Regina Polak hat den österreichischen Bericht zum synodalen Prozess mitverfasst

Pastoraltheologin: Frauen müssen zentrales Thema bei Weltsynode sein

Aktualisiert am 18.11.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Der Vatikan hat für seinen synodalen Prozess Rückmeldungen aus aller Welt erhalten. Für Österreich war die Pastoraltheologin Regina Polak am entsprechenden Beitrag beteiligt. Mit katholisch.de spricht sie über Missbrauch, den Ablauf des synodalen Prozesses in ihrem Land und sagt, warum für sie die Frauenweihe keine Priorität hat.

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Die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak gehört dem "nationalen Synodenteam" in Österreich an. Sie hat beim synodalen Prozess mitgewirkt und den abschließenden Bericht für den weltweiten synodalen Prozess miterarbeitet. Mit katholisch.de spricht sie über den Ablauf des Prozesses in Österreich und deren Ergebnisse. Die Pastoraltheologin erklärt zudem, warum sie für klare Richtlinien in der Pastoral ist und die Weihe von Frauen für sie nicht an erster Stelle steht.

Frage: Frau Polak, in einer österreichischen Zeitung wurden Sie als "Mutmacherin" der Bischöfe bezeichnet. Stimmt das?

Polak: Diese Formulierung ist nicht von mir. Ich glaube auch, dass nicht alle österreichischen Bischöfe das so sehen. Ich will eher eine Mutmacherin für meine ganze Kirche sein.

Frage: Sie sagen bewusst "meine Kirche"?

Polak: Ja, denn ich bin in dieser Kirche Christin geworden und ich verdanke ihr viel. Durch meine Arbeit bekomme ich Einblicke in viele geistige und geistliche Lebenserfahrungen. Das sind für mich die Schätze der Kirche. Und diese Schätze will ich weitergeben. Gleichzeitig kann ich auch eine kritische Distanz einnehmen und Dinge ansprechen, die heikel und schwierig sind.

„Daraufhin meinte dieser Mensch: "Das hat eh jeder gewusst vom Groër." Ich habe darauf gefragt: "Und wieso wird so jemand dann Bischof?"“

—  Zitat: Regina Polak, Pastoraltheologin

Frage: Weil sie von Schwierigkeiten sprechen. Ich erinnere mich an den Missbrauchsskandal um den ehemaligen Wiener Erzbischof Hans Hermann Groër. Wie haben Sie das damals erlebt?

Polak: Ich erinnere mich noch sehr genau daran. Es war 1995 und damals war ich im Jungscharbüro der Erzdiözese Wien beschäftigt, das ist eine kirchliche Verbandsarbeit für Kinder. Ich stand gerade im Büro, als die Nachricht über das Radio kam. Der damalige Wiener Erzbischof Groër soll Ministranten missbraucht haben. Mir ist die Kinnlade runtergefallen, als ich das gehört habe. Ich war schockiert. Ich wusste zwar schon, dass es Missbrauchsbetroffene in der Kirche gibt, aber dass auch Bischöfe Täter sein können, war mir neu. Zufällig stand damals auch eine Person neben mir im Büro, deren Namen ich jetzt nicht nenne. Und diese Person begann zu lachen. Ich habe gefragt, was es denn jetzt zu lachen gäbe. Daraufhin meinte dieser Mensch: "Das hat eh jeder gewusst vom Groër." Ich habe darauf gefragt: "Und wieso wird so jemand dann Bischof?" Das sagt so viel über kirchliche Kultur und Strukturen.

Frage: Was meinen Sie?

Polak: Es hat mich schockiert, dass angeblich viele von den Missbrauchsfällen gewusst haben und sich scheinbar niemand bemüht hat, die Weihe Groërs zu verhindern. Diese Kultur des Wegschauens haben wir bis heute in der Kirche. Missbrauch ist nicht nur ein Problem von einzelnen Persönlichkeiten, sondern ein Systemproblem. Dazu gehört auch eine falsch verstandene Loyalität, die den Täter im Namen einer irregeleiteten Barmherzigkeit schützt. Aber durch diesen Skandal konnte die Aufarbeitung von Missbrauch in der Kirche in Österreich früher erfolgen als etwa in Deutschland.

Frage: Das ist nun schon fast 30 Jahre her. Was hat sich seitdem getan?

