Skepsis – doch Glaube an Dämonen bleibt

50 Jahre nach Anneliese Michel: Wie der Exorzismus weiterlebt

Veröffentlicht am 30.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Hannah Krewer (KNA) – Lesedauer: 

Würzburg/Augsburg ‐ Kann ein Mensch vom Teufel besessen sein? 50 Jahre nach dem Tod der Studentin Anneliese Michel setzt die Kirche in Deutschland auf Seelsorge und Fachleute statt Exorzismen. Der Ritus existiert nach wie vor.

  • Teilen:

Am 1. Juli 1976 stirbt in Klingenberg am Main Anneliese Michel an extremer Unterernährung. Die Studentin wird nur 23 Jahre alt. Ihrem Tod vorausgegangen waren Jahre schwerer gesundheitlicher und psychischer Belastungen. Schon in ihrer Jugend litt die Tochter strengreligiöser Eltern unter Krampfanfällen. Später berichtete sie von teuflischen Fratzen, Stimmen und unerklärlichen Geräuschen.

Fast 70 Teufelsaustreibungen, sogenannte Exorzismen, wurden an der jungen Frau durchgeführt. Im Frühjahr 1976 stellte Anneliese schließlich das Essen ein. Der letzte Exorzismus fand einen Tag vor ihrem Tod statt.

Reform des Exorzismus stand ohnehin an

Der Fall löste vor 50 Jahren bundesweit Aufsehen aus. Michels Eltern und zwei Priester wurden später wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen zu Bewährungsstrafen verurteilt. Die Deutsche Bischofskonferenz ließ unter anderem eine Kommission einsetzen, die Empfehlungen für eine Reform des Exorzismus erarbeiten sollte.

Das wäre ohnehin fällig gewesen, sagt der Augsburger Liturgiewissenschaftler Martin Lüstraeten: "Durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) war klar, dass alle Riten reformiert werden sollen." Schon zuvor sei in Deutschland intensiv über das Böse und die Existenz des Teufels theologisch diskutiert worden. Der Film "Der Exorzist" (1974) habe auch in der nichtkirchlichen Öffentlichkeit Interesse für das Thema geweckt.

Bild: ©picture-alliance/ dpa/H. Cramer (Archivbild)

Anneliese Michel starb am 1. Juli 1976 nach einem Exorzismus. Der Fall sorgte für viel Aufsehen.

Weg vom Begriff "Exorzismus", von der direkten Ansprache des Teufels und der Vorstellung einer personalen Besessenheit, habe man in Deutschland gewollt, sagt der Experte. Doch die 1984 fertiggestellten Empfehlungen seien in Rom nicht wahrgenommen worden. Dort erarbeiteten die Verantwortlichen Anfang der 1990er Jahre einen eigenen Ritus und verschickten ihn an die Bischofskonferenzen, damit diese ihn erprobten. 1999 wurde die neue Form schließlich eingeführt.

Diese ist gestrafft und stärker als gottesdienstliche Feier gestaltet, in der vor allem zu Gott und nicht zum Dämon oder Teufel gesprochen wird. "Es ändert aber nichts daran, dass man an der Vorstellung der Besessenheit festhält", erläutert Lüstraeten. Zudem könne ein vermeintlicher Dämon weiterhin direkt angesprochen werden. Nach Protesten der italienischen Exorzistenunion erlaubte der Vatikan, auf Antrag weiter, die alte Form zu verwenden. "Die neue Form ist eigentlich gar nicht richtig rezipiert worden."

Seelsorgliche Begleitung im Vordergrund

Dass das Thema weiterhin beschäftigt, zeigt eine aktuelle Yougov-Umfrage. Demnach glaubt rund jeder vierte Deutsche sicher oder eher an Dämonen, Teufel oder Besessenheit. Aber wie geht die Kirche heute mit den Menschen um, die meinen, besessen zu sein? Im Bistum Würzburg, Michels Heimatdiözese, führt man nach Angaben des Weltanschauungsbeauftragten Jürgen Lohmayer ein ausführliches Erstgespräch und bemüht sich um ein individuelles, seelsorgliches Begleitangebot. Dafür gebe es eine abgestimmte Vorgehensweise mit einem Team aus unterschiedlichen Fachleuten, darunter ein externer Psychiater.

Die Deutsche Bischofskonferenz schreibt auf ihrer Internetseite, Ziel derartiger Bemühungen sei es, den Betroffenen ein umfassendes Hilfsangebot bieten zu können – "das weder die spirituelle Dimension des Leidens ausblendet noch die Behandlung einseitig auf das Spirituelle verkürzt".

Der Teufel und die Kirche – eine jahrhundertealte Beziehung

Der Teufel ist allgegenwärtig: Bis ins 21. Jahrhundert hinein sprechen auch Kirchenleute von ihm. Dabei ist der Teufel eine vielschichtige Figur – die anders ist als gedacht. Das Thema im katholisch.de-Wissenspodcast "Aufgekreuzt".

Gerade Fälle, in denen Menschen glauben, besessen zu sein, sind für Lüstraeten ein Grund, den Exorzismus nicht einfach abzuschaffen. "Diesen Leuten muss geholfen werden", betont er. Er gibt zu bedenken, dass sich ohne kirchliche Begleitung leicht ein unkontrollierbarer Graubereich öffnen könne – von "Befreiungsgebeten" bis hin zu selbst ernannten Exorzisten in sozialen Medien.

Seit 1999 sollen Exorzisten nicht nur zurückhaltend mit dem Verdacht auf Besessenheit umgehen, sondern auch medizinische und psychologische Expertise einbeziehen. Doch die theologische Einordnung des Exorzismus krankt für Lüstraeten an einem Grundproblem: Ihm fehlt eine Definition dessen, was Besessenheit sein soll.

Auch die Herangehensweise hält er für problematisch. "Dass man meint, es gäbe objektive Anzeichen, die sich feststellen lassen. Wenn das so wäre, müssten das Anzeichen sein, die auch andere Menschen sehen und die verifizierbar sind."

Keine erneute Überarbeitung geplant

Er rechnet nicht damit, dass der Exorzismus bald erneut überarbeitet wird. "Ich habe eher den Eindruck, dass die Dynamik momentan in die entgegengesetzte Richtung geht." Die lateinische Ausgabe des Exorzismus sei inzwischen in zahlreichen Auflagen erschienen. "Davon sind mehr verkauft worden als vom Ritus der Kindertaufe. Eine entsprechende Nachfrage scheint also da zu sein."

In Deutschland sieht es bei dem Thema anders aus. Aus dem Bistum Würzburg heißt es etwa, man erhalte kaum noch Anfragen für Exorzismen – diese hätten in den vergangenen zehn Jahren in einem niedrigen einstelligen Bereich gelegen. Seit den Ereignissen rund um den Tod Michels sei kein Priester mehr mit einem Exorzismus beauftragt worden. Die damaligen Geschehnisse seien aber im kollektiven Gedächtnis der Diözese verankert.

Von Hannah Krewer (KNA)