Standpunkt

Zwei Tonnen Reis sind das ehrlichere Papstgeschenk

Veröffentlicht am 22.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Schwester Gabriela Zinkl – Lesedauer: 

Bonn ‐ Manche Geschenke verleihen Status, andere stillen Hunger. Die zwei Tonnen Reis für Papst Leo XIV. gehören zur zweiten Kategorie, meint Schwester Gabriela Zinkl. Gerade deshalb sind sie ein starkes Zeichen.

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Wenn in China ein Sack Reis umfällt, interessiert das niemanden – sagt der Volksmund. Mit diesem Sprichwort wird gerne erklärt, was Gleichgültigkeit bedeutet: Ereignisse, die uns nichts angehen, weil sie zu weit weg, zu klein und zu alltäglich sind. Anlässlich des Besuchs von Papst Leo XIV. in Norditalien spendeten ein Bauernverband aus der Region gleich mehrere Säcke Reis, genauer zwei Tonnen, die inzwischen auf dem Weg zu Bedürftigen in Rom und in der Ukraine sind. Ist das nur eine hübsche PR-Aktion im Schatten des lächelnden Papstes?

Zwei Tonnen Reis klingen nach einer netten, aber überschaubaren Geste. Rechnet man aber nach, wie viele Teller sich damit füllen lassen – bei 100 Gramm pro Portion sind das zwanzigtausend warme Mahlzeiten –, verliert das Wort "unbedeutend" seinen Sinn. Genau darin liegt die bekannte biblische Logik der Brotvermehrung: Nicht das Wunder der Menge zählt, sondern das Wunder des Teilens, durch das es plötzlich für alle oder viele reicht.

Diese besondere Ökonomie des Teilens ist dem Christentum von Anfang an in die Seele eingeschrieben. Sie steht quer zur Logik der schönen Gesten und diplomatischen Geschenke, mit denen Staatsoberhäupter und Magnaten Päpste sonst überhäufen: Ferraris, goldene Füllfederhalter oder in Leder gebundene Prachtbände, die in vatikanischen Vitrinen verstauben und vielleicht irgendwann für den guten Zweck versteigert werden.

Zwei Tonnen Reis lassen sich nicht ausstellen. Sie sind zum Verteilen und Essen bestimmt. Gerade deshalb sind sie ein sehr ehrliches Geschenk, noch dazu überreicht am Weltmigrantentag, in der Geburtsstadt der Ordensgründerin Francesca Cabrini, der Schutzpatronin der Migranten. Auch wenn die Symbolik vorher verabredet war, ist das Geschenk des Bauernverbands christologisch gesehen genial: Die Bauern schenken dem Stellvertreter Christi nicht etwas, das ihm Status verleiht, sondern das, was er braucht, um seinem Auftrag gerecht zu werden: die Marginalisierten zum Mahl an den Tisch zu holen und sie satt zu machen. Ausgerechnet am Tag der Migranten wird diese Gabe so zu einem hochpolitischen Zeichen für den Rest der Welt.

Vielleicht ist es an der Zeit, das Sprichwort umzuschreiben: Manchmal fällt irgendwo ein Sack Reis um – und plötzlich geht er uns alle etwas an.

Von Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen, promovierte Theologin (Kirchenrecht) und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.