Vorsitzender der Pastoralkommission im katholisch.de-Interview

Bischof Kohlgraf: Beim Predigen darf auch mal was schiefgehen

Bischof Peter Kohlgraf spricht bei einer Predigt in ein Mikrofon
Bild: IMAGO / Sämmer

Wer predigt, verkündet die Frohe Botschaft. Doch nicht immer gelingt das treffsicher. Im Interview mit katholisch.de erklärt der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf, worauf es beim Verkündigungsdienst ankommt und wie eine Predigt besser gelingen kann. Außerdem erklärt der Vorsitzende der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), wie er das Laienpredigtverbot für sein Bistum umsetzt und was ihm dabei Sorgen bereitet. An eine Predigt erinnert sich der Bischof bis heute auf besondere Weise.

Frage: Bischof Kohlgraf, fällt Ihnen eine Predigt ein, an die Sie sich bis heute erinnern?  

Kohlgraf: Ich erinnere mich an Predigten von Kardinal Joachim Meisner aus meiner Kölner Zeit. Er hat immer sehr bilderreich gepredigt. Einmal hat er bei einer Predigt zum Fest der Epiphanie aus seiner DDR-Zeit erzählt. Er hat von Heilspropheten gesprochen, die einem das Glück vom Himmel versprochen haben. Und dann hat er den Satz gesagt: "Wir Christen folgen aber nur einem Stern: Das ist Jesus Christus." Das war eine politische Aussage in einer sehr bildhaften Sprache. Und dieser Satz von ihm beschäftigt mich noch heute.  

Frage: Es gibt Predigten, die einen berühren. Andere Predigten wiederum bringen einen dazu, währenddessen aus der Kirche hinauszugehen. Kennen Sie das auch?  

Kohlgraf: Nein, wegen einer Predigt aus einer Kirche rausgehen musste ich bislang noch nie. Das halte ich aus. Aber mir berichten Leute schon mal, dass sie das machen.    

Frage: Darf man denn während einer Predigt, die einen verstört, die Kirche verlassen?  

Kohlgraf: Ja, rausgehen kann man schon. Nur wäre es gut, wenn man nach dem Gottesdienst mit dem Prediger spricht, warum seine Worte so eine Reaktion bei einem ausgelöst haben. Ich erlebe manchmal Prediger, die nicht so gut vorbereitet sind. Beispielsweise im Urlaub: Da gehe ich woanders in die Kirche, feiere dort den Gottesdienst mit und höre Predigten von Priestern, die nicht immer gelungen sind.  

Frage: Was meinen Sie konkret?  

Kohlgraf: Wenn ein Priester in der Predigt einfach nur das Evangelium nacherzählt, ist das zu wenig. Jemand, der eine Predigt hält, soll schon die Worte im Evangelium deuten und sich zu den Inhalten verhalten. Eine einfache Nacherzählung reicht da nicht aus. Ganz schwierig finde ich es, wenn eine Predigt sofort in eine moralische Belehrung übergeht. Manchmal höre ich Predigten, in denen das Evangelium nur der Aufhänger ist und der Inhalt dann völlig abgleitet. Ich finde schon, dass Gottesdienstbesucher einen Anspruch auf gute Predigten haben. Ein Prediger ist allerdings auch nur ein Mensch. Und das Evangelium hat prophetische Botschaften, die nicht immer bequem sind. Es ist eine Frage der Beziehung des Predigers zu seiner Gemeinde, wie etwas aufgenommen wird. Die Menschen ernst zu nehmen mit ihren Themen und klar Stellung zu ethischen Fragen zu nehmen, das finde ich wichtig. Es ist immer eine Gratwanderung, ob und wie das gelingt. Wer predigt, geht in Dialog und in Beziehung zu den Menschen, die zuhören. Daher darf beim Predigen auch mal was schiefgehen. Ich war einige Jahre lang als Schulseelsorger in Bonn und in Neuss tätig. Die Schüler haben mir eine langweilige Predigt schon mal verziehen, weil wir in gutem Austausch miteinander waren.  

Jedenfalls halten wir uns in der Diözese Mainz an die kirchliche Anordnung, dass Laien in einer Messe keine Predigt halten. In der Praxis hat es sich aber eingebürgert, dass das schon hin und wieder trotzdem vorkommt.

— Bischof Peter Kohlgraf

Frage: Das heißt, Sie haben langweilig gepredigt?  

Kohlgraf: Also ich fand meine Predigten immer spannend. (lacht) Aber damals hatte ich oft mehrere Schulmessen hintereinander. Da fällt einem nicht jedes Mal etwas super Originelles ein. Da gelingt die eine Predigt mal besser oder schlechter als die andere. Außerdem passt nicht jede Bibelstelle so gut in den Alltag der Schüler hinein. Ich denke aber, dass ich immer gut im Gespräch mit den Schülern darüber war. Bei Firmungen predige ich immer frei. Ich merke, dass das freie Sprechen bei den Leuten ankommt, weil ich auf ihre Stimmung eingehen und sie direkt anschauen kann. Wenn ich als Bischof im Dom predige, dann dürfen es schon mal zehn Minuten sein. Ich bemühe mich aber, mich kurz zu halten. Einmal habe ich sogar eine Beschwerde deswegen erhalten. Ein Gottesdienstbesucher ist extra von weiter her nach Mainz angereist, um mich bei einem Gottesdienst zu erleben. Der kam dann hinterher zu mir und hat gesagt, dass er enttäuscht ist, weil meine Predigt so kurz ausfiel. Sie dauerte drei bis vier Minuten. Insgesamt predige ich aber gerne, ich mache das schließlich schon seit 30 Jahren.  

