Erlebte zwei Weltkriege und zehn Päpste

Die älteste Ordensfrau der Welt und ihr Geheimnis

Veröffentlicht am 18.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

Bonn ‐ Generationen von Schülerinnen und Schülern hat sie geprägt – und widmete fast ihr ganzes Leben dem Dienst an der Kirche, der Bildung und dem Glauben. Was das Geheimnis von Ordensfrau Francis Domenici Piscatella ist.

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Sie hat zwei Weltkriege erlebt, zehn Päpste kommen und gehen sehen und Generationen von Schülerinnen und Schülern geprägt: Schwester Francis Domenici Piscatella. Mit 113 Jahren gilt die Ordensfrau offiziell als älteste lebende Nonne der Welt. Das jedenfalls besagt das Guinnessbuch der Rekorde auf ihrer Internetseite. Dort heißt es wörtlich über die Ordensfrau: "Central Islip ist ein kleiner Ort im Bundesstaat New York, in dem Piscatella geboren wurde. Ihr linker Unterarm wurde im Alter von zwei Jahren amputiert, weshalb sie von vielen religiösen Organisationen abgewiesen wurde. Schließlich wurde sie jedoch 1931 von den Sisters of St. Dominic of Amityville aufgenommen."

Schwester Francis musste allerdings schon früh lernen, mit Herausforderungen umzugehen. Im Alter von zwei Jahren verlor sie bei einem Unfall einen Teil ihres linken Arms. Doch aufhalten ließ sie sich davon nicht. In einem Interview sagte sie rückblickend: "Ich musste allen zeigen, dass mich ein Arm weniger nicht daran hindert, meinen Weg zu gehen." Aufgrund dieser "Einschränkung" musste sie immer wieder neu einstecken, besonders zu jenen Zeitpunkten, an dem sie von Religionsgemeinschaften abgewiesen wurde. Dabei war das Eintreten in einen Orden eine Herzenssache. Was schmerzlich begann, endete schließlich mit Freude, als die Dominikanerinnen sie bei sich aufnahmen.

Doch was viele Menschen besonders bei Piscatella bewegt, ist nicht nur ihr außergewöhnliches Alter. Ihre Ordensschwestern sagen, es ist die schlichte Antwort, die die Dominikanerin aus New York auf die Frage nach dem Geheimnis ihres langen Lebens gibt: "Mein ganzer Geist ist bei Gott."

Jahrzehntelang Lehrerin

Geboren wurde Schwester Francis am 20. April 1913 auf Long Island im US-Bundesstaat New York. Bereits mit 17 Jahren trat sie in den Dominikanerorden ein. Seit 1931 gehört sie den Sisters of St. Dominic of Amityville an und widmete fast ihr gesamtes Leben dem Dienst an der Kirche, der Bildung und dem Glauben. Über Jahrzehnte hinweg arbeitete sie als Lehrerin und prägte unzählige junge Menschen. Besonders am Molloy College in Rockville Centre blieb sie vielen in Erinnerung. Dort unterrichtete sie 52 Jahre lang unter anderem Geometrie.

Kreuz im Klassenzimmer
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht (Symbolbild)

Mit nur einem Arm zeichnete die Ordensfrau perfekte Kreise an die Tafel. Selbst jene, die keine Liebhaber der Mathematik sind, berichten von ihrer Überzeugungskraft. Eine ehemalige Schülerin von Schwester Francis, die heute selbst Ordensfrau ist, sagte: "Ich mag Mathematik nicht. Das habe ich noch nie. Sie hat es mir aber schmackhaft gemacht."

Mit nur einem Arm zeichnete die Ordensfrau perfekte Kreise an die Tafel. Selbst jene, die keine Liebhaber der Mathematik sind, berichten von ihrer Überzeugungskraft. Eine ehemalige Schülerin von Schwester Francis, die heute selbst Ordensfrau ist, sagte: "Ich mag Mathematik nicht. Das habe ich noch nie. Sie hat es mir aber schmackhaft gemacht.". Mit 84 Jahren zeichnete die Ordensfrau dann doch noch den letzten Kreis und zog damit den Schlussstrich unter ihre Karriere: Sie verabschiedete sich in den wohlverdienten Ruhestand.

Aktiv bis ins hohe Alter

Dass die Ordensfrauen diese Entscheidung, Schwester Francis aufzunehmen, nie bereuten, zeigten zwei Geschehnisse. Die Oberin der Dominikanerinnen Peggy McVetty etwa erzählte, was sie an Schwester Francis so sehr schätzt: "Ihre Präsenz, ihre Freude". Was das heißt, erklärte sie weiter: "Ich muss sagen, es ist echt. Früher dachte ich, Präsenz sei ein erfundenes Wort. Aber es stimmt wirklich." Wie "präsent" Schwester Francis immer ist, verdeutlichte die Priorin an einem Beispiel: Am Gründonnerstag hatte die Oberin die übliche Fußwaschung für ihren Orden vollzogen. Das tat sie auch für Schwester Francis. Dazu sagte sie: "Es war für mich sehr bewegend und für alle Anwesenden, diese Frau so aufmerksam zu sehen."

Menschen, die ihr begegneten, beschreiben sie bis heute als außergewöhnlich diszipliniert, warmherzig. Selbst im hohen Alter blieb sie aktiv. Noch mit über 110 Jahren erledigte sie alltägliche Aufgaben teilweise selbstständig und nahm sogar täglich am Gottesdienst teil. "Man lernt wirklich jeden Tag dazu", sagte sie. "Gott erwartet nicht, dass wir perfekt sind. Er möchte, dass wir ein gutes Leben führen."

Historische Umbrüche

Während ihres Lebens erlebte Schwester Francis historische Umbrüche, wie nur wenige Menschen: zwanzig US-Präsidenten, zwei Weltkriege, mehrere Pandemien und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Eines aber blieb laut ihren Ordensschwestern unverändert: die Rede ist von ihrem "tiefen Glauben".

In einer Zeit, die von Krisen und Unsicherheit geprägt ist, wirkt ihre stille Bescheidenheit nahezu außergewöhnlich. Statt über Erfolge oder ihre Karriere als Lehrerin spricht die zierliche Ordensfrau eher über Dankbarkeit, Gebet und Vertrauen. Ihren 113. Geburtstag in diesem Jahr feierte sie im Kreis vieler Menschen, die auch ihr danken wollten. Dabei zeigte sie sich zurückhaltend. Wörtlich: "Es ist sehr lieb von allen, diesen Tag so wunderschön zu machen."

Von Mario Trifunovic