Experten beobachten Aussagen mit Sorge und Kritik

Peter Thiel: Wenn der Antichrist instrumentalisiert wird

Tech-Milliardär Peter Thiel bei einer Konferenz
Bild: IMAGO / ZUMA Press

"Ich kam nicht nach Rom, um zu versuchen, katholischer zu sein als der Papst, aber ich hatte die Hoffnung, selbst als Protestant katholischer zu sein als der Durchschnittskatholik." Mit diesen Worten beschrieb der US-Tech-Milliardär Peter Thiel in einem Essay jüngst, warum er Vorträge zum Antichristen in Rom gehalten hat. Und nicht nur dieses Zitat sagt einiges über den Charakter Thiels aus. Der gesamte Text in dem konservativen Magazin "First Things" bietet einen Einblick in die Gedankenwelt des rechtsextremen Polit-Aktivisten Thiel – und in sein Verständnis der Endzeit.

Die Figur des Antichristen beschäftigt Thiel dabei schon länger. "Der Antichrist interessiert mich aus mehreren Gründen, vor allem, weil sonst niemand darüber spricht – was während des größten Teils der christlichen Geschichte als eindeutiges Zeichen für sein bevorstehendes Erscheinen gegolten hätte", erklärt Thiel. Dabei beruft er sich in seinen Ausführungen auf niemand Geringeren als Papst Benedikt XVI. (2005–2013). "Benedikt glaubte, er lebe in der Endzeit", schreibt der Tech-Milliardär. "Diese Behauptung schockiert uns, denn Benedikt entschied sich, erst in den letzten Jahren seines Lebens offen über dieses Thema zu sprechen – zu einem Zeitpunkt, als er bereits vom Papstamt zurückgetreten war, seine Verbündeten aus der Führungsspitze des Vatikans entfernt worden waren und ihm fast niemand mehr zuhörte", führt Thiel aus. "Wir werden nie erfahren, warum er so lange gewartet hat." Laut dem Wiener Theologen Bernard Mallmann ist dem Text anzumerken, "dass Thiel das Gesamtwerk von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. gut durchforstet hat und eine gewisse Bewunderung für ihn hegt".

Benedikt vertrat apokalyptisches Weltbild, aber ...

Der emeritierte Innsbrucker Professor für Christliche Gesellschaftslehre Wolfgang Palaver kennt Thiel seit Jahrzehnten persönlich und hat sich intensiv mit seinem Schaffen auseinandergesetzt. Er sieht in Thiels Ausführungen eine Instrumentalisierung Benedikts. "Ich sehe diesen Text kritisch, weil er sehr selektiv mit Aussagen von Papst Benedikt XVI. umgeht, um diesen zu einem Fürsprecher von Thiels Position zu machen", sagt Theologe Palaver auf katholisch.de-Anfrage. Der ehemalige Papst habe zwar ein apokalyptisches Weltbild vertreten und stehe damit gut in der christlichen Tradition. "Für Benedikt beginnt aber die Endzeit zurecht mit Christus und er weigerte sich im Unterschied zu Thiel, voreilige Schlüsse für heute zu ziehen."

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Um seine Thesen zu unterstützen, beruft Peter Thiel sich auf Papst Benedikt XVI. "Nachdem die katholische Soziallehre ein Gegenmodell zu Thiels Antworten auf die apokalyptische Weltlage vertritt, scheint der Essay der Versuch zu sein, diesen von vielen konservativen Christen sehr verehrten Papst als Befürworter für die eigene Position zu instrumentalisieren", sagt Wolfgang Palaver

Für Thiel sieht das anders aus. In seinem gemeinsam mit Sam Wolfe – vorgestellt als "Freund", Forscher und Autor bei seiner Firma "Thiel Capital – verfassten Essay beschreibt er eine Welt, die sich in der Endzeit befindet. Daraus leitet er klare politische Schlüsse ab. Die gegenwärtigen globalen Krisen – Klimawandel, Künstliche Intelligenz, demographische Zusammenbrüche oder Atomwaffen – beeinflussten die Politik und verstärkten den Ruf nach umfassender globaler Zusammenarbeit. Thiel sät Zweifel an solchen Formen der internationalen Kooperation, ohne konkret vor einer geheimen Weltregierung zu warnen oder andere Deep-State-Verschwörungen zu wiederholen, mit denen Rechtsextreme seit Jahren das Vertrauen in die Demokratie zu unterwandern versuchen.