Polak: Inzwischen gibt es die 3. Ausgabe der Rahmenordnung "Die Wahrheit wird Euch frei machen", mit Maßnahmen, Regeln und Orientierungshilfen gegen Gewalt und Missbrauch, diözesane Ombudsstellen etc.. Heute muss es in jeder Pfarre einen Missbrauchsbeauftragten geben. Jungscharlager müssen Präventionskonzepte vorlegen. Das gab es zu meiner Jugendzeit alles noch nicht und ist eine Folge dieser Erschütterung durch den Missbrauchsskandal damals.

Bild: ©Kathpress/Paul Wuthe

Die Pastoraltheologin Regina Polak (2.v.r.) gehört dem Synodenteam der Österreichischen Bischofskonferenz an. Im Bild zu sehen sind auch (v.l.) Peter Schipka, Generalsekretär der Österreichischen Bischofskonferenz, Franz Lackner, Erzbischof von Salzburg, Elisabeth Rathgeb, Caritasdirektorin der Diözese Innsbruck und der Gurker Bischof Josef Marketz.

Frage: Sie haben am synodalen Reformprozess in Österreich mitgewirkt. Das Thema Missbrauch wurde dort ausführlich thematisiert. Ist es damit erledigt?

Polak: Erledigt ist da gar nichts. Aber wir stehen nicht mehr am Anfang. Wo wir allerdings noch am Anfang stehen, anders als in Deutschland, ist die Frage des Umgangs mit gleichgeschlechtlichen Paaren und Menschen mit diversen sexuellen Identitäten in der Kirche. Da haben wir noch viel zu tun.

Frage: In Deutschland läuft parallel zum weltweiten Prozess noch der Synodale Weg. Als es um den Grundtext des Forums "Leben in gelingenden Beziehungen" ging, wurden auch Tränen vergossen. War der synodale Prozess in Österreich ähnlich emotional?

Polak: Nein. Unser synodaler Prozess wurde sehr heterogen interpretiert und umgesetzt. Jedes Bistum konnte selbst wählen, wie es sich einbringen wollte. Letztlich lag es dann beim jeweiligen Bischof, wie der Prozess abgelaufen ist. In manchen Bistümern gab es oft nur eine Top-Down-Umfrage durch das Ordinariat oder einzelne spirituelle Angebote bis hin zu Pressekonferenzen, in denen die Umfragen präsentiert wurden. Andere haben intensiv mit der synodalen Methode gearbeitet oder lange Entwürfe ausgearbeitet. Manche Gläubige waren sehr aktiv, und andere aus dem Binnenraum der Kirche wiederum sehr enttäuscht. Manche wollten sich auch gar nicht mehr beteiligen, weil sie erschöpft sind. Sie sagen: "Wir hatten in Österreich schon so viele Dialogprozesse und jedes Mal ohne Folgen". Diese Skepsis und das Misstrauen kann ich gut verstehen. Aber es braucht einfach Zeit, bis einzelne Themen in den Köpfen ankommen. Auch bei den Bischöfen.

„Ich mag es nicht, wenn man lokale Lösungen strickt und nicht gleichzeitig darum ringt, eine kontinentale, gesamtkirchliche Lösung für alle zu finden.“

—  Zitat: Regina Polak, Pastoraltheologin

Frage: Manche Ortsbischöfe in Deutschland erlauben Laien zu predigen, zu beerdigen, zu taufen und vielleicht auch bald bei der Ehe zu assistieren. Wie sehen Sie das?

Polak: Ich denke, da macht man es sich zu einfach. Ich mag es nicht, wenn man lokale Lösungen strickt und nicht gleichzeitig darum ringt, eine kontinentale, gesamtkirchliche Lösung für alle zu finden. Ich halte es für eine enorme Stärke der Kirche, dass es ein Kirchenrecht gibt. Es muss klare Regelungen geben, auch für die Freiräume des Experimentierens. Und das sollte in Absprache mit der Weltkirche geschehen. Diesbezüglich ist der synodale Prozess eine große Chance. Dabei werden im Arbeitsdokument aber auch viele Spannungen erkennbar. Diese Spannungen muss man nun diskutieren und sie als belebende Kraft verstehen, damit sie nicht zu Spaltungen führen. Sonst verraten wir unsere Sendung.

Frage: Was meinen Sie damit?

