Plastikmüll und ein Lastenmotorrad als Hoffnungsschimmer

Die Sonne steht im Zenit und brennt ungeschützt auf die rote Erde am Stadtrand von Tamale nieder. 39 Grad sollen es laut App sein. Jetzt um 13 Uhr mittags. Im Schatten. Doch hier ist kein Schatten. Ein einzelner alter Baum spendet einer Handvoll mageren Rindern etwas Schutz.
Yaro Seidu schiebt gemeinsam mit seinem Helfer Al Hassan staubige, dreckige Plastikflaschen über den Hof einer älteren Frau, um den Abfall dann mit einem Netz zu einem 50-Kilo-Ballen zusammenzuschnüren. Das ist eigentlich Aufgabe seiner Kunden, doch die alte Frau ist dazu nicht mehr in der Lage. Flaschen sammeln geht noch mit ihrem Gehstock – das Bündeln ist zu schwer für sie.
Voll beladenes Gefährt
Mit Overall und Wollmütze gegen die Sonne geschützt, laufen Yaro und seinem Freund die Schweißperlen übers Gesicht, als sie den ersten Sack mit Plastikflaschen auf sein neues Lastenmotorrad wuchten. Ein zweiter Sack wird gebündelt – ein dritter und ein vierter folgen. Von hinten ist das Gefährt kaum noch zu erkennen, als die beiden mit Seilen die Ladung befestigen. Langsam startet Yaro die Fahrt mit seinem dreirädrigen Motorrad auf der ausgewaschenen Sandpiste, die ihn zurück ins Zentrum bringt; mehrmals schwankt das Gefährt bedrohlich durch die Senken der roten Piste. Sein Partner Al Hassan läuft derweil entspannt nebenher.
Gut 200 Kilo Plastikmüll befördert Yaro so mit jeder Tour zum örtlichen Recyclinghof – von den knapp 14 Euro Erlös bekommen die Sammlerinnen elf Euro, für ihn bleiben drei. Nach vier Touren kommen somit rund 50.000 weggeworfene Plastikflaschen von den Straßen Tamales. Jeden Tag.
Wie alles begann
Rückblende: Als das internationale katholische Hilfswerk missio Aachen im September 2024 gemeinsam mit der ZDF-Journalistin Gundula Gause in Accra ein Kinderschutzzentrum für Kinder der Elektroschrotthalde Agbogbloshie einweihte, sind Yaro und ich uns das erste Mal begegnet: Gemeinsam mit seinem Freund Mohammed führte er uns über diese illegale Schrotthalde, auf der auch Müll aus Europa landet. Wir waren beileibe nicht die ersten Journalisten, die Agbogbloshie besucht haben. Denn mittlerweile ist diese Hölle weltweit bekannt. Doch auf die Frage, ob sich bei all dem Medienrummel etwas für sie geändert habe, schütteln beide den Kopf. Eine Antwort wie ein Schlag in die Magengrube.
Yaro Seidu trägt sein Gewand für das Freitagsgebet am 27. März 2026 in Tamale (Ghana).
Und ein mehr als deutlicher Denkanstoß: "Wird sich denn durch meine Berichterstattung, durch meine Fotos, etwas für sie ändern?" Sicher: Ein kirchliches Hilfswerk bekommt ein Forum und dadurch Unterstützung für die konkrete Arbeit vor Ort. Dem "neutralen Berichterstatter" stellt sich aber die Frage: Darf man hier konkret eingreifen? Ist das nicht ungerecht allen anderen Menschen gegenüber? Hier in dieser Schrott-Hölle? Und wer ist Yaro überhaupt?
Sein Geburtsjahr kennt er nicht: Auf dem Amt haben sie sich auf 1995 geeinigt – und so steht es nun in seinem Pass. Geboren ist er in Tamale im Norden Ghanas. Als Kind verlor Yaro früh seinen Vater. Die Mutter verschwand, also wuchs er bei seiner Großmutter auf. Doch schon bald starb auch sie. Yaro besuchte die sechste Klasse, als er beschloss, allein in die 700 Kilometer entfernte Hauptstadt Accra zu fahren, um auf der Schrotthalde sein Glück zu versuchen. Yaro kam über die Runden, fand Freunde und gründete eine Familie – doch sein Traum blieb immer, zuhause in Tamale zu arbeiten. Mit den Fähigkeiten, die er auf der Müllkippe gelernt hatte: Recycling.
Neustart im Norden des Landes
Eigentlich hatte er mit seiner jungen Familie auch schon einmal den Absprung geschafft und Arbeit im Norden gefunden, aber die dortige Recyclingfirma meldete Konkurs an. Um seinen beiden Kindern die Schule zu finanzieren, kehrte er erneut allein nach Accra zurück. Hätte er ein Lastenmotorrad, war sich Yaro sicher, könnte er sein eigenes kleines Unternehmen zuhause in Tamale gründen, um seine Familie zu ernähren. 2.200 Euro wären dazu wohl nötig. In den letzten zwei Jahren konnte Yaro durch den Verkauf von Kupfer und anderen Metallen rund 150 Euro zur Seite legen.
