Kolumne: Unterwegs zur Seele

Worin liegt der Sinn des Lebens – auch in der Krise?

Aktualisiert am 16.04.2020  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Existenzielle Fragen stellen Menschen sich nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie. Durch alle Zeiten haben sie versucht Antworten darauf zu finden, schreibt Brigitte Haertel. Mit dieser Suche haben auch Spiritualität und Glaube etwas zu tun.

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In einer Zeit ungewohnter Einschränkungen beschäftigen die Menschen sich zwangsläufig mit sogenannten Sinnfragen. Nun sind diese Fragen ja so alt wie die Menschheit selbst und nicht erst mit dem Corona-Virus hochgekocht: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Existiert Gott oder ein Leben nach dem Tod? Und was ist ein sinnhaftes Leben? Kein Mensch konnte diese Fragen je allgemeingültig beantworten, aber kaum ein Mensch kommt auch um sie herum – von Zeit zu Zeit.

Nichtreligiöse Ansichten nach dem Sinn des Lebens liefert die Philosophie seit Jahrtausenden: Die Antike entdeckte ihn, je nach Schule, in der Erlangung der Glückseligkeit, der Seelenruhe, den höchsten Sinnesfreuden oder der Weisheit. Auf einen eher individuellen Lebenssinn besann sich das Mittelalter und sah den Menschen in der persönlichen Nachfolge Jesu Christi und der mystischen Vereinigung mit Gott als sein Lebensziel, ein Denken, das bis in die Neuzeit hineinreichte.

Erst die Aufklärung begann, die auf Frömmigkeit und Tradition basierende Autoritätsgläubigkeit zu hinterfragen. So forderte Immanuel Kant, der Mensch solle sich freiwillig den moralischen Gesetzen unterwerfen, Schopenschauer erkannte im menschlichen Leben das Prinzip des Willens als Lebenssinn, und Friedrich Nietzsche stützte sich auf den Nihilismus, der das Dasein ohne Sinn und Ziel propagiert.

In der Gegenwart ist eine Sinnkrise zu beobachten

Was sagt die Gegenwart? Befeuert durch die Angst vor globalen Kriegen, Klimawandel und Artensterben und neuerdings durch die Seuche, aber auch durch den Verlust des Glaubens ist eine Sinnkrise zu beobachten. Wenn überhaupt ein Sinn erkennbar sei, so postmoderne Denker, dann sei er mit dem Sinn der kosmischen Evolution verknüpft.

In Anlehnung an die Antike, und mehr noch an den Philosophen und Dominikaner Thomas von Aquin definiert hingegen die Neuscholastik den Sinn des Lebens in der Erkenntnis des Wahren und dem Tun des Guten, letztlich zur Ehre Gottes. Voraussetzung dafür ist der Glaube, der allgemein als sinnstiftend angesehen wird. Aber ist er das auch?

Die Haende einer betenden jungen Frau in Nahaufnahme
Bild: ©Harald Oppitz/KNA (Symbolbild)

Gottverehrung und Glaube als Lebenssinn – gilt das heute für alle Menschen in ihrem ständigen Lebenskampf?

Ein Blick auf die zwei anderen monotheistischen Religionen bezeugt: Auch im Islam liegt der Sinn des Lebens "allein in der Verehrung Gottes und in der vollkommenden Ergebenheit seines Willens." Und das Judentum begreift den Sinn des Lebens in der "Einhaltung der göttlichen Gesetze, in der Ehrfurcht vor Gott und seinem Willen."

Gottverehrung als Lebenssinn? Für wen mag das heute zutreffen? Für ein paar Mystiker vielleicht, für tanzende Derwische, fromme Eremiten. Für alle anderen Menschen in ihrem beständigen Lebenskampf wohl eher weniger.

Schon in der Fragestellung liegen Probleme und Zweifel

Womöglich liegen bereits in der Fragestellung eine Problematik und auch der Zweifel daran, ob eine vernünftige Antwort überhaupt möglich ist. Der Philosoph Günther Anders schrieb dazu: "Warum setzen wir eigentlich voraus, dass ein Leben, außer da zu sein, auch noch etwas haben müsste, eben das, was wir Sinn nennen?" Die Gegenwart ist nun einmal auf Sinn fixiert, die Empfindung von Sinnlosigkeit ernährt ganze Armeen von Psychotherapeuten.

Der Mensch muss sich auf die Suche machen, will er Sinn finden, und wieder einmal hat er die Wahl: er kann die Frage beiseiteschieben oder einen spirituellen Weg beschreiten, sich einer Philosophie oder einem geistigen Vorbild oder einer Glaubensgemeinschaft anschließen. Der Glaube kann Trost und Halt schaffen, er kann beitragen zur Akzeptanz des Lebens und seiner Unbegreiflichkeit – ob er Sinn stiften kann, muss jeder für sich herausfinden.

Von Brigitte Haertel

Die Autorin

Brigitte Haertel ist Redaktionsleiterin von "theo – Das Katholische Magazin".

Hinweis: Der Artikel erschien zuerst im "theo"-Magazin.