Theologin: Kirchliches Bekenntnis zur Demokratie zu oberflächlich
Für die Linzer Theologin Sigrid Rettenbacher ist die positive Grundhaltung zur Demokratie vom Zweiten Vatikanischen Konzil nicht zu trennen. In einem Beitrag für die Zeitschrift "Publik-Forum" (Samstag) sieht sie zu wenig Aufmerksamkeit für demokratiefeindliche Tendenzen innerhalb der katholischen Kirche: "Während in Bezug auf die Piusbrüder dieses Kriterium benannt wird, bleibt es eigentümlich still, wenn es darum geht, wie man mit Gruppierungen innerhalb der katholischen Kirche umgehen soll, die wie die Piusbrüder das letzte Konzil als Fehltritt betrachten oder seine Neuerungen durch findige Interpretationen umgehen."
Bekenntnis zur Demokratie steht auf dem Spiel
Dadurch stehe das "Bekenntnis zur Demokratie und zu den damit verbundenen Freiheitsrechten" auf dem Spiel. Rettenbacher nennt Religions- und Gewissensfreiheit, Frauenrechte, Rechte von Minderheiten und Andersdenkenden. "Sollte dies in politisch explosiven Zeiten, in denen das Christentum auch gegen demokratische Grundwerte ins Feld geführt wird, nicht zutiefst beunruhigen und viel grundlegendere und breitere Debatten auslösen als bloß formale Bekenntnisse zur Demokratie?"
Zwar seien die deutschen Bischöfe hier vorangeschritten und auch Papst Leo XIV. äußere sich zunehmend zu politischen Themen. Kirchliche Strukturen seien aber anfällig: "Von der Kritik an der Befreiungs- und Religionstheologie bis hin zur Frauen- und Genderthematik – das Lehramt scheint oft eher Probleme mit Positionen zu haben, die sich einer theologischen Fortführung des Konzils im Dialog mit den Zeichen der Zeit widmen, als mit solchen, die sich dem Konzil verweigern."
Lernen von dekolonialen Theorien
Rettenbacher empfiehlt für die anstehenden Lernprozesse der Kirche ein Lernen von dekolonialen Theorien, die "sich mit den blinden Flecken unserer Weltwahrnehmung" befassen: "Sie fragen, wie koloniale Denkweisen bis heute fortwirken. Wer prägt unsere Sicht auf die Welt? Welche Perspektiven bleiben ausgeschlossen?" Im Kolonialismus habe die Trias von Religion, "Rasse" und Geschlecht vielfache Abwertungs- und Diskriminierungsstrukturen hervorgebracht, die bis heute fortwirkten: "Das sieht man auch mit Blick auf die christliche Rechte, die ihre Identität genau auf diese Trias aufbaut: den Kampf gegen Migration und Islam, gegen Frauenrechte und gegen Gender im vermeintlichen Dienst einer Verteidigung des christlichen Abendlands."
Die Theologin stellt in der Entwicklung der kirchlichen Lehre eine Ungleichzeitigkeit fest. "Während die katholische Kirche in Bezug auf andere Religionen seit dem Zweiten Vatikanum wichtige Entwicklungen durchgemacht hat und rechten Diskursen gegen Migrantinnen und Migranten sowie gegen muslimische Gläubige eine kritische Stimme entgegensetzen kann, bleibt sie in Bezug auf Geschlecht und Gender sprachlos. Mehr noch: Lehramtliche Diskurse befeuern die Rede von der 'Genderideologie'." Dagegen spricht sich Rettenbacher aus, Tradition breiter und nicht mehr nur "durch die Perspektive der Mächtigen und Privilegierten" zu auszulegen: "Im Blick auf die Praxis Jesu, der sich dorthin gewendet hat, wo sich die blinden Flecken der religiösen Tradition offenbarten, ist eine angemessene Interpretation der Tradition nur zu gewinnen, wenn man sich um die vergessenen Perspektiven der durch die Tradition an den Rand Gestellten und Verdrängten bemüht." (fxn)
