Leo XIV. setzt ein Zeichen für Migranten

Auf Lampedusa erinnert der Papst an die Toten des Mittelmeers

Veröffentlicht am 04.07.2026 um 15:30 Uhr – Von Severina Bartonitschek (KNA) – Lesedauer: 

Lampedusa ‐ Mit einem stillen Gebet an Migrantengräbern, einem Besuch am Tor Europas und deutlichen Worten an die EU setzt Papst Leo XIV. auf Lampedusa Zeichen für Menschlichkeit und Verantwortung. Ein Kurzbesuch mit Signalwirkung.

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Das Tor Europas erhebt sich fünf Meter hoch auf der felsigen Küste der Insel Lampedusa – direkt dahinter ankert ein Militärschiff im Mittelmeer. Papst Leo XIV. besuchte am Samstag diesen symbolträchtigen Ort, Ziel vieler Migranten aus Nordafrika. Im starken Wind schritt er allein durch die "Porta l'Europa" und stieg auf den Felsen, auf dem die Fahnen Italiens und der EU wehen. Am 250. Gründungstag seines Heimatlandes hatte sich der gebürtige US-Amerikaner für einen Besuch am südlichsten Punkt des "alten Kontinents" entschieden. 

Europaweit bekannt wurde Lampedusa, knapp 140 Kilometer vor der tunesischen Küste, durch ein verheerendes Bootsunglück im Jahr 2013. 368 Migranten ertranken damals vor der italienischen Insel. Seitdem kamen auf der Mittelmeerroute weitere Tausende Menschen ums Leben. Nach Angaben des Projekts "Missing Migrants" der Internationalen Organisation für Migration starben oder verschwanden seit 2014 insgesamt 35.070 Menschen im Mittelmeer, davon 26.724 allein im zentralen Mittelmeer (Stand: 4. Juli).

Den Opfern Tribut gezollt

Tareke Brhane bezeichnet den Besuch Leos XIV. als "sehr starke Geste". Es sei ein wichtiges Zeichen, dass sich der US-Amerikaner ausgerechnet an diesem Datum für Lampedusa entschieden habe. Der gebürtige Eritreer floh selbst über den Seeweg nach Italien. Nach dem Bootsunglück am 3. Oktober 2013 gründete er ein gleichnamiges Komitee. Der Verein setzt sich dafür ein, ertrunkene Migranten zu identifizieren.

Für ihn sei deshalb die erste Station des Papstes besonders wichtig gewesen. Direkt nach seiner Ankunft besuchte Leo XIV. den örtlichen Friedhof. Auf den Gräbern oft anonym bestatteter Migranten legte er ein Blumengesteck nieder und verharrte im stillen Gebet. "Damit hat er ein starkes Signal gesendet und den Opfern Tribut gezollt", sagt Brhane.

Papst Leo geht mit Geflüchteten durch das "Tor Europas".
Bild: ©IMAGO/Catholicpressphoto

Papst Leo XIV. geht mit Geflüchteten durch das "Tor Europas" auf Lampedusa.

Lampedusa sei ein Ort, an dem Gesten mehr sagten als Worte, erklärte Leo XIV. selbst in seiner kurzen Begrüßungsrede. In der Predigt der abschließenden Freiluftmesse richtete er dann einen eindringlichen Appell an die EU und ihre Zivilgesellschaft. Er forderte, Soforthilfe in einen langfristigen strategischen Plan einzubinden, "der Migranten aufnimmt, schützt, fördert und integriert und gleichzeitig auf Entwicklung hinarbeitet, damit niemand zur Auswanderung gezwungen wird". 

All dies müsse unter Wahrung der Würde jedes Einzelnen geschehen, so der Papst. "Die Toten in diesem Meer sind Opfer sowohl getroffener als auch versäumter Entscheidungen."

Treffen mit Migranten

Während seines halbtägigen Besuchs traf Leo XIV. auch Menschen, die die Überfahrt überlebt haben. Ein Flüchtlingsjunge, der ebenfalls Leo heißt, erzählte von seiner Ankunft auf Lampedusa vor zehn Jahren. "Ich war allein und hatte alles verloren – insbesondere meine Mama." Nach seiner Ankunft habe er geweint und erst aufgehört, als man ihm einen Ball aus Papier schenkte.

Der 11-Jährige aus Ghana, den inzwischen ein Paar aus Palermo adoptiert hat, hatte seine Geschichte in einem Brief aufgeschrieben und den Ball darauf gemalt. "Ich hoffe so sehr, dass dieser Ball, den ich dir jetzt schenke, ein anderes Kind erreicht und es genauso glücklich macht wie mich."

Zwar sind die Ankunftszahlen zuletzt deutlich gesunken, dennoch erreichen mehr als die Hälfte der Bootsmigranten nach Italien Lampedusa. Doch schlagzeilenträchtige Bilder eines überfüllten Aufnahmelagers und von Inselbewohnern, die den Ankommenden helfen, gab es zuletzt im Jahr 2023.

Papst Leo XIV. besucht Lampedusa
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani

Papst Leo XIV. gibt einen aus Afrika geflohenen Mann die Hand.

Heute werden die Ankommenden vom Landungssteg direkt in das Erstaufnahmelager im Landesinneren gebracht. In diesem "Hotspot" werden sie innerhalb weniger Tage auf andere Einrichtungen in Italien verteilt. Verlassen dürfen sie die Unterkunft in dieser Zeit nicht.

Dieses Vorgehen stößt auf der beliebten Urlaubsinsel auch auf Kritik. Francesca Saccomandi koordiniert die Beobachtungsstelle für Migration des evangelischen Projekts Mediterranean Hope auf Lampedusa. Sie vergleicht den Ablauf mit einem Tunnel, der vom Landungssteg über den Hotspot bis zur Überstellung nach Sizilien führt. Dadurch dringen nur wenige Informationen an die Öffentlichkeit, Begegnungen und Austausch mit den Einheimischen gebe es kaum.

Ein Netzwerk von Freiwilligen hat Zugangsgenehmigungen für den Pier erhalten. Bis zu sechs Personen versorgten die Ankommenden dort etwa mit heißem Tee oder Hausschuhen, weil viele barfuß seien, erzählt Saccomandi.

Auf den Spuren des Vorgängers

Auch den Landungssteg besuchte Leo XIV. Der Pier trägt nun den Namen von "Flüchtlingspapst" Franziskus. Dieser hatte Lampedusa zum Ziel seiner ersten Papstreise gemacht, um auf das oft tödliche Schicksal von Bootsflüchtlingen aufmerksam zu machen. Damals prangerte das Kirchenoberhaupt eine "Globalisierung der Gleichgültigkeit" an – eine Formulierung, die seine gut zwölfjährige Amtszeit prägen sollte.

Mit seinem symbolträchtigen Besuch knüpfte Leo XIV. daran an. Aktivist Tareke Brhane hofft auf eine nachhaltige Wirkung. Mit seinen Gesten unterstütze der Papst den Verein bei der Lobbyarbeit, weil sie nun sagen könnten: "Schaut, auch der Papst war da." Daraus könne ein Dialog auch auf politischer Ebene entstehen.

Von Severina Bartonitschek (KNA)