Pastoralreferent: Darum will ich nicht in der Messe predigen

"Laiengläubige dürfen während der Eucharistiefeier nicht an der Stelle predigen, die für die Homilie vorgesehen ist." Das ist die Kernaussage des Briefs von Liturgiepräfekt, Kardinal Arthur Roche, an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Heiner Wilmer. Diese Absage an die Möglichkeit der Laienpredigt hat für einige Kritik gesorgt – zuletzt etwa von den "Ordensfrauen für Menschenwürde" und den Berufsverbänden der Gemeinde und Pastoralreferentinnen und -referenten. Franz-Josef Roth arbeitet als Pastoralreferent in Dinslaken im Bistum Münster. Im katholisch.de-Interview spricht er darüber, warum er nicht in der Eucharistiefeier predigt und welche Möglichkeiten er für Laien sieht, das Evangelium zu verkündigen.
Frage: Herr Roth, nach dem vatikanischen Verbot der Laienpredigt haben sich viele Hauptamtliche in der katholischen Kirche enttäuscht gezeigt. Wie geht es Ihnen damit?
Roth: Ich bin weder enttäuscht, noch jubele ich. Ich habe das sehr nüchtern wahrgenommen: Das, was der Vatikan geschrieben hat, war zu erwarten. Es ist geltendes kirchliches Recht, theologisch begründet und kirchliche Gepflogenheit. Als herausfordernd finde ich die Diskussion um das Thema: Auf der einen Seite wird sakramententheologisch begründet, auf der anderen pastoraltheologisch und pastoralpraktisch. Die Argumentation auf den verschiedenen Ebenen erschwert eine Lösungsfindung.
Frage: Sie sind selbst Pastoralreferent. Hätten Sie in Ihrer Pfarrei die Möglichkeit, in einer Eucharistiefeier zu predigen?
Roth: Kolleginnen und Kollegen in unserer Pfarrei machen das. Ich hätte selbst auch die Möglichkeit, ich mache das aber nicht. Seit meiner Beauftragung handhabe ich es so, wie wir es in der Ausbildung gelernt haben: als Statio. Das mache ich sehr gerne und bekomme dafür auch sehr positive Resonanz.
Frage: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, hat in seinem Schreiben an den Liturgiepräfekten, Kardinal Arthur Roche, erklärt, dass sich diese Form in der pastoral-liturgischen Praxis nicht bewährt hat …
Roth: Bei uns in der Pfarrei hat sich das durchaus etabliert. Es ist auch eine Sache der Gewöhnung. Die Statio ist dann aber keine vorgezogene Homilie, in der ich auslege, was wir später im Evangelium hören, sondern ich führe in die Liturgie ein. Ich schaue also beispielsweise, welche Elemente es in der Liturgie gibt, die sich mit dem Evangelium in Verbindung bringen lassen und thematisiere das liturgische Element.
"Die originäre Aufgabe von Laien ist es, das Evangelium an anderen Stellen, also 'in der Welt' zu verkünden", sagt Pastoralreferent Franz-Josef Roth. "Dort können und müssen dann natürlich auch Frauen die Schrift auslegen."
Frage: Die Verkündigung des Evangeliums gehört zu den Kernaufgaben von Pastoralreferentinnen und -referenten. Manche würden sagen, dass es deshalb nur folgerichtig ist, dass sie das auch in der Eucharistiefeier tun dürfen. Wie sehen Sie das?
Roth: Verkündigung ist definitiv eine Aufgabe für Pastoralreferenten. Aber in der Eucharistiefeier ist die Homilie in Verbindung mit dem liturgischen Geschehen insgesamt Aufgabe des Priesters. Das ist ja auch die vatikanische Begründung. Allerdings: Bei uns in der Pfarrei gehen rund drei Prozent der Katholiken in die Sonntagsmesse. Und von denen ist die Frage der Laienpredigt vielen erstmal egal. Wir haben weitaus größere Herausforderungen. Es gibt so viele andere Orte und Möglichkeiten, wo es angebracht ist, dass Laien das Evangelium verkünden.
Frage: Welche denn?
Roth: Als erstes fällt mir da die Katechese ein. Selbst bei den Christen, die schon getauft sind, nimmt das Glaubenswissen immer weiter ab. Wir haben bei uns in der Pfarrei in den vergangenen Monaten auch erlebt, dass immer mehr junge Menschen in die Kirchen kommen, beten und Kerzen anzünden. Mit ihnen sollten wir ins Gespräch kommen, gerade dann, wenn sie Fragen stellen, die an den Kern des Glaubens gehen. Es gibt darüber hinaus auch andere Formen, in denen wir das Wort Gottes verkünden, etwa bei Schulgottesdiensten oder bei Beerdigungen. Bei uns in der Pfarrei lade ich neuerdings nach dem Sonntagsgottesdienst zu einer kleinen dialogischen Katechese von fünf bis zehn Minuten ein. Auch das ist sehr fruchtbar.
