Ernannter Eichstätter Oberhirte im Interview

Würtz: Halte es für antiquiertes Bild, dass Bischof alles entscheidet

Christian Würtz, ernannter Bischof von Eichstätt, am 14. September 2026 im Bischofshaus in Eichstätt.
Bild: KNA/Christopher Beschnitt

Am 4. Oktober soll Christian Würtz in sein Amt als Bischof von Eichstätt eingeführt werden. Vorher spricht er im Interview über seine Vorstellung vom Bischofsein, über Bistumsfusionen und seine große Leidenschaft.

Frage: Herr Bischof, Sie haben erfolgreich Karriere gemacht: Rechtswissenschaften und Theologie studiert, in beiden Fächern eine Doktorarbeit geschrieben. Was können Sie eigentlich nicht?

Würtz: Ich habe kein Taktgefühl. Ich tue mich schon schwer, beim Schülergottesdienst bei den Liedern richtig mitzuklatschen. Ich habe leider auch nie ein Instrument gelernt, außer Blockflöte in der Grundschule. Womit ich mich auch schwer tue, sind moderne Fremdsprachen.

Frage: Dabei kommen Sie doch aus Baden, also fast aus Frankreich.

Würtz: Französisch hatte ich schon in der Grundschule, aber das hat überhaupt nichts gebracht. Naja: Ich kann Französisch lesen, aber beim Reden ist es doch sehr mühsam. Vor allem für den, der zuhören muss.

Frage: Ihre Zuhörerschaft dürfte seit der Bischofsernennung gewachsen sein.

Würtz: Ja, plötzlich stehe ich in der ersten Reihe. Wenn ich etwas sage, wird das medial auf einmal viel stärker aufgegriffen. Überrascht hat mich vor allem, wie schnell ich deswegen kirchenpolitisch einsortiert wurde.

Frage: Dabei haben Sie sich ja gar nicht positioniert, sondern nur Erwartungen ausgesprochen. Zum Beispiel die, dass die Debatte um den Zölibat, die verpflichtende Ehelosigkeit von Priestern, die Kirche weiter beschäftigen werde.

Würtz: Dass manchen Leuten das zu weit oder nicht weit genug geht – das gehört zum Leben dazu. Unterm Strich habe ich seit meiner Ernennung vor allem Zuspruch erfahren, was mich sehr freut.

Ich möchte die Diözese und die Menschen in ihr wirklich kennenlernen.

— Christian Würtz

Frage: Wie wollen Sie gewährleisten, dass der Zuspruch anhält?

Würtz: Ich möchte die Diözese und die Menschen in ihr wirklich kennenlernen. Ich möchte gucken: Was läuft gut, was kann ich unterstützen, und was läuft schief, wo muss ich gegensteuern? Darüber möchte ich mit den Gremien, Verbänden und einzelnen Gläubigen ins Gespräch kommen.

Frage: Dabei dürfte auch Kritisches angesprochen werden. Im Bistum gab es in der jüngeren Vergangenheit einige Querelen: Die Zukunft von kirchlichen Jugendstellen und Katholischer Universität stand zur Debatte, es gab einen Finanzskandal. Welche Baustelle wollen Sie zuerst angehen?

Würtz: Da habe ich noch keine Agenda. Ich habe diese Dinge nicht im Detail verfolgt und muss mich zunächst einarbeiten.

Frage: Haben Sie sich dazu mit Ihrem Amtsvorgänger Gregor Maria Hanke ausgetauscht?

Würtz: Wir haben uns seit meiner Ernennung ein paar Mal gemailt. Was ich sagen kann: Er wird zu meiner Amtseinführung am 4. Oktober kommen.

Frage: Wie wollen Sie ab diesem Tag Bischof sein?

Würtz: Als Teamplayer. Ich halte es für ein antiquiertes Bild, dass der Bischof alles entscheidet und macht, was er will. Diese Zeiten sind längst vorbei. Es ist mir ein Anliegen, dass ich Entscheidungen immer mit anderen treffe und mich beraten lasse. Sei es vom Diözesanrat der Katholiken, sei es von hauptamtlichen Mitarbeitern, von wem auch immer. Außerdem habe ich Familie und Freunde als Korrektiv.

Gregor Maria Hanke, ehemaliger Bischof von Eichstätt
Bild: © KNA/Christopher Beschnitt

Mit seinem Vorgänger Gregor Maria Hanke hat Würtz Mail-Kontakt.

Frage: Die dürfen dem Bischof auch sagen: Mensch, Christian, das war jetzt echt Grütze?

