Das aktuelle Bischofstreffen anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Veröffentlichung des Papst-Schreibens "Amoris Laetitia" ist laut Martin M. Lintner wichtig zur Einschätzung kirchlicher Strömungen. Es werde sich zeigen, ob die Gegenreaktionen auf "Amoris laetitia" und "Fiducia supplicans" letztlich "gut konzertierte Aktionen einer eher kleinen, aber einflussreichen Gruppe" sind, oder ob sie tatsächlich die Bedenken weiter Teile der Weltkirche widerspiegeln, sagte der Moraltheologe im am Dienstag veröffentlichten Interview des Münsteraner Portals "Kirche und Leben".
Aus Sicht des Professors für Moraltheologie und Spirituelle Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen (Südtirol) sollte das Bischofstreffen zu Ehe und Familie im Vatikan (6.-14. Oktober) bisher nicht umgesetzte Themen des nachsynodalen Schreibens besprechen. So sei der Leitfaden "Katechumenale Wege für das Eheleben" des Dikasteriums für die Laien, die Familie und das Leben noch kaum rezipiert worden.
Franziskus hat Problemstau gelöst
Lintner bilanzierte zum Jubiläum des Dokuments, Papst Franziskus sei es mit "Amoris laetitia" gelungen, einen Problemstau aufzulösen und eine konstruktive Debatte in Bezug auf "sensible Fragen der pastoralen Begleitung von Menschen in sogenannten 'irregulären' Situationen zu ermöglichen".
Franziskus habe die Diskrepanz zwischen der offiziellen Position des Lehramts und der konkreten Pastoral "nüchtern und realistisch wahrgenommen", analysierte der Theologe. Dieser Widerspruch habe "nicht nur der Glaubwürdigkeit der Kirche geschadet, sondern auch zu einer zweigleisigen Pastoral geführt". Viele Betroffene, die sich von der Kirche verurteilt fühlten, seien der Kirche ferngeblieben. Papst Franziskus habe "Amoris laetitia" nach zwei Bischofssynoden mit der Rückendeckung einer großen Mehrheit der Bischöfe geschrieben.
Umsetzung offen
Laut Lintner ist "Amoris laetitia" auch zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung theologisch und pastoral noch nicht ausreichend aufgenommen worden. Der Blick der Kirche auf Ehe und Familie sei zwar realistischer geworden und der pastorale Umgang entspannter. Doch habe das Dokument bisher "die breiten gesellschaftlichen und auch kirchlichen Entwicklungen im Bereich Ehe und Familie nicht nachhaltig verändert".
Kritik übte Lintner an der auf "Amoris laetitia" folgenden Erklärung "Fiducia supplicans", in der es um die mögliche Segnung von Menschen in "irregulären Partnerschaften" geht: "'Fiducia supplicans' hat meines Erachtens letztlich mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet", sagte der Theologe. Auch sei er davon überzeugt, dass die Aussage in "Amoris laetitia", dass "es keinerlei Fundament dafür gibt, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn", so nicht stehen bleiben könne. (KNA)