Wenn die Kirche nicht im Dorf bleibt

Wenig Personal und Großpfarreien – was bleibt von kirchlicher Heimat?

Veröffentlicht am 22.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Jutta Simone Thiel (KNA) – Lesedauer: 

Würzburg ‐ Kirchliches Leben verändert sich spürbar: Pfarreien wachsen zu größeren Einheiten zusammen, die Zahl der Hauptamtlichen sinkt – und häufig stellt sich vor Ort die Frage, wie Gottesdienst künftig gestaltet werden kann.

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Fünf Gottesdienstbesucher im Mainzer Dom, weit verstreut in den Bänken. Fast fühlt man sich an die Corona-Jahre erinnert. Beim Gesang ist nur die Stimme des Pfarrers zu hören. "Ja, das ist ein gültiger Gottesdienst", sagt der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf bei einer Liturgiewerkstatt in Würzburg. "Aber ist das auch eine Feierkultur?"

Kohlgraf beschreibt die Qualität eines Gottesdienstes bewusst nicht allein über Zahlen. Gute Liturgie könne sehr unterschiedlich aussehen, betont er. Für ihn gehören dazu Menschen, die tatsächlich mitbeten und mitsingen, gute Kirchenmusik – gleich welcher Stilrichtung – sowie eine Verkündigung, die vorbereitet ist und persönliche Überzeugung erkennen lässt. Auch Momente der Stille seien wichtig. Er selbst sei empfindlich, wenn in Gottesdiensten zu viel geredet werde, so der Bischof.

Sorge vor anonymen XXL-Pfarreien

Warum die Frage nach lebendiger Liturgie überhaupt so dringlich ist, zeigt ein Blick auf die Strukturreformen vieler Bistümer. Pastorale Räume wachsen, Pfarreien werden zusammengelegt, die Zahl der Hauptamtlichen sinkt. Hinter solchen Veränderungen steht eine Sorge, die viele Gemeinden umtreibt: Entstehen dadurch anonyme XXL-Pfarreien, die den Bezug zu den Menschen verlieren? Oder eröffnet die Neuordnung auch Möglichkeiten, liturgisches Leben anders zu organisieren? Kohlgraf plädiert dafür, den Wandel nicht nur als Verlustgeschichte zu betrachten: "Nicht jede Gemeinde muss weiterhin alles leisten, vielmehr können Orte eigene Schwerpunkte entwickeln."

Die Menschen seien heute ohnehin kirchlich anders gebunden als noch vor wenigen Jahrzehnten. Nicht mehr selbstverständlich sei die Ortsgemeinde auch geistliche Heimat. Manche suchten gezielt Gottesdienste mit bestimmter Kirchenmusik, Familiengottesdienste oder Veranstaltungen, bei denen sie Gemeinschaft erleben. Andere fänden ihre Verbindung zur Kirche eher über Kindertagesstätten, Schulen oder die Caritas, erläutert Kohlgraf.

Leben in einer Gemeinschaft

Zugleich bleiben Kirchen im Dorf identitätsstiftende Orte. Gerade auf dem Land sei der Kirchturm oft eines der letzten Zentren gemeinschaftlichen Lebens. Umso schmerzlicher werde es, wenn Kirchen aufgegeben oder Gottesdienstorte verändert werden. Wie existenziell solche Veränderungen erlebt werden, zeigt das Beispiel einer älteren Frau, die beklagt habe: "Herr Pfarrer, ich weiß gar nicht mehr, wo ich zum Beten hingehen soll."

Liturgiewissenschaftlerin Nikola Banach und Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz, am 16. Mai 2026 in Würzburg.
Bild: ©KNA/Jutta Simone Thiel

Liturgiewissenschaftlerin Nikola Banach und Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz, am 16. Mai 2026 in Würzburg.

Ähnliche Überlegungen stellt die Liturgiewissenschaftlerin Nikola Banach aus Berlin an. Das Erzbistum reicht von der Hauptstadt bis an die Ostsee und vereint urbane und ländliche Räume sowie sehr unterschiedliche religiöse Prägungen. Während die Größe neuer Pfarreien in der Hauptstadt weniger problematisch sei, stelle sich in den ländlichen Regionen die Frage, wie liturgisches Leben künftig getragen werden könne, berichtet die Expertin.

Alternative Angebote zur Messe

Banach formuliert deshalb bewusst provokant: "Muss es immer eine Messe sein?" Für eine Eucharistiefeier mit Wandlung und Kommunion ist ein geweihter Priester notwendig – vielerorts steht aber kein eigener Priester mehr zur Verfügung. Banach kritisiert, dass andere gottesdienstliche Formen – wie Andachten, Wort-Gottes-Feiern oder Vespern – bislang zu selten genutzt würden. Auch sie könnten Gemeinden zusammenführen und vielerorts von Laien geleitet werden. Ein Beispiel verdeutlicht, was sie meint: Nach einer Wort-Gottes-Feier habe ein Teilnehmer gesagt, das sei "ein schöner Gottesdienst" gewesen – obwohl keine Eucharistie gefeiert worden war.

Auch wenn sich der Blick auf Liturgie verändert hat, bleibt für Kohlgraf die Eucharistiefeier der zentrale Bezugspunkt kirchlichen Lebens. Deshalb sei zu überlegen, wie sie unter veränderten Bedingungen vor Ort noch regelmäßig möglich ist – und was es bedeutet, wenn sie seltener gefeiert wird.

Mit engagierten Getauften und Gefirmten

Eine Lösung, die nur am Priestermangel ansetzt, greife zu kurz, sagt Kohlgraf: "Die Konzentration auf den Priester allein darf es nicht geben." Entscheidend sei vielmehr, dass auch Getaufte und Gefirmte Verantwortung für das gottesdienstliche Leben übernehmen – in Wort-Gottes-Feiern, in Vespern, im Gebet, in der Leitung von Feiern und im diakonischen Handeln.

Zwischen diesen Polen bewegt sich die Diskussion: zwischen der Suche nach neuen Formen, die Gottesdienst auch ohne regelmäßige Eucharistiefeiern lebendig halten, und der Frage nach der Eucharistie als Zentrum kirchlicher Praxis. Einfache Antworten gibt es nicht – darin sind sich Banach und Kohlgraf einig. Klar wird aber: Liturgie wird sich stärker als bisher an den konkreten Möglichkeiten vor Ort orientieren müssen – und an der Bereitschaft, Verantwortung gemeinsam zu tragen.

Von Jutta Simone Thiel (KNA)