Debatte um Menschenbild

Warum queere Katholiken eine Predigt von Bischof Oster kritisieren

Bischof Stefan Oster predigt vor dem Gnadenbild "Schwarze Madonna" in Altötting
Bild: KNA/Maria Irl

Dass die Worte ihrer Predigt die Gläubigen auch Tage später noch bewegen, dürfte für viele Prediger genau das sein, was sie erreichen wollen. Ob das auch für die Predigt des Passauer Bischof Stefan Oster an Mariä Himmelfahrt gilt? Am Montag jedenfalls meldete sich das Katholische LSBT+-Komitee mit Kritik an Osters Predigt zu Wort. "Oster hat sich als Theologe wie auch als Seelsorger disqualifiziert", heißt es in einer Pressemitteilung des Bündnisses. Was war passiert?

Im Wallfahrtsort Altötting sprach Oster am 15. August "über die Menschenwürde und das christliche Bild vom Menschen". Ein Video seiner Predigt veröffentlichte der Passauer Bischof auf seiner Website, ebenso das Predigtmanuskript. Ausgehend von seinen eigenen Gedanken über Gesellschaft und Religion sprach Oster in seiner Homilie über die im Grundgesetz festgehaltene Würde des Menschen. "Die Ebenbildlichkeit Gottes als Quelle unserer Würde kann uns niemand nehmen, wir können sie nur selbstverschuldet verdunkeln", sagte Oster. Der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" könne von Christen nicht nur fordernd, sondern auch beschreibend verstanden werden. "Und ohne Gott im Hintergrund muss er immer neu ausgefüllt und diskutiert werden – je nach Zeit und Situation."

Väter des Grundgesetzes teilten katholisches Familienbild

Nach christlichem Verständnis sei auch der Ort, in dem und durch den ein Mensch zur Welt kommt, Träger dieser Würde. Daher seien Ehe und Familie in Artikel 6 des Grundgesetzes besonders geschützt. "Und es ist klar, dass die Väter und Mütter des Grundgesetzes erstens die Einehe damit gemeint haben und nicht die Vielehe und zweitens die gängige Einheit von Vater, Mutter und ihrem Kind oder ihren Kindern", so Oster. Viele hätten das katholische Verständnis von der Ehe als Sakrament geteilt.

Als Dinge, von denen "die allermeisten Mütter und Väter unseres Grundgesetzes" noch nicht einmal "im Entferntesten gedacht" hätten, zählte Oster die Diskussion über Abtreibung als Menschrecht, das Recht auf selbstbestimmtes Sterben oder den Leihmutterschafts-Skandal rund um CDU-Politiker Jens Spahn auf, ohne diesen direkt beim Namen zu nennen. "Oder: Wenn wir die Christopher-Street-Days betrachten mit ihren vielen Facetten von offen zur Schau gestellten Lebensweisen, sexuellen Präferenzen und angeeigneten Identitäten, dann wird auch hier unmittelbar anschaubar, wie fundamental sich Gesellschaft verändert hat", so Oster weiter. Dies sei ein Ausdruck der Freiheit der Menschen, die die Demokratie ausdrücklich ermögliche. "Und es wird zugleich deutlich, wie schwer wir uns als gläubige Menschen tun, all das, was da gezeigt oder inhaltlich vertreten wird, mit unserem christlichen Menschenbild zu versöhnen. Wir stellen angesichts mancher Dinge die ehrliche Frage: Entspricht das der Würde, die uns von Gott gegeben ist – oder widerspricht es ihr?" Mit dem Schriftsteller Fjodor Dostojewski fragte der Bischof: "Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt?"

Oster betonte, ihm sei wichtig, "dass wenn wir als Christen die Sache mit der Menschenwürde ernst nehmen, dass es für uns dann auch angesichts der Christopher-Street-Days klar sein muss, dass ausnahmslos alle Menschen, die da teilnehmen, geliebte Kinder Gottes mit unverlierbarer Würde sind". Sie müssten in ihrer Freiheit geachtet werden – "ohne damit schon gut heißen zu müssen, was dort gezeigt oder vertreten wird", erklärte der Passauer Bischof. "Aber in jedem Fall glaube ich, dass die geglaubte Abwesenheit oder geglaubte Nichtexistenz Gottes, den Spielraum dessen, was im gesamten Kontext rund um das Thema Geschlecht und Gender möglich ist, massiv erweitert hat. Und dass das meiste davon gerade nicht dem biblischen Menschenbild entspricht."