Zurück in Deutschland vergingen Monate, bis sich der Gedanke durchsetzte: "Kann man nicht mal von Konventionen abweichen?" Und so wurde gemeinsam mit missio eine Spenden-Website konkret für Yaro eingerichtet: Eigentlich unüblich, doch ein Hilfswerk hat das logistische Know-how und Partner vor Ort – und ein Journalist kann in den Sozialen Medien um Unterstützer werben: Binnen einer Woche waren so die 2.200 Euro beisammen. Und über Ordensschwestern der Steyler Missionarinnen, für die Yaro schon oft gearbeitet hat, erhielt der junge Familienvater Anfang 2026 die Chance, sein eigenes Lastenmotorrad zu kaufen – zu Hause im Norden.
Das Start-up kommt ins Rollen
Am dortigen Flughafen wartet Yaro an einem sonnigen Morgen mit seinem neuen Lastenmotorrad. Noch liegt der Flughafen gut eine Viertelstunde außerhalb der Stadt, doch Tamale gehört zu den am schnellsten wachsenden Städten Westafrikas und zählt schon heute geschätzt 800.000 Einwohner.
Yaro Seidu auf seinem Lastenmotorrad mit Plastikflaschen, am 26. März 2026 auf einer Sandpiste in Tamale (Ghana).
Auf halber Strecke steigt Al Hassan mit auf die Ladefläche: Er ist Yaros Kompagnon und hilft ihm beim Verladen der riesigen Müllsäcke. Al Hassan lebt in einer eigenen Welt – seine Gedanken scheinen bei jeder Bodenwelle zu springen. Bevor Yaro ihm Arbeit gab, hat er sich mit Betteln und Tagelöhnerjobs durchgeschlagen. "Al Hassan ist ein guter Mensch", betont Yaro, als wir mit dem Motorrad an der ersten privaten Sammelstelle eintreffen: "Er hat genau wie ich als Kind seine Eltern verloren." Und wenn man ihm sage, was zu tun ist, könne er richtig zupacken.
Allein mit drei Kindern
Nach zwei Touren in der Vormittagshitze machen die beiden eine Pause, und Yaro zeigt sein Zuhause: Hinter einem gekalkten Eingang folgt ein fensterloser Wohnraum in dem Bau mit Wellblechdach. Nebenan gackern magere Hühner in ihrem Stall. Vor der Türe liegen Säcke mit Plastikmüll: "Alles Arbeit für mich", grinst Yaro. Hier lebt er also mit seinen älteren beiden Kindern Hawabu und Abdul: Samu, sein jüngster Sohn, verbringt momentan die meiste Zeit bei guten Verwandten. "Er geht ja noch nicht zur Schule."
Und seine Frau? Yaro blickt nachdenklich auf den Müll vor seiner Haustüre: "Nachdem ich meine Arbeit hier in Tamale verloren hatte und zurück nach Accra musste, um das Schulgeld für unsere Kinder zu verdienen, hatte sie nach zwei Jahren genug." Sie sei ja nicht aus dem Norden, wollte zurück in die Hauptstadt, "sie blieb nur wegen unseren Kindern alleine hier".
Yaro Seidu (m.) und sein Partner Al Hassan schieben leere Plastikflaschen zu einem 50 Kilo schweren Netz zusammen, am 26. März 2026 in Tamale (Ghana).
Nun ist es an ihm, sich alleine um sie zu kümmern. "Wir haben Kontakt, wir telefonieren miteinander", erklärt Yaro. Doch die Situation hier im Norden müsse sich verbessern für ihn und die Kinder – vielleicht eine neue, bessere Wohnung: "Ich bete darum, dass sich bei mir alles zum Guten wendet, dass sie zurückkommt und sich gemeinsam mit mir um die Kinder kümmern kann."
Bildung als Chance für die Kinder
Deshalb arbeite er so hart. Jeden Tag, bei jeder Hitze: "Dank des Motorrads kann ich jetzt gut etwas ansparen." Als Erstes wolle er Fahrräder für Hawabu und Abdul kaufen, damit sie zur Schule fahren können, denn der Weg ist weit dorthin: "Die Bildung der Kinder ist mir das Wichtigste. Nur mit Bildung haben sie eine Chance", ist sich Yaro sicher. Er hatte nie wirklich einen Vater, jetzt will er da sein für seine Kinder. Daran setzt er all seine Kraft.
Die Mittagspause wird für beendet erklärt, und Yaro schickt seinen Partner Al Hassan zurück auf die Ladefläche. Noch immer brennt die Sonne mit unerbittlichen 39 Grad auf den staubigen Lehmboden. Auch hier kein Schatten weit und breit. Für mich als Europäer ist das zu viel. Ich kapituliere, weshalb mich Yaro vor zwei weiteren Recyclingmüll-Touren zu einer Unterkunft mit Klimaanlage bringt. Bis wir uns am Abend wieder treffen, bleibe ich erschöpft zurück und grüble weiter: War es nun gut oder nicht, diesem einzelnen Menschen im Norden Ghanas mit einer unscheinbaren Spendenaktion eine neue Chance zu geben?