Standpunkt

Wer Segnende denunziert, pervertiert die Haltung Jesu

Veröffentlicht am 08.07.2026 um 00:01 Uhr – Von Pater Max Cappabianca – Lesedauer: 

Bonn ‐ Nach einem Gottesdienst für ein homosexuelles Paar muss der britische Kardinal Timothy Radcliffe sich rechtfertigen. Pater Max Cappabianca kritisiert die "Kultur der Denunziation" – und erinnert an die Bibel.

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Zwei Männer feiern in London eine Dankmesse: 50 Jahre gemeinsames Leben und Einsatz für Gerechtigkeit – für das Paar bereits die vierte solche Feier seit 1976. Der Dominikanerkardinal Timothy Radcliffe predigt über Freundschaft als Teilhabe am Leben Gottes. Am Ende wird ein Text gebetet: wohl eine Adaption eines Gebets flämischer Bischöfe aus einem Schreiben zur Homosexuellenpastoral von 2022. Nachdem die Feier öffentlich wurde, sah sich Radcliffe zu einer Klarstellung veranlasst: Gegenüber dem Portal "AdVaticanum" erklärt er, er habe niemanden gesegnet und von einem Segen nichts gewusst – eine Distanzierung, die mancher als Feigheit lesen könnte.

Ein Skandal braut sich zusammen. "Fiducia supplicans" trägt seinen Teil dazu bei. Der Kompromiss erlaubt Segnungen, verbietet aber jede Ritualisierung – und lässt offen, wo das eine endet und das andere beginnt. Jüngst provozierte das eine Intervention von Papst Leo XIV. gegenüber deutschen Bistümern. Das erzeugt genau die Grauzone, in der jetzt gestritten wird.

Schwerer wiegt, was in dieser Grauzone gedeiht: eine Kultur der Denunziation. Wer pastorale Gesten seziert und öffentlich anprangert, agiert nicht lehramtstreu, sondern wie ein Ankläger auf der Lauer. Das Evangelium beschreibt diese Haltung präzise: Man lauerte Jesus auf, ob er am Sabbat heile, um einen Grund zur Anklage zu finden (Lk 6,7). Jesus heilte – und man beriet voller Wut, was man gegen ihn unternehmen könnte (Lk 6,11). Wer lauert, sucht nicht Wahrheit, sondern Munition; selbst die gute Tat wird zum Beweisstück. Die Haltung des Anklägers wird von der Bibel nur einem zugeschrieben: dem Satan (Offb 12,10).

Radcliffe hält es für moralisch falsch, aus der Feier einen Skandal zu machen. Er hat recht. Der Kirche täte evangeliumsgemäße Klarheit gut, in der Lehre und mehr noch im Umgang miteinander. Wo diese Haltung fehlt, wird das Denunziantentum zum Wächter des Glaubens. Noch eindeutiger kann die Haltung Jesu nicht pervertiert werden.

Von Pater Max Cappabianca

Der Autor

Max Cappabianca ist Mitglied des Dominikanerordens und unter anderem als Moderator von Kirchensendungen in Sat.1 tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.