Mittwochmorgen in Bergen auf der Insel Rügen. Im Gemeindehaus der katholischen Kirche Sankt Bonifatius treffen sich wie üblich eine Handvoll Senioren zu Kaffee, Kuchen und Gemeinschaft. Es geht um Musik, um die letzte Wallfahrt, es herrscht gute Stimmung. Nur eines ist dort an diesem Tag kein Thema: Politik. Dabei wählt Mecklenburg-Vorpommern in nicht einmal drei Wochen einen neuen Landtag. Und bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr hat fast jeder zweite Einwohner der Inselhauptstadt Bergen die rechtspopulistische AfD gewählt. Genug Gesprächsstoff gäbe es also.
Doch zur Frage, wie innerhalb einer Gemeinde mit Wählern der AfD umgegangen werden soll, sagt Pfarrvikar Bernhard Scholtz: "Ich möchte keine Parteipolitik betreiben." Er lasse das Thema vor allem außen vor, weil er seine kleine Gemeinschaft zusammenhalten wolle, sagt er dem "KNA-Hintergrund". Wenn man in die AfD eintritt, bekommt man inzwischen ein Brandzeichen", sagt er. "Wenn man das Thema dann ständig anspricht, kommen die Leute schlicht nicht mehr in unsere Gemeinde. Und das können wir uns nicht leisten." In ganz Mecklenburg-Vorpommern mit seinen etwa 1,57 Millionen Einwohnern leben nur knapp 51.000 Katholiken.
Pfarrvikar gegen Bevormundung
Scholtz möchte keinem etwas vorschreiben. "Klar gibt es in der AfD auch Rechtsextreme, was natürlich absolut nicht geht. Aber nicht alle Wähler und Mitglieder der Partei sind Nazis", sagt er. Den hiesigen Erfolg von Rechtsaußen erklärt sich Scholtz, der schon seit zehn Jahren auf Rügen lebt und arbeitet, mitunter durch die Mentalität der Inselbewohner. "Viele sind unzufrieden bei lokalen Themen wie Windrädern, schlechtem Nahverkehr und LNG-Terminals für Flüssiggas. Doch der Protest zeigt sich hier oft nicht sofort, sondern erst bei der Wahl."
Darüber sprechen wolle er in der Kirche nicht – was auch einige Gemeindemitglieder gutheißen. "Wir versuchen, in der Gemeinde Politik nicht anzuschneiden", sagt eine Frau, die ihren Namen nicht nennen will. Auch sie wolle die Gemeinschaft in der Gemeinde nicht gefährden. Doch sie selbst sei eine entschiedene Gegnerin der AfD: "Die Partei stellt demokratische Werte in Frage."
Auch in Sachsen-Anhalt beschäftigt sich die Kirche mit der Landtagswahl. Vor der Propsteikirche St. Peter und Paul in Dessau zeigt die katholische Kirche im Landtagswahlkampf Flagge für ihre Kampagne "Bewusst wählen!"
Die ablehnende Haltung der Frau zur AfD deckt sich mit der Einschätzung der Deutschen Bischofskonferenz. Die veröffentlichte 2024 eine Erklärung, in der sie die Unvereinbarkeit von völkischem Nationalismus und Christentum betont. Zudem hat das Erzbistum Berlin, in dem Rügen liegt, vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern die Aktion "Mit Herz und Haltung für Demokratie und Nächstenliebe" ins Leben gerufen. Das Erzbistum organisiert Infoveranstaltungen und hat Flyer und Plakate an seine Pfarreien geschickt. Doch zumindest an besagtem Mittwoch waren diese in oder vor der Kirche in Bergen nicht zu sehen.
Das sieht Markus Kolbe zwiegespalten. Er ist Verwaltungsleiter der katholischen Pfarrgemeinde Sankt Otto, sein Büro liegt in Greifswald, zwischen Usedom und Rügen. Dort ist er für administrative Aufgaben zuständig. Kolbe sagt: "Meine persönliche Meinung ist, dass sich die Kirche als Institution aus Politik heraushalten sollte. Sie soll keine Partei sein." Aber: "Sie sollte die Leute ermutigen, als Christen Haltung zu zeigen und als Christen ihrem Gewissen entsprechend zu handeln." Für ihn sei die AfD unwählbar, dennoch plädiert er für einen differenzierten Umgang. "Solange die AfD nicht verboten ist, muss der Staat aufpassen, die Freiheiten der Leute nicht einzuschränken." Alle Wähler in eine Schublade stecken, das wolle er nicht.
Prägung durch die SED-Diktatur
Ein Grund dafür sei auch seine Prägung durch die SED-Diktatur und die Erinnerung an den Unrechtsstaat DDR. "Ich bin in der DDR geboren, in Dresden", erzählt Kolbe. "Als ich sechs Jahre alt war, ist meine Familie bei einem Fluchtversuch über die damalige CSSR [Tschechoslowakei, Anm. d. R.], da es dort keinen Schießbefehl gab, erwischt und sind meine Eltern verhaftet worden. In der Zeit ihrer Gefängnisstrafe habe ich dann mit meinen drei älteren Geschwistern bei Verwandten gelebt", sagt er, sichtbar berührt. "Dann wurden meine Eltern von der BRD freigekauft, und ich durfte als Kind mit meinen Geschwistern in den Westen ausreisen." Diese Erfahrung habe ihn geprägt.
