Kritik am Lagerkampf um Lebensschutz

Kardinal Marx: Kirche muss westliche Moderne heute mit verteidigen

Veröffentlicht am 16.05.2026 um 12:33 Uhr – Lesedauer: 

Würzburg ‐ Wie politisch muss oder darf Kirche sein? Darüber haben Fachleute aus Politik und Kirche beim Katholikentag diskutiert. Dabei findet sich die Kirche aus Sicht von Kardinal Marx heute in einer überraschenden Rolle.

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Die Kirche als Verteidigerin der Demokratie – mit Blick auf die Geschichte findet Kardinal Reinhard Marx das "schon verrückt". Über Jahrhunderte habe sich die Kirche mühsam daran abgearbeitet, so der Erzbischof von München und Freising beim Katholikentag in Würzburg: "Und jetzt sind wir auf der Seite derer, die die westliche Moderne verteidigen müssen." Zugleich versicherte er: "Wir bleiben an der richtigen Stelle."

Die Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins wies unter dem Gelächter des Publikums darauf hin, dass die Kirche selbst trotz aller Fortschritte in Sachen Demokratie immer noch eine "Großbaustelle" sei. Vor allem aber müsse sich die Gesellschaft insgesamt neu darüber verständigen, was Demokratie bedeutet: "Was wollen wir verteidigen? Wie wollen wir ein gutes politisches Zusammenleben für die Zukunft gestalten?"

Rolle der Kirche im politischen Dialog

Die früher für selbstverständlich gehaltene Allianz der Kirchen mit den C-Parteien sei schon seit den 1990er Jahren nicht mehr selbstverständlich, fügte die Sozialethikerin hinzu. Heute sei klar, dass das ernsthafte Vertreten von Positionen, die im biblischen Gottesglauben verankert sind, unterschiedliche politische Konsequenzen haben könne – "aber nicht beliebige". Diese im Detail zu definieren, sei dann Sache der Parteien.

"Wir können nicht sagen, was Gott denkt", ergänzte Marx: "Aber wir können sagen, was vom Evangelium her nochmals aufgerufen werden soll". Denn wenn sich Kirche in die Politik einmische, müsse sie deutlich machen, über welche Fragen intensiver nachgedacht werden müsse. Kirche müsse insbesondere ethische Perspektiven einbringen, die sonst unter den Tisch fallen würden.

„Wir wissen aber als Kirche, dass wir das ungeborene Leben nur mit den Frauen und nicht gegen sie schützen können.“

—  Zitat: Kardinal Reinhard Marx

Beim Katholikentag wandte Kardinal Marx sich ebenfalls dagegen, das Thema Abtreibung zum Brennpunkt eines innerkirchlichen Lagerkampfes zu machen. Beim Lebensschutz dürfe man nicht die Notlage von Menschen aus den Augen verlieren und in Parteiendenken verfallen, sagte Marx laut Redemanuskript am Freitag.

Dabei betonte der Kardinal nach Auskunft seiner Pressestelle, dass der Schutz menschlichen Lebens von der Entstehung bis zu seinem natürlichen Ende "für uns als Kirche essenziell" sei. "Wir wissen aber als Kirche, dass wir das ungeborene Leben nur mit den Frauen und nicht gegen sie schützen können", fügte er hinzu.

Katholischer Sozialdienst wird 80

Marx äußerte sich bei der Feier zum 80-jährigen Bestehen des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) als bayerischer Landesverband. Er zeigte sich überzeugt, dass der SkF mit seiner Unterstützung vielen Familien helfe, "sich für das Leben zu entscheiden".

Der 1946 gegründete Verband hat nach eigenen Angaben rund 2.200 Mitarbeitende, die Hälfte von ihnen im Ehrenamt. Der SkF engagiert sich für Wohnungslose, Straffällige, Pflege- und Adoptivkinder sowie in der Schwangerenberatung. (cbr/KNA)