Frage: Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) erklärt, dass die Eucharistiefeier Quelle und Höhepunkt des gesamten christlichen Lebens ist. Das Argument für den Reformbeschluss des Synodalen Wegs war es auch, weibliche Stimmen in der Bibelauslegung in der Eucharistiefeier zu fördern, um hier eine neue Perspektive auf Schrifttexte zu bekommen. Wie sehen Sie das?
Roth: Ich kann das Bedürfnis nachvollziehen. Aber diese Aufgabe liegt bei der Homilie nicht bei uns Laien – egal ob Männer oder Frauen – sondern beim Priester, der in Persona Jesu Christi handelt. Und das tut er, indem er die Eucharistie feiert und indem er die Worte Jesu Christi verkündet und auslegt. Die originäre Aufgabe von Laien ist es, das Evangelium an anderen Stellen, also "in der Welt" zu verkünden. Dort können und müssen dann natürlich auch Frauen die Schrift auslegen.
„Ich finde es eine wunderbare pastorale Aufgabe, wenn Priester sich unter der Woche mit Menschen treffen, gemeinsam das Sonntagsevangelium lesen und schauen, was dort für die Verkündigung in der Liturgie und im Apostolat des Alltags drinsteckt.“
Frage: Es gibt Regionen in Deutschland mit eklatantem Priestermangel, wo Geistliche oft mehrere Messen am Sonntag feiern und die Gemeinden nicht kennen, oder manchmal auch der deutschen Sprache nicht besonders mächtig sind. Wie sollte man damit umgehen?
Roth: Man darf von den Priestern erwarten, dass sie sich gut auf die Homilie vorbereiten und eine Homilie halten, die die Gläubigen wirklich stärkt. In der Regel erlebe ich das auch so. Es braucht vielleicht aber ein Umdenken bei der Vorbereitung. Ein Beispiel: Der einzelne Priester sollte sich nicht alleine hinsetzen und irgendetwas vorbereiten oder im schlimmsten Fall einfach eine Vorlage nehmen oder Künstliche Intelligenz für sich arbeiten lassen. Ich finde es eine wunderbare pastorale Aufgabe, wenn Priester sich unter der Woche mit Menschen treffen, gemeinsam das Sonntagsevangelium lesen und schauen, was dort für die Verkündigung in der Liturgie und im Apostolat des Alltags drinsteckt.
Frage: Bleibt im Berufsalltag von Priestern denn überhaupt Zeit dafür, so mehrere Predigten vorzubereiten?
Roth: Das ist die originäre Aufgabe eines Priesters. Ich weiß, dass es viele andere Dinge gibt, die sich Vorrang nehmen. Wir müssen immer wieder neu lernen, Prioritäten zu setzen. Auch mit Blick auf Ämter und Dienste.
Frage: Es gibt Gemeinden und Diözesen, in denen das Modell der Laienpredigt schon seit Langem eine gängige Praxis ist. Wie blicken Sie darauf? Erwarten Sie, dass das jetzt revidiert wird?
Roth: Ich weiß, dass das jetzt jahrzehntelang so gebräuchlich war in vielen Pfarreien und dass es jetzt schwierig ist, mit der vatikanischen Absage umzugehen. Das wird also nicht von einem auf den anderen Tag gehen. Mein Wunsch ist, dass die Bischöfe, an die das Schreiben aus dem Vatikan adressiert ist, die Entscheidung und die Hintergründe erklären. Das wäre ein Anfang. Man sollte aber auch niemanden anschwärzen, der es noch so tut, wie es jahrelang war. Die Reaktion kann allerdings auch kein Trotz sein, sondern es Bedarf eines konstruktiven Dialogs und ein dabei ein Blick auch auf andere Orte der Weltkirche. Dann kann es vielleicht sogar zu einer Lehrentwicklung kommen. Das Predigtverbot für Laien in der Messe ist ja nicht als Dogma formuliert, sondern eine theologisch gut begründete Norm. Wenn sich etwas ändern soll, muss das aber auf eine viel breitere Basis gestellt werden. Dafür sehe ich persönlich gerade aber nicht die allergrößte Notwendigkeit. Wie gesagt, es gibt Aufgaben, die wichtiger sind: Wir müssen neu lernen, unseren Glauben wieder mehr im Alltag zu verkünden.