Polak: Wie soll man an eine Kirche glauben, wenn sie sich für Frieden, Solidarität, Gemeinschaft und Gerechtigkeit einsetzen will, und es nicht mal im Innersten schafft ihre Konflikte schöpferisch auszutragen? Ich finde, wir könnten anderen zeigen, ganz im Sinn von Lumen Gentium 1, wie man in einer zerstrittenen Welt miteinander Konflikte und Spannungen diskutieren und lösen kann. Den Stil und die Haltung des Zuhörens finde ich dabei enorm wichtig. Das müssen wir einüben. Ich glaube, das ist auch einer der Gründe, warum Papst Franziskus den synodalen Prozess verlängert hat. Mit der Synode selbst will er in der Linie des Zweiten Vatikanums einen geistlichen Prozess in Gang bringen, in dem wir gemeinsam herausfinden, was die Sendung der Kirche im 21. Jahrhundert ist.

Bild: ©Kathpress/Paul Wuthe

Bei einer Pressekonferenz wurden in Wien am 21. September die Ergebnisse des österreichischen synodalen Prozesses präsentiert (v.l.n.r.): von der Wiener Pastoraltheologin Regina Polak, Erzbischof Franz Lackner, dem Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz, und der Innsbrucker KPH-Rektorin Petra Steinmair-Pösel.

Frage: Aber allein der Zugang von Frauen zur Weihe und die damit verbundenen Ämter sind doch längst überfällig …

Polak: Das Frauenthema war auch in Österreich sehr präsent im synodalen Prozess. Das wird auf kontinentaler und weltkirchlicher Ebene ein zentrales Thema werden müssen. Weltweit ist mehr Partizipation und Entscheidungsmacht für Frauen erwünscht. Ich weiß, dass es im deutschsprachigen Raum für viele wichtig ist, dass Frauen möglichst rasch ein sakramentales Amt erhalten. Aber zum einen ist das weltkirchlich keinesfalls einhellige Meinung, zum anderen ist es nicht das einzige Thema, das wir in der Kirche haben. Da gibt es noch paar andere Themen, die auch wichtig sind.

Frage: Welche Themen sehen Sie als drängender an?

Polak: Wir sind in einer globalen Krise. Uns brennt ökologisch der Hut. Wir erleben Kriege, Umweltkatastrophen, globale Armut, viele Christen leben in Verfolgung. Es gibt Menschenhandel, es gibt Frauenhandel. Es gibt Frauen, die von Armut betroffen sind. Ich wünsche mir, dass wir auch mehr darauf schauen. Ich sitze gerade in meiner schönen warmen Wohnung und woanders auf der Welt kämpfen Frauen ums Überleben. Das bereitet mir mehr Sorgen als die Frage nach dem Zugang von Frauen zu kirchlichen Ämtern.

Frage: Braucht es vielleicht ein Drittes Vatikanisches Konzil, um all diese Themen anzugehen?

Polak: Oh nein. Wir haben nicht einmal das 2. Vatikanum ordentlich implementiert. Es kann bis zu 100 Jahren dauern, bis ein Konzil bei den Leuten ankommt, sagen mir Historiker. Das ist ein langer historischer Prozess. Wir brauchen noch ein paar Jahrzehnte, bis ein neues Konzil stattfinden kann. Bis dahin wünsche ich mir aber einen synodalen Prozess, der das Konzil weiter führt und an dem sich alle intensiv beteiligen, damit in Rom dann gute Entscheidungen fallen können. 

Frage: Waren Sie bei der Übergabe der österreichischen Ergebnisse in Rom dabei?

Polak: Nein.

Frage: Wenn Sie Papst Franziskus treffen würden, was würden Sie ihm sagen?

Polak: Ich würde ihm sagen, dass ich den synodalen Prozess und seine spirituelle und weltkirchliche Ausrichtung ausgezeichnet finde. Ich finde es auch gut, dass der Prozess um ein Jahr verlängert wurde. Jetzt haben wir noch mehr Zeit, um zu lernen, was Synodalität bedeutet. Und alle Anliegen, die nun weltkirchlich entschieden werden sollen, können in Rom gesammelt werden. Aber dann müssen Entscheidungen fallen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, wir sind damit nur beschäftigt worden und dann passiert wieder nichts. Denn dann hätten wir ein Riesenproblem. Die Leute laufen uns dann wirklich davon. Daher rate ich all unseren Bischöfen dringend, entsprechende diözesane Prozesse in Gang zu setzen, damit der Synodale Prozess in Österreich beherzt weitergehen kann. Denn die Bischöfe sollten "Mutmacher" der Gläubigen sein.

Von Madeleine Spendier

Nationale Synthese zum synodalen Prozess

Hier geht es zu den Ergebnissen des synodalen Prozesses in Österreich.