Frage: Der Vatikan hat kürzlich verboten, dass Laien in der Eucharistiefeier predigen dürfen. Wie handhaben Sie es in Ihrem Bistum mit diesem Laienpredigtverbot?  

Kohlgraf: Diese Antwort aus Rom ist nicht neu. Es ist eine Regelung, die in allen Diözesen gilt, nicht nur in Deutschland. In Deutschland gab es in den 1970er Jahren schon einmal ein Indult, also eine Ausnahmeregelung. Da war es zum Beispiel bei Schulmessen möglich, dass theologisch ausgebildete Laien predigen konnten. Das wurde nie problematisiert. Später wurde diese Ausnahmeregelung aber wieder zurückgenommen. Über so ein Indult könnte man heute wieder nachdenken. Ich kann das aber nicht allein entscheiden. Die Argumentation des Vatikans ist in manchen Punkten, was das Laienpredigtverbot betrifft, aus meiner Sicht jedoch nicht ganz stimmig.  

Frage: Inwiefern? 

Kohlgraf: In dem Schreiben des Liturgiepräfekten heißt es, dass nur der Priester, der die Messe feiert, derjenige ist, der dort predigt. Aber ein Priester, der konzelebriert, oder ein Diakon, der mitfeiert, dürfte dann konsequenterweise ebenso nicht in dieser Messe predigen. Jedenfalls halten wir uns in der Diözese Mainz an die kirchliche Anordnung, dass Laien in einer Messe keine Predigt halten. In der Praxis hat es sich aber eingebürgert, dass das schon hin und wieder trotzdem vorkommt. Dort werde ich es aber nicht ändern.

Eine Lektorin in liturgischer Kleidung liest die Lesung am Ambo
Bild: © KNA/Harald Oppitz (Symbolbild)

Das vatikanische Verbot der Laienpredigt ändere an der pastoralen Praxis im Bistum Mainz nichts, sagt Bischof Peter Kohlgraf. Er werde niemanden für eine Laienpredigt sanktionieren. "Mir bereit mehr Sorgen, dass das Laienpredigtverbot aus Rom nun die Denunziation fördert."

Frage: Das heißt eine Pastoralreferentin, die eine Predigtausbildung hat, darf in Ihrem Bistum in einer Eucharistiefeier predigen?  

Kohlgraf: Nein, nach den römischen Vorgaben darf sie das nicht. Ich kann so eine Erlaubnis auch nicht aussprechen. Das Kirchenrecht erlaubt es nicht und das ist weiterhin unsere Grundlage. Trotzdem ist es so, dass es in mancher Kirchengemeinde bei uns üblich ist, dass Laien predigen. Wenn ich davon erfahre, werde ich nicht disziplinarisch eingreifen oder das kirchenrechtlich sanktionieren. Ich werbe dafür aber auch nicht und ich kann es nicht erlauben. Ich nehme es nur zur Kenntnis, dass es in manchen Kirchengemeinden so eine eingebürgerte Praxis gibt. Ich plädiere aber dafür, alle anderen Formen der Verkündigung zu nutzen, die das Kirchenrecht ermöglicht. Vielleicht müsste man all diese Möglichkeiten der Verkündigung für Laien in der Liturgie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) sammeln. Im Bistum Mainz hat die Liturgische Kommission im vergangenen Jahr dazu eine Handreichung veröffentlicht, in der die vielfältigen Möglichkeiten des Predigtdienstes zusammengestellt sind. Also für unser Bistum ändert das Verbot für die Laienpredigt in der konkreten pastoralen Praxis nichts. Mir bereit mehr Sorgen, dass das Laienpredigtverbot aus Rom nun die Denunziation fördert.  

Frage: Was meinen Sie damit?   

Kohlgraf: Es gibt Leute, die liturgische Verstöße sofort an den Bischof melden und direkt an mich schreiben. Das gab es davor zwar auch schon, dass sich einzelne Leute bei mir beschweren, aber nun fordern sie mich dazu auf, dass ich einschreiten muss. Manche schreiben sogar an den Nuntius oder direkt nach Rom.   

Frage: Wie reagieren Sie auf solche Beschwerden? 

Kohlgraf: Freundlich und gelassen. Ich nehme es zur Kenntnis und leite es weiter, meistens an den jeweiligen Pfarrer oder pastoralen Leiter der betreffenden Kirchengemeinde.  

Frage: Wünschen Sie sich denn, dass Laien predigen dürften?  

Kohlgraf: Wenn es einen Indult geben würde, dann wäre mir das recht und lieb. Ich allein kann das nicht entscheiden. Wenn es eines Tages kommen sollte, dann werden wir damit umgehen. Ich halte es mit Blick auf die pastoralen Mitarbeitenden, die theologisch zum Predigen qualifiziert sind, für einen Reichtum der Kirche. Ich kann aber weiterhin nur die Formen wählen, die das Kirchenrecht zulässt. Ich verstehe, dass manche deshalb enttäuscht sind, weil sie es gut und gerne machen würden. Aber ich sehe ebenso diejenigen, die darin nicht ihr Charisma erkennen und froh sind, wenn sie an den Wochenenden nicht zum Predigtdienst verpflichtet werden.  

Frage: Wie lautet Ihr Rat für eine gute Predigt an diejenigen, die an den Wochenenden predigen müssen?  

Kohlgraf: Eine Predigt soll dem Lob Gottes dienen, sie soll die Menschen aufrichten, ihnen Orientierung für ihr Leben geben und dazu einladen, über das Evangelium selbst nachzudenken. Wenn das gelingt, ist es eine gute Predigt.  

Madeleine Spendier