Geistlicher leitet seit 25 Jahren Katholisches Büro in Berlin

Lobbyist für Gott und Menschen: Karl Jüsten feiert Dienstjubiläum

Veröffentlicht am 01.03.2025 um 12:00 Uhr – Von Birgit Wilke (KNA) – Lesedauer: 5 MINUTEN

Berlin ‐ Im hektischen politischen Berlin ist er eine Konstante: Seit 25 Jahren leitet Karl Jüsten das Katholische Büro bei der Bundespolitik. Mit CDU-Chef Friedrich Merz dürfte er nun den vierten Kanzler seiner Amtszeit erleben.

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Ob Karl Jüsten in seinem Büro arbeitet, ist für Beobachter unschwer an seinem schwarzen Motorroller zu erkennen: Steht das Gefährt davor, sind die Chancen groß, ihn in der Hannoverschen Straße in Berlin-Mitte anzutreffen. Fehlt er, ist Jüsten vermutlich unterwegs – oft irgendwo im Bundestag, in einem der Ministerien oder im Kanzleramt.

Der 63-jährige Geistliche ist der Verbindungsmann der katholischen Kirche zur Bundespolitik. Oder wie er selbst sagt: "Lobbyist für Gott und die Menschen". In diesen Tagen feiert er ein kleines Dienstjubiläum: Seit 25 Jahren vertritt Jüsten die Anliegen der Kirche gegenüber Parlament und Regierung – und damit länger als jeder seiner fünf Vorgänger seit 1950. Mit CDU-Chef Friedrich Merz dürfte er bald den vierten Kanzler in seiner Amtszeit erleben.

Der Prälat – so seine offizielle katholische Amtsbezeichnung – und seine 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind gefragt, wenn es um Stellungnahmen und Anhörungen zu Gesetzentwürfen geht – sei es zum Bürgergeld, zur Migration, zu ethischen Themen wie Abtreibung oder Sterbehilfe, aber auch zu familienpolitischen Vorhaben, Bildungsfragen, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik.

"Mit guten Sachargumenten überzeugen"

Nicht selten kontaktieren Ministerien das Katholische Büro bereits im Vorfeld zu bestimmten Projekten – lange bevor ein fertiger Entwurf vorliegt. Oder Abgeordnete kommen vor einer Abstimmung auf Jüsten zu, wenn es um eine Gewissensentscheidung geht.

"Unser Themenspektrum ist groß – im Gegensatz zu anderen Interessenvertretern wie Gewerkschaften", so der Geistliche. Dadurch habe sein Büro immer wieder mit unterschiedlichen Ministerien zu tun. Auch das mache den Reiz der Arbeit für ihn und sein Team – darunter allein sechs Juristen – aus. Die Aufgabe fasst er so zusammen: "Wir wollen vor dem Hintergrund unseres kirchlichen Auftrags mit guten Sachargumenten überzeugen." Bei Problemen helfe da oft der kurze Draht, ein schneller Anruf bei einer Ministerin oder einem Fraktionsvorsitzenden. Wie viele Kontakte in seinem Handy abgespeichert sind, verrät er nicht. Sicher werden in den nächsten Wochen bei der Regierungsbildung etliche neue dazukommen.

Papiertasche mit AfD-Logo
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Symbolbild)

Zur AfD unterhält das Katholische Büro in Berlin keine Kontakte.

Dabei war dieser Karriereweg für Jüsten keineswegs vorgezeichnet: Der gebürtige Rheinländer (aus Bad Honnef bei Bonn), der Theologie studierte und zum Thema "Ethik und Ethos der Demokratie" promovierte, strebte zunächst eine akademische Laufbahn an, als zur Jahrtausendwende ein neuer Leiter für das Katholische Büro gesucht wurde. Dieser sollte zudem bereit sein, vom katholischen Rheinland an die Spree zu ziehen. Drei Tage Bedenkzeit bat Jüsten sich aus, um dann aber mit voller Überzeugung zuzusagen.

Bereut hat er diesen Schritt nicht – "wenngleich mein Herz immer noch höher schlägt, wenn der Zug über die Brücke zum Kölner Dom fährt", wie er bekennt. Und wenngleich zu seinen Aufgaben auch gehört, bei "krisenhaften Situationen", wie er sie bezeichnet, zu helfen. Etwa als 2009 der damalige Papst Benedikt XVI. den Holocaust-Leugner und Traditionalisten-Bischof Richard Williamson rehabilitierte und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihn dafür maßregelte.

"Gott und das Evangelium in der Politik zur Sprache zu bringen"

Hoch schlugen die Wellen auch vor einigen Wochen, als das Katholische zusammen mit dem Evangelischen Büro in einer Stellungnahme ein Vorhaben der Union für eine verschärfte Migrationspolitik kritisierte und in einem Begleitschreiben davor warnte, eine Zustimmung mit AfD-Beteiligung in Kauf zu nehmen. In solchen Momenten fackelt Jüsten nicht lange und sucht das persönliche Gespräch, innerhalb wie außerhalb der Kirche, um die kirchenpolitische Sicht deutlich zu machen und zugleich mögliche Missverständnisse zu klären.

Bei alldem kommt es Jüsten zugute, dass es ihm leicht fällt, auf politische Spitzenvertreter gleich welcher Couleur zuzugehen. Eine Ausnahme bildet die AfD, zu der das Büro keine Kontakte unterhält. In einem vor einem Jahr verabschiedeten Papier hatten die Bischöfe erklärt, dass der von der Partei vertretene völkische Nationalismus nicht mit dem Christentum vereinbar sei. Mit Sorge blicken die Kirchen daher auch jetzt darauf, dass die AfD ihr Ergebnis mit gut 20 Prozent verdoppeln konnte.

Den Leiter des Büros nur als Interessenvertreter unter den vielen Lobyyisten in Berlin zu verstehen, wäre aber falsch aus Jüstens Sicht. Ihm gehe es immer auch darum, "Gott und das Evangelium in der Politik zur Sprache zu bringen", etwa beim Gottesdienst zum Auftakt der Legislaturperiode. Und er hat stets ein offenes Ohr, wenn sich Abgeordnete bei Problemen oder persönlichen Krisen an ihn wenden. Das gelte bei "Seelsorge-Dingen" oder der Teilnahme an Gottesdiensten selbstverständlich auch für Abgeordnete der AfD.

Von Birgit Wilke (KNA)