Warum der Papst Erzbischöfen das Pallium verleiht
Wenn Papst Leo XIV. am 29. Juni im Petersdom die neuen Pallien an die in den letzten zwölf Monaten ernannten Metropolitan-Erzbischöfen verleiht, setzt er eine Tradition fort, die bis in die ersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte zurückreicht. Im Lateinischen steht "Pallium" für "weiter Mantel". Die schmalen Bänder aus weißer Wolle sind aber weit mehr als "nur" liturgischer Schmuck. Sie gelten als sichtbares Zeichen eines Metropolitan-Erzbischofs und seiner Verbundenheit mit dem Nachfolger des Apostels Petrus, dem Papst.
Bis zum dritten Jahrhundert war das Pallium noch Teil der Bekleidung hoher römischer Beamter. Dessen Ursprung geht auf den griechischen Himation zurück, woraus sich auch der sogenannte Tribon entwickelte, ein Philosophenmantel. Platon etwa schrieb, dass Sokrates diesen Mantel getragen hatte. Ursprünglich besaß dieser Mantel die Form einer großen Wolldecke, die um den Körper gewickelt und mit einer Schnalle an den Schultern befestigt wurde. Als das Christentum dann im Jahr 380 unter Kaiser Theodosius I. zur Staatsreligion im Römischen Reich wurde, gab es das Pallium auch für hohe Geistliche.
Die Verleihung des Palliums an einzelne Erzbischöfe der westlichen Kirche ist aber erst seit dem 7. Jahrhundert überliefert. Erst im 11. Jahrhundert bekam das Pallium auch eine rechtliche Bedeutung und wurde schließlich zu einem erzbischöflichen Insigne. Heute tragen es nur der Papst selbst und jene Erzbischöfe, die einer Kirchenprovinz – einer sogenannten Metropolie – vorstehen. Der Papst aber kann das Pallium bei jeder Messe tragen. Im Früh- und Hochmittelalter trug man das Pallium nur wenige Tage im Jahr. Im Laufe des 11. Jahrhunderts wurden die Tage, an denen der Erzbischof das Pallium tragen durfte, durch päpstliche Privilegien erhöht. Genannt wurden diese Tage "Pallientage". Heute tragen Metropoliten das Pallium nicht bei jeder Messe, sondern nur bei Pontifikalämtern, also feierlichen Gottesdiensten, und ausschließlich innerhalb ihrer eigenen Kirchenprovinz.
Anderer Akzent bei Franziskus
Gefertigt wird das Pallium bis heute aus weißer Wolle. Traditionell stammt sie von Lämmern, die am Fest der heiligen Agnes am 21. Januar vom Papst gesegnet werden. Die Wolle wird anschließend von Benediktinerinnen des römischen Klosters Santa Cecilia in Trastevere verarbeitet. Weil die Zahl der neu ernannten Metropolitan-Erzbischöfe inzwischen deutlich gestiegen ist, wird heute zusätzliche Wolle beigemischt. Die fertigen Pallien werden vor ihrer Segnung am Grab des Apostels Petrus im Petersdom aufbewahrt und gelten als Berührungsreliquien. Dass die Verleihung rund um das Solemnitas Sanctorum Petri et Pauli Apostolorum, dem Hochfest der Apostel Petrus und Paulus stattfindet, ist kein Zufall. Die beiden Apostel gelten nämlich als Säulen der Kirche und sind Schutzpatrone von Rom.
Das Pallium ist eine schmale weiße Wollstola, die mit sechs schwarzen Seidenkreuzen bestickt ist und über das Messgewand gelegt wird. Sie wird traditionell vom Papst an neu ernannte Erzbischöfe verliehen. Die Pallien gelten als Berührungsreliquien, weil sie bis zur Verleihung in einem Behältnis am Grab des Apostels Petrus aufbewahrt werden.
Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich die Gestalt des Palliums mehrfach verändert. Heute ist es etwa fünf Zentimeter breit und mit sechs schwarzen Kreuzen bestickt. Papst Benedikt XVI. (2005–2013) griff nach seiner Wahl zunächst die ältere Form eines längeren Palliums mit roten Kreuzen auf, wie sie im ersten Jahrtausend üblich war, als die Ost- und Westkirche noch nicht getrennt waren. Später kehrte er jedoch zu einer modernisierten Form des traditionellen Palliums zurück, die auch seine Nachfolger tragen. Dabei handelt es sich um ein ringförmiges Pallium mit auf Brust und Rücken herabhängenden Streifen, bestickt mit roten Kreuzen.