"Thiel unterstützt Politiker, die eine globale Weltordnung, den Multilateralismus unterminieren", analysiert Palaver. "Wer Regulierungen als die größte Gefahr sieht, muss Politiker unterstützen, die den Internationalismus schwächen." Auch Päpste lehnten einen totalitären Weltstaat ab. "Aber so wie die Päpste seit Johannes XXIII. ('Pacem in terris') eine subsidiär aufgebaute Weltautorität fordern, so fordert das auch Benedikt in 'Caritas in veritate'", sagt der Sozialethiker. Damit müsse sich auch Thiel auseinandersetzen – er sage dazu aber nichts.

Der Antichrist komme nicht als Gewaltherrscher, sondern mit dem Versprechen, Frieden, Sicherheit und Einheit zu schaffen, legt Thiel nahe. Auch interreligiösen Dialog kritisiert er und insinuiert gar, Joseph Ratzinger habe in seinem früheren Tübinger Theologenkollegen Hans Küng den Antichristen gesehen. Palaver bezeichnet das als "lächerlich". Der Sozialethiker bilanziert: "Nachdem die katholische Soziallehre ein Gegenmodell zu Thiels Antworten auf die apokalyptische Weltlage vertritt, scheint der Essay der Versuch zu sein, diesen von vielen konservativen Christen sehr verehrten Papst als Befürworter für die eigene Position zu instrumentalisieren."

Gegen eine Theologie der Tech-Milliardäre

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Nicht nur in der katholischen Theologie werden die Gedanken Thiels mit Sorge gesehen. "Ich beobachte die Arbeiten, Aussagen und Texte von Peter Thiel bereits seit Längerem und halte ihn für einen gefährlichen, verschwörungsgläubigen Apokalyptiker", sagt der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung in Baden-Württemberg, Michael Blume, auf katholisch.de-Anfrage. "Thiel versucht in einer bizarren Mischung aus Begriffen der Theologie, Philosophie und Medienpsychologie wie Katechon, Frieden und Mimesis eine Identifizierung der Mächte des Antichristen mit einzelnen Menschen", so der Religions- und Politikwissenschaftler. Deutlich werde das unter anderem daran, dass er Papst Leo XIV. vorwarf, für die chinesischen Kommunisten zu arbeiten.

Politisch-theologische Kategorien aus Europa reichen nicht mehr

Die apokalyptischen Verschwörungsmythen Thiels sind für Blume eine dringende Warnung an Europa, sich nicht von US-Konzernen und Milliardären abhängig zu machen. "Wer europäische Daten und europäisches Geld an verschwörungsgläubige Techbros wie Thiel oder Musk verausgabt, untergräbt die Sicherheit der Europäischen Union samt ihren Kirchen und Religionen sowie ihrer noch demokratischen Parlamente", so Blume.

Doch auch wenn Theologen und Religionswissenschaftler Thiel widersprechen und vor ihm warnen, dürften seine Worte in gewissen Kreisen dennoch auf fruchtbaren Boden stoßen. Nach Einschätzung des Theologen Massimo Faggioli finden Thiels Äußerungen gerade in der katholischen Rechten in den USA "eine gewisse Resonanz", so der Professor für Historische Theologie an der Villanova-Universität in den USA. "Aber das ist radikaler als die konservative Mainstream-Rechte. Es ist auch kein Traditionalismus", sagt Faggioli gegenüber katholisch.de. "Es ist etwas anderes und Neues, das von diesen theo-autoritären Technokraten kommt. Die alten politisch-theologischen Kategorien aus Europa reichen nicht mehr aus, um zu verstehen, was gerade aus Amerikas Religion kommt."

Christoph Brüwer