Krankheit, Krise, Neubeginn: Die Rückkehr Kardinal Erdös
Noch vor einem Jahr wurde sein Name in Rom als möglicher Kandidat auf das Papstamt gehandelt. Als die Kardinäle nach dem Tod von Papst Franziskus (2013–2025) über dessen Nachfolge berieten, gehörte Kardinal Peter Erdö zu jenem kleinen Kreis von Kirchenmännern, denen Beobachter Chancen auf das höchste Amt der katholischen Kirche einräumten. Der Primas von Ungarn bringt einiges mit, was die Kardinäle bei einem Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholikinnen und Katholiken suchen: theologische Bildung, internationale Erfahrung, (eventuelle) kirchenrechtliche Kompetenz und die Fähigkeit, Brücken zu schlagen.
Erdö zählte in diesem Zusammenhang schon länger zu den profiliertesten Prälaten in Mittel- und Osteuropa. Kirchenpolitisch und theologisch gilt er als Anhänger von Benedikt XVI. (2005–2013), als sogenannter "Ratzingerianer". Ein Mann der Wissenschaft, nicht aber der großen Öffentlichkeit. Reformen unter Franziskus verfolgte er teilweise kritisch, vor allem in Bezug auf wiederverheiratete Geschiedene oder etwa gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Die geltende kirchliche, traditionelle Lehre, betonte der Kardinal immer wieder aufs Neue.
Gerüchte um Gesundheit
Für den konservativen Flügel innerhalb der Kirche war das Anlass genug, ihn als "Spitzenreiter" im Rennen um das Papstamt zu sehen. Als dann aus dem Konklave der US-amerikanische Kardinal Robert Francis Prevost auf die Loggia des Petersdoms trat, war der Ungar von dessen Wahl nicht überrascht. Umso erfreulicher sei sie für ihn gewesen, denn Leo XIV. sei ein "mutiger Papst", der nach Harmonie strebe, Vielseitigkeit mitbringe und einen weiten Blick habe. Kurz: ein Brückenbauer – auch zwischen den unterschiedlichen Lagern innerhalb der Kirche.
Doch über ein halbes Jahr später kämpfte der 73-Jährige nicht um ein Kirchenamt, sondern um seine Gesundheit. Über Wochen und Monate war der Erzbischof von Esztergom-Budapest aus der Öffentlichkeit verschwunden. Ende Februar dieses Jahres berichteten ungarische Medien von Notoperationen. Die Erzdiözese schwieg zu den Hintergründen der Erkrankung. Später kursierten in konservativen Blogs und Portalen Spekulationen über einen Schlaganfall. In einer früheren Variante war sogar von einem Herzinfarkt die Rede. Offiziell bestätigt wurde nichts. Lediglich so viel war zu erfahren: Der Kardinal befand sich nach einer schweren Erkrankung auf dem Weg der Besserung. Das zumindest erklärte Mitte Mai ein Bistumssprecher im Gespräch mit katholisch.de.
Kardinal Peter Erdö ist unter anderem Mitglied des Wirtschaftsrats. Hier bei einem Treffen Mitte Mai 2025 mit Papst Leo XIV. in der Synodenaula im Vatikan.
Erdö zählt seit langem zu den einflussreichsten Kirchenvertretern Europas. Der 1952 in Budapest geborene Kirchenrechtler stammt aus einer Familie, die unter dem kommunistischen Regime Benachteiligungen wegen ihres Glaubens erlebte. Sein Vater durfte als gläubiger Katholik nicht als Jurist arbeiten, seine Mutter nicht als Lehrerin. Der Sohn studierte dennoch Theologie und Kirchenrecht in Budapest und Rom und machte sich früh einen Namen als Wissenschaftler.
Johannes Paul II. berief ihn 2003 überraschend an die Spitze des Erzbistums Esztergom-Budapest und erhob ihn noch im selben Jahr zum Kardinal – als jüngstes Mitglied mit nur 50 Jahren. Damit begann ein bemerkenswerter Aufstieg. Erdö leitete die Ungarische Bischofskonferenz von 2005 bis 2015, stand zehn Jahre lang an der Spitze des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (2006–2016) und übernahm zahlreiche Aufgaben im Vatikan. Groß war die Sorge, als bekannt wurde, dass er schwer erkrankt ist. Umso bemerkenswerter war seine Rückkehr zu Pfingsten in diesem Jahr. Erstmals seit Monaten zeigte sich Erdö wieder bei öffentlichen Gottesdiensten in der Basilika von Esztergom. Die Gläubigen begrüßten ihn mit lang anhaltendem Applaus. Für viele war es ein bewegender Moment. Der Kardinal wirkte gezeichnet von den vergangenen Monaten, zugleich aber entschlossen, seinen Dienst fortzusetzen.
"Wir sind alle gleich"
Nun hat sich Erdö erstmals ausführlich selbst zu seiner Krankheit geäußert. In einem Interview mit dem katholischen Portal "Magyar Kurír" sprach er von einer Zeit, die ihn menschlich und geistlich verändert habe. Wörtlich sagte der Kardinal: "Ich wurde von den Menschen auf angenehme Weise überrascht. Die Zuneigung und Verbundenheit haben mich mehr berührt, als ich erwartet hätte." Im Krankenhaus habe er Erfahrungen gemacht, die seinen Blick auf die Menschen geschärft hätten. Dort seien Herkunft, gesellschaftlicher Status oder Konfession bedeutungslos geworden. Entscheidend sei allein die Würde des Menschen: "Wir sind alle gleich und besitzen einen unveräußerlichen Wert in uns selbst."
Der Kardinal schildert die Krankheit als eine Schule der Demut. Es habe Tage gegeben, an denen sein Gebet auf wenige Worte reduziert gewesen sei. Gerade in diesen Momenten habe er die eigene Verletzlichkeit besonders intensiv gespürt. Während seiner Krankheit, so berichtet Erdö, habe er für die Menschen seines Landes gebetet – unabhängig von politischen Überzeugungen. Die Einheit der Kirche und die Versöhnung zwischen den Völkern Mitteleuropas seien ihm weiterhin ein besonderes Anliegen geblieben. Rückblickend fasst er seine Haltung in einen Satz, der viel über seine Spiritualität verrät: Er habe für alles gedankt "und auf alles war ich vorbereitet".
Nach Angaben seiner Erzdiözese verläuft die Rehabilitation erfolgreich. Erdö selbst kündigt eine schrittweise Rückkehr in seine Aufgaben an. "Ich möchte mit Gottes Gnade weiterhin die Aufgaben eines Oberhirten erfüllen", sagt er. Für die Kirche in Ungarn bedeutet das die Rückkehr einer ihrer wichtigsten Stimmen. Für die Weltkirche ist es die Rückkehr eines Kardinals, dessen Name noch im vergangenen Jahr auf den Listen der Papstkandidaten stand – und der nun nach der schweren Krankheit wieder seinen Platz nicht nur im kirchlichen, sondern auch im gesellschaftlichen Leben einnimmt. Vor allem während einer Phase der politischen Umbrüche – etwa dem Regierungswechsel von der bisherigen Fidesz-Regierung zur Tisza-Partei Peter Magyars.
