Dogmatiker: Wenig Überraschendes in Schreiben der Piusbrüder

Das "Glaubensbekenntnis" der traditionalistischen Piusbruderschaft enthält nach Ansicht der Dogmatiker Michael Seewald (Foto oben) und Jonas Maria Hoff wenig Überraschendes. "Es unterstreicht noch einmal, dass die Piusbruderschaft nicht bereit ist, auf das derzeitige Rom zuzugehen", erklärte Seewald auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Sie stützten sich auf das "ewige Rom", das für sie aber nur bis ins Jahr 1954 zurückreiche. Hoff sieht eine Fortführung der Linie, die die Gemeinschaft schon vorher gefahren sei. "Allerdings würde ich sagen, dass es schon aufgrund der Form zu einer Eskalation beiträgt." Das Schreiben verstärke die Spannung, die durch die für Mittwoch angekündigten Bischofsweihen bereits zugenommen habe.
Am Mittwoch hatten die Piusbrüder eine als "Glaubensbekenntnis" bezeichnete Anlage zu einem Offenen Brief an den Papst und die Kardinäle veröffentlicht. In dem 154 Absätze umfassenden Dokument sprechen sie von "modernen Irrtümern" in der Kirche. Zentraler Inhalt ist ein Bekenntnis zur Glaubenslehre der katholischen Kirche, wie sie bis Mitte des 20. Jahrhunderts formuliert wurde. Weder in den 18 Seiten Text noch in den 127 Fußnoten wird dabei ein Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) zitiert, noch kommen die Päpste des Konzils oder der Folgezeit vor. Der jüngste zitierte Papst ist Pius XII. (1939–1958).
Hoff: Piusbrüder relativieren Menschenwürde
Hoff bezeichnet das Dokument als "in dieser Hinsicht sogar hilfreich", weil es die Unterschiede noch einmal bündele und transparent mache: "Der strikt antimodernistische Kurs der Gemeinschaft wird in all seinen Konsequenzen deutlich – inklusive einer faktischen Relativierung der Menschenwürde." Im Verhältnis zu Rom werde zwar auf der einen Seite die Treue zum Papst beschworen, wenn man sich "dem Papst, dem Stellvertreter Christi, in treuer Ergebenheit gegenüber dem ewigen Rom verbunden" zeigt. Auf der anderen Seite wird laut Hoff dieses Bekenntnis später mit einem Vorzeichen versehen, das den faktischen Ungehorsam der Gemeinschaft erkläre.
Seewald kritisiert, die Piusbrüder betrachteten sich als rechtgläubig, allerdings auf dem Stand eines "antimodernistisch zugerüsteten Lehramts, das ab Mitte der 1950er Jahre langsam an sein Ende gelangt ist". Die Piusbrüder seien dahingehend häretisch, dass sie aus dem komplexen Bestand der Glaubenslehre auswählten und selektierten, was zu glauben sei und was nicht. Komplexität sei dem christlichen Glauben aber zueigen. "Genau diese Art von dogmatischer Rosinenpickerei betreiben die Piusbrüder." Den Traditionalisten gehe es nicht nur um liturgische Formen. "Sie haben vielmehr ein grundlegendes Problem mit der katholischen Kirche und der Entwicklung des römischen Lehramts in den vergangenen Jahrzehnten", so Seewald. (KNA)