Standpunkt

Gebt uns die Theologiestudierenden zurück!

Aktualisiert am 19.01.2023  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Seit mehr als zehn Jahren will kaum noch jemand Theologie studieren – mit fatalen Folgen, kommentiert Oliver Wintzek. Theologie sei mehr als pastorales Handwerkszeug, sondern unverzichtbare Orientierungskompetenz.

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Theologie ist ein Orchideenfach. Die Zahlen der Studierenden sind übersichtlich. Was man namentlich seit 2010 beobachten kann, ist ein Desaster: Einschreibungen zum Theologiestudium brechen erdrutschartig ein. Das hat Gründe, die in der Selbstdemontage der Kirche liegen, deren Ansehen am Nullpunkt angekommen ist. Hinzu kommen unattraktive Anstellungsverhältnisse: Seelsorger*innen finden sich als administrative Nachlassverwalter vor, werden mit dem Image einer verbrecherischen Vertuschungsinstanz gleichgesetzt, auch wenn sie damit nichts zu tun haben, oder sehen sich oft zu einem Doppelleben genötigt, auch wenn die Reform der Grundordnung des kirchlichen Arbeitsrechts ein Schritt in die richtige Richtung ist.

Händeringend sucht man in diözesanen Verwaltungen nach Personal. Der in allen Berufsgruppen zu beobachtende Aderlass kommt einem rasant beschleunigten Teufelskreis gleich. Mir geht es nicht so sehr um die Rekrutierung neuer Mitarbeiter*innen, sondern darum, dass die Stimme einer aufgeklärt-kritischen Theologie im öffentlichen Raum nicht verstummt. Theologie ist mehr als pastorales Handwerkszeug, Theologie ist unverzichtbare Orientierungskompetenz in puncto frei vagabundierender und deshalb ideologisch anfälliger Religiosität. Sie sperrt sich gegen eine Reduktion des Menschen auf fatale Maximierungen, seien sie ökonomischer, politischer oder sonst wie verzweckender Art.

Dazu braucht es man- und womanpower, Studierende wie Dozierende. Beide Spezies nähern sich dem Aussterbenden. Deswegen: Gebt uns die Theologiestudierenden zurück! Dieser Appell richtet sich an die Blockadefraktion innerhalb der Kirche, die all dies sehenden Auges in Kauf nimmt. Der Preis wäre hoch: Sterben der Fakultäten und Hochschulen, Todschrumpfen kirchlicher Präsenz, die sich gegen eine Versektung und Verzwergung stemmt, völliger Relevanzverlust in unserer ambivalenten Gegenwart und allenfalls ein "heiliger Rest", der nur noch das Licht ausmachen kann.

Von Oliver Wintzek

Der Autor

Oliver Wintzek ist Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Katholischen Hochschule in Mainz. Zugleich ist er als Kooperator an der Jesuitenkirche in Mannheim tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.