In der syrisch-katholischen Kirche ist ein Führungsstreit ausgebrochen – und ihr Patriarch Ignatius Joseph III. Younan könnte das erste Oberhaupt einer katholischen Ostkirche sein, das von seiner Synode abgesetzt wird. Am Montag bestätigte das syrisch-katholische Patriarchat erstmals ausdrücklich, dass zwei konkurrierende Synoden einberufen wurden – eine durch den Patriarchen, eine andere wohl durch den gemäß Kirchenrecht zunächst zuständigen dienstältesten Bischof.
Younan bestreitet in der Erklärung, dass die September-Synode legitim einberufen wurde: Er selbst habe am 2. September eine rechtmäßige Synode für den November angesetzt, wie es die Ständige Synode, so etwas wie der geschäftsführende Ausschuss der Synode, im Juli verlangt habe. Die am 4. September durch einen Bischof für Ende September einberufene Synode dagegen sei nicht rechtmäßig. Welcher Bischof diese Synode zusammengerufen hat, ist nicht bekannt. Der dienstälteste syrisch-katholische Bischof ist der 1983 geweihte emeritierte Erzbischof von Aleppo, Denys Raboula Antoine Beylouni, der dienstälteste amtierende Bischof sein 2001 gewählter Nachfolger Denys Antoine Chahda. Weder das Patriarchat noch die Erzeparchie Aleppo antworteten auf Anfragen von katholisch.de.
Die syrisch-katholische Kirche
Die syrisch-katholische Kirche ist eine von 23 katholischen Ostkirchen, die in Gemeinschaft mit dem Papst stehen. Ignatius Joseph III. Younan wurde 2009 von der Synode zum Patriarchen gewählt. Das syrisch-katholische Patriarchat von Antiochia hat seinen Sitz in Beirut im Libanon. Der Kirche gehören weltweit etwa 120.000 Gläubige an, die vor allem im Libanon, in Syrien und im Irak leben. Etwa 2.500 syrisch-katholische Gläubige leben in Deutschland.
Besondere Brisanz hat der Streit um den Synodentermin durch eine wenige Wochen alte Gesetzesänderung: Bis dahin war der Papst der Einzige, der einen ostkirchlichen Patriarchen seines Amtes entheben konnte. Ende August änderte Papst Leo XIV. aber das Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen, den CCEO, an einer entscheidenden Stelle: Mit dem Motu proprio "Mutua concordia" ermöglichte er es den Synoden der Kirchen, ihrem Patriarchen das Misstrauen auszusprechen. Tritt der Patriarch nicht selbst zurück, kann die Synode mit Zweidrittelmehrheit die Absetzung beschließen. Wirksam wird die Amtsenthebung durch die Zustimmung des Papstes.
Patriarch appelliert an Geist der brüderlichen Liebe
Younan appelliert an die Bischöfe seiner Kirche, "im Geist der Gemeinschaft und brüderlichen Liebe" an der von ihm für den November einberufenen Synode teilzunehmen. "Seine Seligkeit, der Patriarch, bleibt jederzeit offen und bereit für jede Meinung, jeden Dialog, jede offene Diskussion und jede brüderliche Begegnung – zum Wohl der Kirche und zum Heil der Seelen –, sei es während, vor oder nach der Synode", so die Erklärung.
Dass es in der syrisch-katholischen Kirche brodelt, wurde Mitte September bekannt. Das italienische Online-Medium "La Nuova Bussola Quotidiana" berichtete als erstes über die konkurrierenden Synoden. Schon seit geraumer Zeit gebe es ein Ringen um die Macht in der katholischen Ostkirche mit Sitz im Libanon. Unter anderem habe es Missstimmungen gegeben, weil die Bischöfe drei Jahre lang vergeblich versucht hätten, ihren Patriarchen zur Einberufung einer Synode zu bewegen.
Kurz nach der Veröffentlichung in Italien, am 17. September, äußerte sich das Patriarchat erstmals, blieb aber kryptisch. Das Patriarchat betonte, dass "präzise, genaue und korrekte Fakten und Informationen" über den Patriarchen und seinen Sitz ausschließlich von der offiziellen Webseite des Patriarchats bezogen werden könnten: "Dementsprechend weist das Patriarchat alle bisherigen und potenziellen zukünftigen Schriften, Gerüchte, Behauptungen, Erfindungen und Lügen zurück, die die öffentliche Meinung in die Irre führen und Tatsachen verzerren, die sonnenklar sind." Indes: Was genau das Patriarchat nun zurückwies, ging aus der Erklärung nicht hervor. Lediglich, dass es um die Einberufung der Synode geht, wurde bestätigt: Der Patriarch habe, wie mit der Ständigen Synode vereinbart, eine Synode einberufen und sich mit ihr auch auf den November-Termin verständigt. Von einer alternativen Synode ist in der Erklärung keine Rede.
Schon früher gab es Unzufriedenheit mit ostkirchlichen Oberhäuptern
Der Zeitpunkt der Einberufung dieser Gegensynode ist wohl kein Zufall. Die italienische Berichterstattung erklärte ihn mit der kurz zuvor vorgenommenen Änderung des Ostkirchenrechts. Aus welchem Antrieb der Papst diese Änderung des Ostkirchenrechts verfügt hat, ist nicht bekannt. Sein Motu proprio begründete Leo XIV. damit, dass die Zuständigkeit der Synoden für das Absetzungsverfahren die innere Autonomie der Ostkirchen stärke. Konkrete Fälle nannte er nicht – auch wenn mindestens zwei Personalien in der jüngeren Vergangenheit vor Augen stehen, in denen Konflikte zu einem Misstrauensvotum der Synoden gegen ihr Oberhaupt hätten führen können, hätte es die Möglichkeit gegeben.
