Liturgiewissenschaftler zum Laienpredigt-Verbot

Kranemann: Predigtqualität spielt für Vatikan offenbar keine Rolle

Veröffentlicht am 25.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Brüwer – Lesedauer: 

Erfurt ‐ Das vatikanische Laienpredigt-Verbot hat Benedikt Kranemann enttäuscht. Im katholisch.de-Interview erklärt er, welche Verkündigung-Möglichkeiten noch bleiben und wie eine synodale Liturgie aussehen müsste.

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Per Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, hat Liturgiepräfekt Arthur Roche ein Reformvorhaben des Synodalen Wegs der Kirche in Deutschland vorerst ausgeräumt: Laien dürfen in der Eucharistiefeier keine Homilie halten. Im katholisch.de-Interview ordnet der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann das Schreiben ein.

Frage: Waren Sie überrascht über das vatikanische Verbot der Laienpredigt, Herr Kranemann?

Kranemann: Ich war nicht überrascht, aber dann doch enttäuscht. Ich hatte schon eine gewisse Hoffnung, dass so ein Schritt – der für deutsche Verhältnisse nicht einmal ein besonders großer Schritt gewesen wäre – ein erster Fingerzeig hätte werden können, dass sich etwas in diesem Bereich bewegt. Das Schreiben ist schon ein Rückschlag. Mir tut das besonders mit Blick auch auf meine Studierenden leid, die sich auf die Schriftauslegung umfassend vorbereiten und qualifiziert sind, die Homilie aber später als sogenannte "Laien" nicht halten dürfen.

Frage: Überzeugt Sie als Liturgiewissenschaftler die Argumentation des Vatikans?

Kranemann: Ich habe zu dem Schreiben aus Rom eine Reihe von Fragen. Ich finde die Argumentation jenseits dessen, dass man sich auf das geltende Kirchenrecht beruft, nicht besonders überzeugend. Der Brief nimmt beispielsweise Bezug auf eine Aussage von Papst Leo XIV. bei einer Generalaudienz im Mai. Eine liturgietheologisch prägnante Formulierung. Kurz gesagt: Die Liturgie soll die Gläubigen ermutigen und stärken – keine Frage. Aber ist das durch eine Homilie, die Nichtordinierte halten, nicht möglich? Eine Sache irritiert mich als Liturgiewissenschaftler besonders.

Frage: Was denn?

Kranemann: Im römischen Schreiben heißt es, dass die Verkündigung des Wortes Gottes innerhalb der liturgischen Versammlung untrennbar mit der Ordination verbunden sei. Das kann aber nur das Evangelium meinen, das Priester oder Diakon verkünden. Was ist dann mit dem Alten Testament, was mit Briefliteratur, der Apostelgeschichte usw.? Die Verkündigung des Wortes Gottes wird zum Teil offensichtlich auf das Evangelium verkürzt – denn die Lesungen und Psalmen werden von Lektorinnen und Lektoren in der Liturgie verkündigt, also von "Laien". Haben diese Texte keine Bedeutung für die Verkündigung? Die Rede über die Verkündigung des Wortes Gottes ist an dieser Stelle mehr als missverständlich.  

Der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann
Bild: ©Universität Erfurt (Montage: katholisch.de) (Archivbild)

"Die Spannung zwischen dem, was der Vatikan vorschreibt, und dem, was in der Praxis seit Jahrzehnten begegnet, wird bleiben", warnt der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann. "Das finde ich wirklich bedenklich."

Frage: Liturgiepräfekt Arthur Roche betont, dass theologische Bildung oder kommunikative Fähigkeiten nicht so wichtig sind wie die Weihe. Was bedeutet das?

Kranemann: Das kann man so lesen, dass die Qualität der Predigt keine Rolle spielt oder zurücktritt. Laiengläubige – die auch in diesem Fall natürlich keine Laien im landläufigen Sinne sind, sondern des Wortes mächtig – dürfen keine Homilie halten. Dass den Gläubigen selbstverständlich zugetraut wird, in einer Wortgottesfeier zu predigen, zeigt ja, dass das Verbot der Homilie an ihrer theologischen Qualifikation nicht liegen kann. Und eine Formulierung ich geradezu paternalistisch.

Frage: Und zwar?

Kranemann: Für den Priester wird gesagt, dass die Vorbereitung und das Halten der Homilie einen integralen Bestandteil seines priesterlichen Dienstes und seiner Spiritualität ausmacht. Wie ist das denn bei Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und -referenten? Gehört das nicht auch zu deren Dienst und Spiritualität? Insgesamt fällt man mit dem Schreiben in Muster zurück, die eigentlich, wenn man in der Kirche so sehr Synodalität und Partizipation wünscht, überwunden sein müssten.

Frage: In vielen Diözesen in Deutschland ist es bereits eingeübte Praxis, dass Laien in Eucharistiefeiern predigen dürfen. Was bedeutet das Schreiben für diese Praxis?