Doch es gibt auch Veränderungen in Zusammenhang mit der Tradition der Weitergabe der Insignien. Während der polnische Papst Johannes Paul II. (1978–2005) die heute bekannte zentrale Feier im Petersdom etablierte, setzte das argentinische Kirchenoberhaupt Franziskus (2013–2025) einen ganz anderen Akzent: Die neuen Metropolitan-Erzbischöfe erhielten während seines Pontifikats ihr Pallium zwar weiterhin in Rom aus den Händen des Papstes, die feierliche „Übergabe“ erfolgte jedoch von 2015 bis 2025 im jeweiligen Heimatbistum durch den dortigen Papst-Botschafter, dem Apostolischen Nuntius. Franziskus wollte damit die Verbindung des Erzbischofs zu seiner Ortskirche und zu den Gläubigen seiner Kirchenprovinz stärker hervorheben.
Zeichen der Gemeinschaft
Papst Leo XIV. aber revidierte die Entscheidung seines Vorgängers und nahm bereits im vergangenen Jahr, einen Monat nach seiner Wahl zum Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken, die lange Tradition der feierlichen Vergabe wieder auf. Vor einem Jahr hatte er 54 neu ernannten Metropolitan-Erzbischöfen aus aller Welt das Pallium in einer feierlichen Zeremonie im Petersdom übergeben. Metropoliten tragen ihr Pallium über dem Messgewand, beispielsweise zu Pontifikalämtern. Bei der Übergabe sagt der Zelebrant wörtlich zum Neuernannten: „Trage es im Gebiet deiner Kirchenprovinz zum Zeichen deiner Stellung als Metropolit. Auch sei es dir ein Zeichen der Einheit: Ausdruck der Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl, Band der Liebe im Bischofskollegium und Ansporn zur unerschrockenen Führung des Amtes."
Heute tragen das Pallium nur der Papst selbst und jene Erzbischöfe, die einer Kirchenprovinz – einer sogenannten Metropolie – vorstehen. Der Papst kann das Pallium aber bei jeder Messe tragen.
Das Pallium ist nicht übertragbar und wird mit dem verstorbenen Erzbischof begraben. Wenn der Metropolit auf einen anderen Metropolitansitz wechselt, benötigt er übrigens ein neues Pallium. Unter den deutschen Erzbischöfen kennt der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, diese Situation. Für ihn ist das aktuelle Pallium für Köln bereits sein Zweites. Zuvor bekam er auch als Erzbischof von Berlin ein Pallium.
Ähnlich bei den Ostkirchen
Einen nahen Verwandten des Palliums kennen auch die Ostkirchen. In den orthodoxen und den byzantinisch-katholischen Kirchen entspricht ihm das sogenannte Omophorion. Dabei handelt es sich ebenso um ein liturgisches Kleidungsstück der Patriarchen, Metropoliten und Bischöfe der orthodoxen Glaubenstradition. Es entspricht dem Pallium der lateinischen Kirche, besteht allerdings im Gegensetz zum Pallium nicht aus Wolle, sondern aus einem etwa 30 Zentimeter breiten, mit Kreuzen verzierten Brokatstoffstreifen, der so um die Schultern geworfen wird, das er nach vorne und hinten ein Gabelkreuz ergibt. Brokat ist ein schweres, festes und gemustertes textiles Gewebe aus Seide.
Wie das Pallium verweist auch das Omophorion auf Christus als den Guten Hirten, der das verlorene Schaf auf seinen Schultern trägt. Während das Pallium in der Westkirche heute auf den Papst und die Metropolitan-Erzbischöfe beschränkt ist, tragen in den Ostkirchen grundsätzlich alle Bischöfe das Omophorion. Wenn Papst Leo XIV. die neuen Pallien überreicht, setzt er damit nicht nur eine jahrhundertealte Tradition fort. Er unterstreicht gleichzeitig die bleibende Bedeutung eines Insignes, das wie kaum ein anderes für Einheit, Gemeinschaft und kirchliche Sendung steht.