Erst kürzlich nahm Papst Leo XIV. den Rücktritt eines anderen Patriarchen an: Kardinal Raphael Louis Sako, Oberhaupt der Chaldäer, musste im Frühjahr gehen.
2023 nahm Papst Franziskus den Rücktritt von Kardinal George Alencherry an. Als Großerzbischof war er Oberhaupt der syro-malabarischen Kirche, zwar nicht mit dem Titel eines Patriarchen, rechtlich aber in fast allen Belangen einem Patriarchen gleichgestellt. Konkreter Anlass schien der Streit um die Liturgie zu sein, der die syro-malabarische Kirche über Jahre spaltete. Aber nicht nur deshalb gab es Probleme: Der Großerzbischof war in einen Immobilienskandal verwickelt; ihm wurde die Verantwortung für Millionenverluste durch Immobiliengeschäfte im Großerzbistum Ernakulam-Angamaly vorgeworfen. Die Synode hatte Alencherry 2018 daher zwar die Leitung der administrativen und wirtschaftlichen Angelegenheiten des Großerzbistums entzogen. Absetzen konnte sie ihn aber nicht. Papst Franziskus indes entmachtete ihn im selben Jahr faktisch, indem er die Jurisdiktion über das Großerzbistum einem Apostolischen Administrator "sede plena", also einem Verwalter bei besetztem Bischofsstuhl, übertrug.
Der zweite Fall betrifft die chaldäische Kirche: Erst im März nahm Papst Leo XIV. den Rücktritt des chaldäischen Patriarchen, Kardinal Louis Raphaël I. Sako, an. Mit 77 Jahren hatte er zwar schon das reguläre Rücktrittsalter erreicht, nicht aber das Alter von 80 Jahren, bis zu dem Kardinäle im Konklave wahlberechtigt sind und das deshalb in der Vergangenheit das Alter war, in dem Kardinäle als Diözesanbischöfe abtraten. Der Rücktritt des seit 2013 amtierenden Patriarchen der Chaldäer wurde am selben Tag angenommen wie der Rücktritt des chaldäischen Bischofs von San Diego, Emanuel Hana Shaleta, dem die Veruntreuung von 270.000 US-Dollar (etwa 240.000 Euro) seiner Gemeinde vorgeworfen wird. Shaleta gilt als Vertrauter Sakos und wurde am Flughafen von San Diego verhaftet – anscheinend wollte er sich in den Irak absetzen, wo die chaldäische Kirche ihren Sitz hat. Nicht nur wegen dieser Affäre schien der Rückhalt Sakos bei seiner Synode zu schwinden; sein Kurs einer stärkeren Annäherung an die Westkirche zulasten des ostkirchlichen Erbes seiner Kirche war zuletzt umstritten.
Schwere Vorwürfe gegen den Ostkirchen-Präfekten
Trotz dieser Präzedenzfälle kann die schnelle Abfolge der Änderung des Kirchenrechts und der Einberufung der Abberufungssynode kaum zufällig sein. Patriarch Younan selbst scheint von einer Intrige auszugehen, an der nicht nur die Bischöfe seiner Kirche beteiligt sind. Gegenüber dem US-amerikanischen Medium "The Pillar" warf Younan in der vergangenen Woche dem Präfekten des Ostkirchen-Dikasteriums, Kardinal Claudio Gugerotti, vor, die Gesetzesänderung orchestriert zu haben, um ihn aus dem Amt drängen zu können. Hintergrund sei ein Streit mit dem langjährigen Prokurator der syrisch-katholischen Kirche in Rom, Bischof Flaviano Rami Al-Kabalan, den Younan zurück in den Libanon beordert habe. Al-Kabalan habe sich dieser Order aber widersetzt und stattdessen gegen ihn intrigiert – eine Vorlage, die Gugerotti nur zu gern aufgenommen habe.
Claudio Gugerotti ist Präfekt des Ostkirchen-Dikasteriums. Patriarch Younan erhebt schwere Vorwürfe gegen ihn.
Angeblich seien die meisten Patriarchen katholischer Ostkirchen mit der Amtsführung des seit 2022 amtierenden Präfekten unzufrieden, und angeblich versuche der daher mehr oder weniger offen seit Jahren, einige der Patriarchen abzusetzen. Gugerotti soll zu autoritär vorgehen und die Autonomie der selbstbewussten Ostkirchen nicht angemessen achten, heißt es. Die Gesetzesänderung durch den Papst sei daher ein Erfolg seiner Bemühungen, ein Werkzeug gegen allzu selbstbewusste Patriarchen zu haben. Das Ostkirchen-Dikasterium kommentierte die Vorwürfe des Patriarchen bislang nicht.
Für die syrisch-katholische Kirche stehen jetzt heiße Tage und Wochen an: Wie viele Bischöfe werden die Einladung zu der Synode Ende September annehmen? Schon die Teilnahme stellt einen Affront gegen den Patriarchen dar, der diese Synode als illegitim betrachtet. Wie viele Bischöfe warten auf die vom Patriarchen einberufene Synode im November? Und wie wird sich Papst Leo XIV. verhalten, wenn die September-Synode die nötige Mehrheit zur Abberufung erreichen sollte? Sein Motu proprio überschrieb Leo mit den Eingangsworten "Mutua concordia", "Gegenseitige Eintracht". In der syrisch-katholischen Kirche herrscht gerade das genaue Gegenteil – nicht zuletzt durch "Mutua concordia".