Piusbrüder-Oberer: Keine Reaktion des Papstes? Bin erstaunt darüber

Der Generalobere der Piusbrüder, Davide Pagliarani, ist erstaunt über das Ausbleiben einer persönlichen Reaktion des Papstes in Bezug auf die geplanten Bischofsweihen. "Bevor man eine Gesellschaft mit über tausend Mitgliedern, die für hunderttausende Gläubige weltweit ein Bezugspunkt ist, womöglich für schismatisch erklärt, wäre es wünschenswert, diejenigen, über die gerichtet werden soll, persönlich kennenzulernen", sagte der Obere laut einem am Sonntagabend auf dem X-Profil der Gemeinschaft veröffentlichten Interviewfragment. Die angedrohten Sanktionen beträfen laut Pagliarani Menschen, die mit dem Papst und der Kirche zutiefst verbunden seien.
Hintergrund seiner Äußerungen sind die Anfang Februar angekündigten Bischofsweihen, die den Fortbestand der Piusbruderschaft sichern sollen. Nur mit Bischöfen kann sie neue Diakone und Priester weihen. Bischofsweihen ohne die Erlaubnis des Papstes sind eine kanonische Straftat. Diese führt zur Tatstrafe der Exkommunikation für Weihespender und -empfänger. Die erste Bischofsweihe der Piusbruderschaft in 1988 wurde bereits vom damaligen polnischen Papst Johannes Paul II. als schismatischer Akt bewertet.
Lob für Franziskus
Im Fall der aktuellen für den 1. Juli geplanten Bischofsweihen hatte der vatikanische Glaubenspräfekt, Kardinal Víctor Manuel Fernández, Pagliarani empfangen, um zu einer gemeinsamen Position zu kommen. Kurz darauf hatten die Piusbrüder das Angebot ausgeschlagen und Mitte Mai eine "Glaubenserklärung" an Papst Leo XIV. vorgelegt. Darin hatten sie ihre Positionen bekräftigt und dabei zentrale Lehraussagen der Kirche bestritten. Kurz darauf folgte eine Zurückweisung der Warnung Roms durch den Leitenden Dogmatiker der traditionalistischen Gemeinschaft. Ebenso wurden Ende Mai die Namen der vier Kandidaten zur Bischofsweihe mitgeteilt.
Auch zu Papst Franziskus (2013–2025) äußerte sich Pagliarani. Das Pontifikat des Argentiniers bezeichnete er als "Desaster". Trotzdem habe Franziskus das Gute erkannt, das die Piusbruderschaft tue. "Aus dieser Erkenntnis erwuchs uns gegenüber eine scheinbar ambivalente Haltung, eine Form der Toleranz, die oberflächliche Beobachter überraschte und konservative Kreise mitunter tief irritierte", so Pagliarani weiter. Es sei daher unfair Franziskus vorzuwerfen, in seiner Beurteilung der Menschen oder in der Anwendung des Rechts "starr und schematisch" vorgegangen zu sein. Im Vergleich zu Leo XIV. habe sein Vorgänger auf ein Audienzgesuch innerhalb eines Tages reagiert und "er erwies sich als besonders zuvorkommend".
Pagliarani steht seit 2018 an der Spitze der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X. Sie lehnen die meisten Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) ab, etwa zu Ökumene und Religionsfreiheit. Zudem beharren sie auf der vorkonziliaren Form der Messe. Der Gemeinschaft gehören weltweit mehr als 700 Priester an, die meisten davon in Nordamerika und in Frankreich. Bereits 1988 waren nach der unerlaubten Weihe von vier eigenen Bischöfen ihr Gründer, Erzbischof Marcel Lefebvre (1905–1991), sowie die Geweihten durch den Vatikan exkommuniziert worden. Papst Benedikt XVI. (2005–2013) hob die Beugestrafe 2009 wieder auf, zu einer theologischen Einigung kam es allerdings nicht. (mtr)