Nach großen Skandalen lösen Rücktritte in der Regel ein spontanes Ablassen der Kritiker vom Gefallenen aus. Teils aus kollektiver Erschöpfung oder Überdruss nach tage- oder wochenlangen hitzigen Debatten, teils aus einem menschlichen und erst recht christlichen Impuls heraus: Wer schon am Boden liegt, den tritt man nicht mehr. Dabei schwingt das mulmige Gefühl mit, dass man selbst Angriffsflächen bietet, nicht ohne Schuld ist (Joh 8,7) oder auch unabhängig davon mal zur Zielscheibe werden könnte, gerade im Zeitalter der Gruppendynamik von Social Media. Aber auch schon zuvor war das Klischee von Medien als "Meute" auf permanenter "Hetzjagd" verbreitet, nicht zuletzt im skandalgeschüttelten Kirchenmilieu – besonders in apologetischen Kreisen, die nichts auf die Kirche kommen lassen. Im Fall Jens Spahn wurde ihre traditionelle Medienverdrossenheit allerdings ausgestochen durch immer noch verbreitete Ressentiments gegen Homosexuelle sowie durch die in der Kirchenlehre noch kategorischere Ablehnung der Leihmutterschaft. Sie gehört zu den ethischen Tabus, bei denen zumindest im Katholizismus noch ein Lager übergreifender Konsens erkennbar ist.
Um so mehr verwundert, wie die Reaktion der Kirchen auf den Skandal ausfiel. Sie war nahezu inexistent. Wer sich als einzelner Laie in die öffentliche Debatte warf, konnte sich durchaus im Stich gelassen fühlen von Oberhirten, die es ihrem Passauer Amtsbruder Stefan Oster (und dem württembergischen Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl) überließen, die Causa Spahn christlich-ethisch einzuordnen. Vielleicht wird mal eine Doktorarbeit darüber vergeben, wie sich die öffentliche Redebereitschaft deutscher Bischöfe in bio- und sexualethischen Fragen seit dem Missbrauchsskandal verändert hat? Dass die jahrzehntelange Sexualgeschwätzigkeit des katholischen Klerus einen Dämpfer bekam, mag man als sachlich gerechtfertigte und von erlernter Demut nahegelegte Korrektur begrüßen. Doch kein eigenes früheres Versagen darf zu Feigheit verleiten, wo es um Menschenwürde, die Würde der Frau und das Kindeswohl geht.
Der Einwand, das kirchliche Verbot der Leihmutterschaft sei hinreichend erklärt und müsse nicht im Einzelfall zu Lasten beteiligter Personen wiederholt werden, überzeugt nicht. Erstens bedürfen Normen sehr wohl der Wiederholung, um verinnerlicht zu werden. Zweitens gewinnen sie an Einprägsamkeit durch den Anwendungsfall im realen Leben, vor allem in Kontroversen, deren Aufmerksamkeitsverstärkung es zu nutzen gilt. Unsere schrumpfenden Kirchen werden außerhalb einer Aufmerksamkeitskonjunktur von Themen kaum gehört. Viele ihrer elaborierten Papiere dürften nach dem "Abheften" bereits den größten Teil ihrer Wirkung hinter sich haben: als Vergewisserung derer, die darüber mit beraten haben.
Mehr als nur eine Maßregelung
Drittens ging es im Fall Spahn um viel mehr als darum, ein konkretes Paar in seiner Entscheidung zu maßregeln. Bei moralisch hoch aufgeladenen Konflikten um das Verhalten von Spitzenpolitikern geht es immer auch um politische Kultur und ethische Standards der Gesellschaft – jetzt übrigens nicht nur um Bioethik, sondern auch um Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit der "politischen Klasse", den Vorbildcharakter im herausragenden Führungsamt sowie um die Identität einer großen, staatstragenden Partei. Die CDU versucht seit Beginn der Bundesrepublik, Politik auf Grundlage des christlichen Menschenbilds und der christlichen Sozialethik zu machen, in bewusster Abkehr von der Tradition bloß konservativer, national- oder wirtschaftsliberaler Parteien des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Verliert sie diesen aus leidvoller Erfahrung 1945 erwachsenen Charakter der "Christdemokratie", wird dies unseren Staat verändern. Um des Gemeinwohls und der Menschen willen haben Kirchen ein besonderes Augenmerk auf solche Parteien zu richten, die sich als "christlich" ausweisen und die überdurchschnittlich von Christen gewählt und getragen werden. Kirchenleitungen waren nie die Gouvernanten der Union, aber sie tragen ihr gegenüber Verantwortung als kritische Korrektive und als Personalreservoir für einen politischen Nachwuchs, dem man noch etwas vom "C" anmerkt.
Die grundsätzlich richtige Zurückhaltung und Vergebungsbereitschaft gegenüber einem im Skandal gestürzten Politiker sollte allerdings nicht zum Rückstoß in der moralischen Klarheit über die Verantwortlichkeiten führen, so dass der Zurückgetretene wieder Oberwasser hat, als Opfer dasteht und besondere Zuwendung auslöst. Offenheit für Versöhnung und Heilung des Konflikts ist nicht voraussetzungslos. Als es in den Stunden nach Spahns Rückrittsschreiben "Respekts"-Bekundungen dafür hagelte, stimmte der frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Professor Peter Dabrock, nur mit einer Einschränkung zu: "Wenig Resepkt habe ich für die Formulierung: 'Die zunehmende Unerbittlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung hat mich sehr nachdenklich gemacht.' Hier höre ich raus, dass Spahn die Deutungsmöglichkeit, sich als Opfer stilisieren zu können, offen halten will. Das wäre allerdings 'Täter'-Opfer-Umkehr: Die Empörung (insbesondere aus seiner Partei) hatte ja ihren berechtigten Grund."