Würtz: Das erwarte ich sogar! Das fordere ich tatsächlich ein. Ich wäre enttäuscht, wenn ich im Nachhinein erst mitkriegte, dass alle gesagt haben, das war aber mau, und dass keiner sich getraut hat, mir das rechtzeitig zu sagen. Ich möchte auf meine Fehler aufmerksam gemacht werden, damit ich sie korrigieren kann. Auch auf Kleinigkeiten, irgendwelche Marotten, die bemerkt man ja sonst selber nicht.

Frage: Marotten?

Würtz: Ich muss zum Beispiel immer aufpassen, dass ich nicht so viel an meinem Bischofsring herumspiele. Der dreht sich so schön, das ist so verlockend. Aber im Ernst: Wichtig ist mir ein fairer Umgang. Gerade, wenn verschiedene Meinungen aufeinandertreffen. Ich muss andere Ansichten nicht gut finden. Aber ich sollte versuchen, Verständnis für sie aufzubringen. Andere Meinungen sollte man nicht von vornherein abqualifizieren oder lächerlich machen oder verdammen.

Frage: Gibt es da keine Grenzen? Stichwort AfD. Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2024 erklärt, die Partei sei aufgrund von völkischem Nationalismus für Christen unwählbar.

Würtz: Aber man muss auch gucken: Warum haben Menschen die AfD gewählt? Man kann nicht sagen, es sind alle dumm, die die AfD wählen. Wir sollten die Menschen ernst nehmen und schon schauen: Welche Sorgen und Anliegen stehen dahinter? Und dann gibt es freilich Grenzen, wo ich sagen muss: Da kann ich nicht mit.

Frage: Bis zum Ruhestand haben Sie noch 20 Jahre vor sich. Ihr Vorgänger ist vorzeitig abgetreten, wegen mangelnder Kraft. Wie wollen Sie verhindern, dass Sie dasselbe Schicksal ereilt?

Würtz: Das werden 20 anstrengende Jahre werden, das muss man nüchtern sehen. Weniger Gläubige, weniger finanzielle Möglichkeiten – das stellt uns vor enorme Herausforderungen. Um sie zu bewerkstelligen, halte ich es gerade in meiner Position für wichtig, mir und anderen immer wieder zu sagen: Ich muss es nicht allein machen. Wichtig ist auch, das Schöne zu bedenken und zu sehen.

Wichtig ist auch, das Schöne zu bedenken und zu sehen.

— Christian Würtz

Frage: Das Schöne?

Würtz: Die Schönheit des Glaubens und der Gemeinschaft. Die darf man bei allem Schweren nicht ausblenden. Die Freude am Glauben will ich vielmehr ausbauen.

Frage: Wie? Durch Großveranstaltungen? "Freude am Glauben" hieß ja mal ein Kongress konservativer Katholiken.

Würtz: Daran habe ich jetzt nicht gedacht. Eventformate zum Glauben sind sicher ein Format, das viele Menschen anspricht. Ich selber bin eher einer, der kleine Formate bevorzugt für den persönlichen Glauben. Die Sonntagsmesse in einer vertrauten Gemeinde auf dem Land, das bestärkt mich. Jedenfalls will ich mich immer wieder meiner geistlichen Quelle versichern. Also fragen: Warum mache ich das alles? Wer hat mich gesandt? Daraus kann ich Kraft schöpfen.

Frage: Welche weltlichen Dinge stärken Sie?

Würtz: Meine große Leidenschaft ist die Kunst. Ich gehe gern ins Museum, und manchmal gönne ich mir auch ein Bild. Das letzte, das ich gekauft habe, war eines von Hans Thoma, einem badischen Künstler, um 1900 sehr bekannt. Generell mag ich deutschen Expressionismus.

Frage: Der entstand in einer Zeit der großen Veränderungen. Vor solchen steht auch die Kirche. So gibt es immer wieder Debatten um Bistumsfusionen. Wird es die Diözese Eichstätt in 20 Jahren noch geben?

Würtz: Das denke ich doch. Die bayerischen Diözesen werden nicht die ersten sein, die zusammengehen. Wenn es überhaupt so kommt. Die Bistümer könnten aber besser zusammenarbeiten. Stichwort Digitalisierung: Da muss nicht jeder sein eigenes Programm aufsetzen, um etwa Gehaltsabrechnungen zu machen. Da gibt es ja auch schon gute Ansätze und Kooperationen.

Christopher Beschnitt (KNA)