Ein anderer Umgang mit dem Thema AfD ist nur gut 400 Meter von der Kirche Sankt Bonifatius entfernt zu sehen. In direkter Nachbarschaft steht die evangelische Kirche Sankt Marien - und präsentiert an ihrer Front ein großes Banner, das sich für Demokratie ausspricht.
"Unsere Pastorin lehnt die AfD klar ab, sucht aber immer die Gespräche und hört zu", erzählt Frank Thomas. Der 61-Jährige lebt seit mehr als 25 Jahren auf der Insel und ist Kirchenmusiker der evangelischen Pfarrgemeinde in Bergen. Auch er spricht sich klar gegen die AfD aus. "Diese Partei ist keine normale Partei, sondern einfach eine große Gefahr für die Demokratie", sagt er. Doch: "Es wäre falsch, alle ihre Wähler pauschal als Nazis abzustempeln."
Frank Thomas lebt seit mehr als 25 Jahren auf der Insel und ist Kirchenmusiker der evangelischen Pfarrgemeinde in Bergen.
Er erzählt von Erfahrungen, die er mit anderen Bewohnern der ländlich geprägten Insel gesammelt habe. "Ich habe mit einem AfD-Wähler gesprochen, der sich in seinem Dorf sehr um das Zusammenleben kümmert. Doch überall werde er als Nazi beschimpft, wie er sagt", so Thomas. "Das ist ein gestandener Mann, aber als er das erzählte, kamen ihm fast die Tränen. Er sei kein Nazi, das hat ihn sehr beschäftigt. Und genau darin liegt auch eine Gefahr."
Der Musiker erläutert: "Ich glaube, dass eine solche pauschale Ausgrenzung einen Solidarisierungseffekt hat. Wenn Menschen denken, dass jemand zu Unrecht angegangen wird, sympathisiert man schnell mit ihm. Beim Thema AfD muss man genau hinschauen, muss klug entscheiden", sagt Thomas.
Doch wirklich überzeugen könne man viele nicht, sagt Thomas: "Weil die Leute aktuell unglaublich frustriert sind." Diese allgemeine Unzufriedenheit liege auch an Problemen, die das Leben auf Rügen beherrschten: schlecht ausgebauter öffentlicher Nahverkehr und eine schwächelnde Wirtschaft samt niedrigen Löhnen. Laut einer Recherche der "Zeit" lag das mittlere Monatsgehalt in Deutschland im Jahr 2025 bei 4.227 Euro brutto. In Bergen aber verdienten die Menschen im Schnitt nur 3.246 Euro, in Nord-Rügen sogar nur 3.085 Euro.
Wenn der Dorfnazi beim Einkauf hilft
"Bis zur Wende waren die Leute hier in Lohn und Brot, über viele Generationen", sagt Thomas. "Dann wurden hier, wie an anderen Orten im Osten, die Betriebe durch die Treuhandanstalt privatisiert oder abgewickelt. Viele waren plötzlich arbeitslos." Junge Leute seien weggezogen, der Frust tradiere sich weiter. Der Sommer-Tourismus auf Rügen sei nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein und durch teure Preise auch selbst Teil des Problems.
Die fehlende Infrastruktur verschärfe das Problem. "Wenn keine Busse fahren und keine sozialen Angebote zu den Leuten kommen, wer kümmert sich dann um sie?", fragt Thomas. "Dann kümmert sich der Dorfnazi um die Einkäufe oder das Gemeinschaftsfest, der dann nicht mehr der Dorfnazi ist, sondern der nette Mann von nebenan."
Diese Versorgungslücke müsse die Kirche füllen, auch wenn die selbst unter finanziellen Engpässen leide. "Das Gemeinwohl zerbröselt hier in dem Maße, wie die Kirche wegbricht." Dazu müsse die Lokalpolitik die Probleme vor Ort angehen. "Zuhören ist wichtig, aber wenn dann nichts passiert, steigert sich der Frust."
Die AfD bleibt Streitthema. Georg Günther findet die Kirche muss Platz für Debatten bieten.
Dass Themen wie Mobilität und geringe Löhne die Menschen vor Ort belasten, sieht auch Georg Günther. Der 38-jährige CDU-Politiker ist Mitglied des Bundestags, sein Wahlkreisbüro liegt in Stralsund, vor den Toren Rügens. "Auch die Gesundheitsversorgung, die sich in den letzten Jahren immer wieder neu aufstellen musste, ist ein Problem", sagt er. "Die Strecken werden weiter, und 2021 wurde auch noch die Geburtenstation auf der Insel geschlossen. Dafür muss man jetzt nach Stralsund."
Hinzu käme noch ein Rucksack aus Berlin: "Die Bundespolitik mit neuen Reformen wie der Krankenhausreform verunsichern die Menschen ebenso. Gerade die Leute hier vor Ort, die viele Umbrüche Anfang der 90er Jahre erlebt haben." Auch deshalb suchten einige einen sicheren Hafen. "Manchmal eben auch in Form von einfachen Antworten auf komplexe Fragen."
Ein Allheilmittel gegen Populismus hat Günther nicht. In der Kommunalpolitik setze er auf den Dialog, sagt er, er rede mit allen, die reden möchten. Das erhoffe er sich auch von der Kirche. "Sie muss Platz bieten für Debatten", sagt er. Aber: "Sie muss sie aktiv Grenzen ziehen, wenn das Grundgesetz oder die eigenen Werte wie Menschlichkeit in Frage gestellt werden."