Er befürchte, dass die fortschreitende Entfernung vom biblischen Bild des Menschen, das der Hintergrund für das Grundgesetz gewesen sei, letztlich die Demokratie gefährde. "Auch wenn es genau diese Demokratie ist, die diese Entfernung erlaubt und möglich macht." Die Vielfalt von Menschenbildern tendiere "beinahe automatisch" dazu, dass das Auseinander und Gegeneinander verschiedenster Interessen zunehme. "Und damit zugleich der Ruf zunimmt nach der einfachen und schnellen Lösung durch eine starke Autorität an der Spitze, die sich durchsetzt und den Laden noch zusammenhält."

Das Katholische LSBT+-Komitee – ein Zusammenschluss verschiedener katholischer und christlicher Gruppen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen – widerspricht der Predigt des Bischofs nun deutlich. Man teile zwar die Überzeugung Osters, dass die christliche Tradition wichtige Impulse für das Verständnis der Würde jedes Menschen gebe, heißt es in der Pressemitteilung. "Dennoch ist seine Predigt missglückt, weil er seine anfänglich nachvollziehbaren Worte von der Menschenwürde mit abwertenden Aussagen über queere Menschen, Christopher-Street-Days und gesellschaftliche Vielfalt verbindet."

Regenbogenfahne am Altar bei einem Queergottesdienst
Bild: © KNA/Harald Oppitz (Symbolbild)

"Unsere geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung ist ein bedeutender Teil unseres Lebens", sagen die queeren Gläubigem vom Katholischen LSBT+-Komitee. "Im Coming-out erfahren wir die befreiende Kraft unseres Glaubens."

Für das Katholische LSBT+-Komitee ist klar: "Die Menschenwürde hängt weder von sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität, noch von Familienformen oder Glaubensüberzeugungen ab. Sie gilt für alle Menschen in gleicher Weise." Wer vom christlichen Menschenbild spreche, dürfe daher nicht manchen Lebensformen eine reduzierte Würde zu sprechen. Mit seinen suggestiven Fragen vermittle Oster den Eindruck, queere Sichtbarkeit stehe für moralische Beliebigkeit und Gottesferne. "Zwar betont der Bischof die Würde aller CSD-Teilnehmenden, mutmaßt dann aber doch, dass queere Menschen deshalb lesbisch, schwul, bisexuell, trans, intergeschlechtlich oder nicht-binär sein könnten, weil ihnen der Glaube an Gott fehlt oder sie sich vom christlichen Menschenbild entfernt hätten."

"Als queere Christ:innen glauben und beten wir, feiern Gottesdienste und verstehen unser Leben in Einklang mit unserer Beziehung zu Gott. Unsere geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung ist ein bedeutender Teil unseres Lebens. Im Coming-out erfahren wir die befreiende Kraft unseres Glaubens", heißt es in der Pressemitteilung des Aktionsbündnisses. Mutige queere Menschen und ihre Verbündete passten nicht in das Weltbild Osters. Auch queersensible Theologie und Queerseelsorge seien ihm fremd, so der Vorwurf. Die 2013 von Papst Franziskus gestellt Frage "Wer bin ich, zu verurteilen", habe Oster offenbar vergessen.

Was bleibt aus dieser Diskussion?

Hieran wird beispielhaft deutlich, dass der Umgang mit queeren Menschen in der katholischen Kirche noch immer mit Spannungen verbunden ist. Während sich Seelsorgende in der Pastoral seit Jahren bemühen, auf queere Menschen zuzugehen und sie in den Gemeinden willkommen zu heißen, bleibt die amtliche Lehre der Kirche gleich: Eine Familie besteht aus Vater, Mutter und Kindern und homosexuelle Handlungen sind in sich ungeordnet. Tiefgreifende Änderungen sind hier vorerst nicht in Sicht.

Was bleibt aus dieser Diskussion um die Predigt von Bischof Oster? Auf die Frage, was Gläubige tun können, wenn sie mit den Worten des Predigers nicht einverstanden sind, sagte der Regensburger Homiletiker Thomas Vogl 2024 in einem katholisch.de-Interview: "Am besten ist es, das direkte Gespräch zu suchen und eine Rückmeldung zu geben." Rückmeldungen seien für Predigende sehr wertvoll und konstruktiv. Ob ein solches Treffen stattfinden wird, ist derzeit nicht bekannt. Bischof Oster ist gegenwärtig im Urlaub.

Christoph Brüwer