Der Passauer Bischof Stefan Oster hatte sich am Freitag in die Spahn-Debatte eingeschaltet.
Das auch schon in früheren Skandalen selbstgerecht wirkende Auftreten Spahns erinnert an den Skandal um Bischof Tebartz-van Elst wegen Verschwendung beim Bau des Bischofshauses und der Unwahrheit über ein Flugklassen-Upgrade. Zwar kam, wohl nicht zuletzt wegen bevorstehender Wahlen, der Rücktritt des Politikers in der Zuspitzung des Konflikts schneller. Gemessen an kritisierten Eskapaden und Fehlleistungen über Jahre hin (Stichworte: Villenfinanzierung, Maskendebakel, Spendendinner, Brosius-Gersdorf, Thiel-Treffen) und der Dauer seines verborgenen Leihmutter-Projekts im Widerspruch zur Haltung der CDU und seiner eigenen öffentlichen Positionierung, zog er aber wie Tebartz zu spät die Konsequenzen. Er klammerte sich bis in den Ronzheimer-Podcast am Freitag an sein Amt, indem er vorschlug, "seine" Fraktion, die gerade in die Sommerpause ging, entscheiden zu lassen. Erst als der Druck von der Parteibasis her übermächtig wurde und schließlich auch Landesvorsitzende und der Kanzler von ihm abrückten, gab er auf.
Wirkliche Einsicht ins Wesentliche des Skandals, also nicht nur seine zugegebene politische Fehleinschätzung, spricht nicht aus Spahns Brief. Der Seitenhieb auf die "Unerbittlichkeit" anderer stößt übel auf. Denn, abgesehen von üblichen Social-Media-Entgleisungen Einzelner, mussten seine Kritiker seines eigenen Beharrens wegen unerbittlich dranbleiben, wie seinerzeit monatelang in der Causa Tebartz.
Auf der Gegenseite übten sich damals wie heute Weißwäscher in moralischem Relativismus zum Machterhalt ihres konservativen Idols. Ein katholischer Blogger, sonst im Dauerfeldzug gegen die "Diktatur des Relativismus", schrieb mir auf meine damalige Tebartz-Kritik hin: "Und selbst wenn der Bischof gelogen hat – so what?" Über solche Chuzpe kann man nur staunen. Fehlerkultur, Objektivität und moralische Konsistenz scheinen viele Menschen zu überfordern. Deshalb tut die Kirche gut daran, in ihren Bildungseinrichtungen und im Gottesdienst nicht nachzulassen in der Vermittlung ethischen Denkens und der Pflege einer christlichen Gewissenskultur gegen den Unschuldswahn.
Kein Pieps aus der Jungen Union
Dass nach einer aktuellen INSA-Umfrage (für Idea spektrum 29/2026) 82 Prozent der Deutschen sagen: "Vergebung setzt voraus, dass jemand ehrliche Reue zeigt", lässt zwar zunächst auf stabile Moralregeln hoffen. 18- bis 29-Jährige unterstützen dies aber zu fast 20 Prozentpunkten weniger als 60- bis 69-Jährige. Jens Spahn hatte seine größte Fanbase bei der Jungen Union. Aus ihr war in den letzten Tagen kein Pieps zur Debatte zu hören, obwohl man sich sonst gern für konservative Werte in die Brust wirft, notfalls auch als Quertreiber. Nun überließ man die Werte-Sensibilität der Partei der christlich-sozialen Arbeitnehmerschaft, den Frauen und Senioren sowie den nicht ganz uneigennützigen Wahlkämpfern im Osten. Was lässt dies über die Zukunft der Partei erahnen?
Perspektivisch geht es in der ethischen Debatte der letzten Tage um nicht weniger als die Fundamente unserer auf Menschenwürde und Freiheit in Verantwortung gründenden Republik. Besonders die rechtspopulistische Enthemmung führt den Sog nach unten beinahe täglich vor Augen. Wenn sich die meisten Menschen kaum noch um Doktrinen kümmern oder Wahlprogramme vergleichen, sondern ihrem "Bauchgefühl" folgen und sich ein Bild von Spitzenpolitikern machen, dann bietet die Präsentation sympathischer Persönlichkeiten, deren Reden mit ihrem Handeln in Einklang steht, am ehesten eine Erfolgschance für in die Defensive geratene demokratische Parteien. Der in Rankings seit langem unbeliebteste Spitzenpolitiker Deutschlands verschwindet nun endlich aus der ersten Reihe der Bundespolitik. Dieses Momentum muss die Union durch ein überzeugendes Personalrevirement nutzen, wenn sie Vertrauen zurückgewinnen will.
Jens Spahn ist zu wünschen, dass er in der nun kommenden ruhigeren Zeit viel bei seiner Familie sein kann und, statt zu falschen Propheten wie Peter Thiel zu jetten, seine gern betonten katholischen Wurzeln besser zu ergründen vermag. In Max Webers "Politik als Beruf" könnte er nachlesen, warum Selbstdistanz zu den Grundtugenden eines guten Politikers gehört. Vielleicht kann er ja später geläutert auch wieder politisch mitarbeiten an einer guten Zukunft für seinen Sohn. Die Talente dazu spricht ihm niemand ab. Jeder Mensch guten Willens verdient eine zweite Chance. Er muss nur selbst dafür sorgen, dass es anderen leicht fällt sie ihm zu geben.
Der Autor
Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.