Standpunkt

Priestermangel – eine selbst zugezogene Beugestrafe

Veröffentlicht am 02.07.2026 um 00:01 Uhr – Von Oliver Wintzek – Lesedauer: 

Bonn ‐ Ein unattraktives Berufsbild werde durch Singen und Beten nicht attraktiver: Der eklatante Priestermangel hierzulande sei hausgemacht, kommentiert Oliver Wintzek. Wann endet das selbstauferlegte Interdikt?

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Blühende kirchliche Landschaften sehen anders aus. Wohin man blickt – anonyme Großpfarreien, die aufgrund des Mangels klerikalen Personals durch verwaiste, geschlossene, umgewidmete oder abgerissene Kirchbauten die Beschwörung Lüge strafen, es handle sich um einen chancengesättigten Aufbruch. Es ist ein massiver Zusammenbruch, der mit einer Austrocknung kirchlicher Präsenz einhergeht und das Mantra Lüge straft, die Feier der Eucharistie sei Quelle und Höhepunkt des gesamten christlichen Lebens. Die wenigen Oasen eucharistischer Verlässlichkeit ändern nichts daran, dass die Kirche in Deutschland de facto unter einem Interdikt leidet – auch wenn nur kirchenrechtlichen Insidern diese Beugestrafe bekannt sein dürfte.

De iure ist ein Interdikt das Verbot von gottesdienstlichen Handlungen, das etwa als Strafe wegen der Unterstützung einer kirchenfeindlichen Vereinigung verhängt werden kann (can. 1374 CIC). So sehr dies aus der Zeit gefallen ist, so sehr führt es als Wiedergänger wider Willen zu versteppten kirchlichen Landschaften – wobei das gegenwärtige Interdikt ein selbst zugezogenes ist. Der eklatante Priestermangel ist hausgemacht, wogegen auch wohlmeinende Stabstellen für Berufungspastoral nichts bewirken. Nein – ein unattraktives Berufsbild wird durch Singen und Beten nicht attraktiver. Die fast schon traditionellen Reformforderungen mögen sich nicht durch Nebelkerzen blenden lassen, es müsse zuvorderst um "Neuevangelisierung" gehen – als bräuchte es hierzu keine Manpower. Auch die ablenkende Schelte, es herrsche eine "Christologievergessenheit" ist schief – als wäre die Kirche in der Welt von heute nicht Konsequenz der gegenwärtigen Christusgläubigkeit.

Ein Interdikt soll der Besserung dienen – darin liegt die Ironie der Geschichte: Die kirchenzerstörenden Logiken männlich fixierten Machterhalts, das Quasi-Dogma der Ehelosigkeit als Marker klerikaler Sonderheit und die pseudosakramentale Überhöhung des Priesters mit entsprechender Fallhöhe mögen gebeugt werden. Wenn die selbstverschuldete Strafe dazu dient, hätte das andauernde Desaster etwas bewirkt – dazu braucht es Man- und Womenpower! Man möge sich mehr sorgen, diese Mitte der Kirche nicht zu verlieren, als um den Verlust einer traditionalistischen Splittergruppe, die aus der Zeit gefallen sein will.

Von Oliver Wintzek

Der Autor

Oliver Wintzek ist Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Katholischen Hochschule in Mainz. Zugleich ist er als Kooperator an der Jesuitenkirche in Mannheim tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.