer Infektion des Kindes verringern.

Menschen stehen vor einer Suppenküche
Bild: ©Tobias Käufer/KNA (Symbolbild)

Seit 2024 stellen die Länder laut Daten der OECD immer weniger Geld für Entwicklungshilfe zur Verfügung.

Ein weiteres Problem: "Der Rückzug der US-Regierung von humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit hat dazu geführt, dass zahlreiche internationale Geberstaaten dem amerikanischen Beispiel gefolgt sind und ihrer internationalen Verantwortung nicht mehr gerecht werden", betont Oliver Müller. Auch Zahlen der OECD belegen, dass andere Länder immer weniger Geld zur Verfügung stellen. Demnach kürzten die vier größten Geldgeber zum ersten Mal seit 30 Jahren im Jahr 2024 ihre Unterstützung, 2025 sank die Hilfe sogar auf einen historischen Tiefstand. Insgesamt nahmen die Ausgaben im Vergleich zu 2024 um 23,1 Prozent ab. Auch Ellen Schmitt kritisiert diese Entwicklung und sieht andere Länder in der Verantwortung. "Die angekündigten erheblichen Kürzungen der Entwicklungsfinanzierung durch das Vereinigte Königreich, Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Belgien und mehrere weitere Geber beförderten eine systemische Finanzierungskrise innerhalb der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit", so Schmitt.

Vor allem im Gesundheitsbereich war die USAID aktiv. Ihr Wegfall zeigt sich dort am deutlichsten. Erst vor kurzem brach in der Demokratischen Republik Kongo das Ebola-Virus aus, es gibt bereits mehrere tausend Tote, die WHO, aus der die USA ebenfalls ausgetreten sind, rief im Mai den "Internationalen Gesundheitsnotstand" aus. Im Jahr 2024 war die Demokratische Republik Kongo nach Zahlen der Vereinten Nationen der größte Empfänger für humanitäre Hilfe aus den USA. "Geschwächte Krankheitsüberwachungssysteme infolge erheblicher Kürzungen der Gesundheitsfinanzierung im Osten der Demokratischen Republik Kongo tragen zur schnellen Eskalation des jüngsten Ebola-Ausbruchs bei", erklärt Ellen Schmitt. Es zeigt einmal mehr: In einer globalisierten Welt ist Früherkennung überlebenswichtig und Krankheiten machen vor Grenzen nicht halt. Auch die USA können das nicht ignorieren.

Von Ayleen Over