Kranemann: Die Spannung zwischen dem, was der Vatikan vorschreibt, und dem, was in der Praxis seit Jahrzehnten begegnet, wird bleiben. Das finde ich wirklich bedenklich. Das, was mittlerweile über Jahrzehnte in Deutschland und anderen deutschsprachigen Ländern eingeübt wurde und sich bewährt, wird nicht gewürdigt. Es wird sich nicht zurückdrängen lassen. Doch es bleibt eine Spannung, unter der die Kirche wirklich leidet. Ich befürchte, dass solche Schreiben eher dazu beitragen, Konkurrenzverhältnisse in der Kirche zwischen Ordinierten und Nichtordinierten aufflammen zu lassen, die wir nun wirklich nicht brauchen. 

Ambo im Ingolstädter Münster
Bild: ©Adobe-Stock/ Peter Heckmeier (Symbolbild)

Frauen dürfen laut Vatikan keine Homilie halten. "Was dann auch bedeutet: Frauen kommen nicht zum Zug – und das nach all den Diskussionen und Bekundungen, die Rolle der Frauen in der Kirche stärken zu wollen", kritisiert Kranemann.

Frage: Und was bedeutet es mit Blick auf Frauen?

Kranemann: Sie dürfen, folgt man diesem Schreiben, keine Homilie halten. Was dann auch bedeutet: Frauen kommen nicht zum Zug – und das nach all den Diskussionen und Bekundungen, die Rolle der Frauen in der Kirche stärken zu wollen. Man kann auch beispielsweise an eine langjährige Ordensschwester denken, die intensiv Stundenliturgie und Eucharistie feiert, die eucharistische Anbetung pflegt, die aus der Heiligen Schrift lebt und die nach diesem Papier keine Homilie in der Messfeier halten darf. Das ist doch eine paradoxe Situation.

Frage: Welche Möglichkeiten bleiben denn nach diesem Schreiben für Nichtgeweihte, in der Eucharistiefeier zu verkündigen?

Kranemann: Es bleibt die Statio zu Beginn der Messe, über die Bischof Heiner Wilmer zu Recht schreibt, dass sich dieses Modell nicht bewährt hat. Die Statio werde hier als Fremdkörper wahrgenommen. Es gibt die Möglichkeit eines Dialogs in der Predigt, die ja durchaus fallweise vorgesehen ist. Wenn man das Schreiben aus Rom beim Wort nimmt, dann beharrt es ja auf einer bestimmten Stelle der Homilie, nämlich nach dem Evangelium. Eine Schriftauslegung wäre aber auch an anderen Stellen innerhalb des Wortgottesdienstes der Messe möglich. Eine Predigt über die alt- oder neutestamentliche Lesung wäre im Anschluss an sie denkbar. Aber es ist nur Weniges möglich, das nicht künstlich wirkt. Und es bleibt immer der Beigeschmack, dass man eine andere Stelle als die der Homilie suchen muss, weil Nichtordinierte die Homilie nicht halten dürfen.

Frage: Hätten die Bischöfe anders argumentieren müssen, um eine Genehmigung zu bekommen?

Kranemann: Was hätten die Bischöfe tun sollen? Man kann natürlich fragen, ob sie überhaupt nach Rom hätten schreiben müssen. Bischof Wilmer weist schon im ersten Absatz seines Schreibens auf den dramatischen Priestermangel in Deutschland hin. Da hätte man sich auch vorstellen können, dass man in Rom auf diese Notlage theologisch sensibel und mitbrüderlich reagiert. Wenn man sich die Zahlen der Priesterweihen anschaut und auf große Flächenbistümer blickt, dann weiß man, dass die Lage sich in den kommenden Jahren noch deutlich verschlimmern wird. Schon jetzt höre ich Priester sagen: "Ich fahre am Sonntag zu einer Gemeinde, um dort Eucharistie zu feiern – weiß aber als Prediger überhaupt nicht, was die Gemeinde bewegt." Wie die Reaktion aus Rom auf die Situation in Deutschland aussieht, ist ärgerlich. Diesen Priestern wird die Unterstützung durch andere Gläubige versagt. Ich denke, man muss bei Thema "aktualisierte Predigtordnung" beharrlich bleiben und die Situation und die Erwartungen in Deutschland immer wieder neu schildern.  

Frage: Sie haben das Thema Synodalität angesprochen: Im Vatikan arbeitet im Rahmen der Weltsynode eine Arbeitsgruppe an der Frage, wie Liturgie aus synodaler Perspektive aussehen könnte. Was wäre Ihre Antwort auf die Frage?

Kranemann: Eine synodale Liturgie müsste eine Liturgie sein, die gemeinschaftliche Partizipation stärker verwirklicht. Eine Liturgie also, in der es eine andere Rollenverteilung gibt, die den Gläubigen mehr Mitwirkung im Gottesdienst ermöglicht, in der man von unterschiedlichen Perspektiven auf Schrifttexte wechselseitig profitiert und gemeinsam ins Gebet kommt. Dazu gehört auch eine gemeinsame Vor- und Nachbereitung innerhalb der Gemeinde. Eine synodale Liturgie müsste sicherlich eine Liturgie sein, in der auch Nichtordinierte die Möglichkeit haben, die Homilie zu halten.

Von Christoph Brüwer