Er wollte kein Doppelleben führen und trotzdem in der Kirche arbeiten

Wenn die Liebe stärker ist – Erst Pfarrer, dann Pastoralreferent

Veröffentlicht am 31.03.2025 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 7 MINUTEN

Bonn ‐ Einige Jahre lang war Karl-Martin Steinhauser katholischer Pfarrer – bis er sich verliebte. Weil der Zölibat für ihn nicht mehr lebbar war und er kein Doppelleben führen wollte, zog er die Konsequenzen. Doch der Weg zu seinem heutigen Beruf war nicht einfach.

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Das Foto bewegt. Innig schmiegen sich Karl-Martin Steinhauser und seine Frau mit ihrem gemeinsamen Kind aneinander. "Unsere Liebe hat gesiegt", sagt der 57-jährige Theologe. Aufgenommen wurde das Bild an dem Tag, an dem Steinhauser in der Kirchengemeinde Riedlingen bei Biberach als neuer Pastoralreferent in seinen kirchlichen Dienst eingeführt wurde. Das wäre nichts Ungewöhnliches. Doch Steinhauser arbeitete früher in der Diözese Rottenburg-Stuttgart als Pfarrer. Und katholische Priester sind nicht verheiratet, weil sie bei ihrer Weihe versprechen, ehelos zu leben. Als sich Steinhauser damals in seine heutige Frau verliebte, wollte er von Anfang offen und ehrlich mit der Beziehung umgehen.

Schon immer war Steinhauser der Glaube wichtig. Aufgewachsen ist er in Biberach. Als Jugendlicher engagierte er sich in seiner Kirchengemeinde und erlebte einen Vikar, der ihn inspirierte. Dann machte Steinhauser, ähnlich wie sein Vater, eine Ausbildung zum Beamten im gehobenen Verwaltungsdienst und arbeitete im Biberacher Landratsamt. Später studierte er an der Hochschule der Salesianer Don Boscos in Benediktbeuern Theologie und Philosophie und beschloss, Priester zu werden. 2003 war seine Priesterweihe. Das war ein großes Fest, erinnert sich Steinhauser. Auch seine Eltern waren dabei. Den Zölibat, also die Verpflichtung als Priester ehelos zu leben, nahm er damit bewusst in Kauf, berichtet Steinhauser. Damals war er 36 Jahre alt. Nach dem Diakonat in Schramberg und den vier Vikarsjahren in Rechberghausen und Schwenningen, übernahm er eine Pfarrerstelle in Sankt Johannes in Dürmentingen bei Riedlingen und zog ins Pfarrhaus ein. Drei Jahre lang arbeitete er dort. "Ich mochte meinen Beruf sehr", sagt der frühere Pfarrer.

Dann lernte er seine heutige Frau Mirette kennen. Sie kommt ursprünglich aus Alexandria in Ägypten, ist Koptin und besuchte regelmäßig die Gottesdienste in seiner Gemeinde. "Ich habe mich einfach in sie verliebt", gesteht Steinhauser. Bald stellte er jedoch fest, dass der Zölibat für ihn als Priester nicht mehr lebbar war. Seine Gefühle verstecken oder heimlich leben müssen, das konnte Karl-Martin Steinhauser nicht. Das teilte er daher den zuständigen Personalverantwortlichen in Rottenburg mit. Diese reagierten verständnisvoll und empfahlen dem verliebten Priester erst eine Zeit des Nachdenkens in Form einer Auszeit im Recollectio-Haus der Benediktinerabtei in Münsterschwarzach. Den Aufenthalt dort ermöglichte ihm die Diözese Rottenburg-Stuttgart. "Ich sollte meine Gefühle klären und meine Berufung überdenken", blickt Steinhauser zurück. Mit dem damaligen Leiter der Einrichtung, Wunibald Müller, führte er bestärkende und klärende Gespräche. Zehn Wochen blieb er in Münsterschwarzach.

„Einmal bei einem Gottesdienst, als ich am Altar die Wandlungsworte sprach, liefen mir die Tränen übers Gesicht. Ich wusste, dass ich das nie mehr sprechen werde.“

—  Zitat: Karl-Martin Steinhauser

Diese Zeit brauchte er dort auch, gibt Steinhauser zu, denn "ich war so gerne Priester". Gemeinsam mit anderen Priestern feierte er in der Abteikirche regelmäßig Gottesdienste. Einmal, als er als Konzelebrant am Altar stand, liefen ihm während des Hochgebets die Tränen übers Gesicht. "Ich wusste, dass ich das nie mehr sprechen werde", beschreibt Steinhauser sein Gefühl damals. Doch seine Entscheidung ist längst gefallen: Er wünschte sich ein Leben mit seiner Frau. Dieser Schritt hatte die sofortige Beendigung seines kirchlichen Dienstes zur Folge. In seiner Kirchengemeinde erklärte Steinhauser dann 2010 öffentlich die Beweggründe für seinen Weggang. Die Gemeinde bedauerte es sehr, ihn als Pfarrer zu verlieren, machte ihm oder seiner Frau allerdings keine Vorwürfe, blickt Steinhauser dankbar zurück.

In Gesprächen mit den Personalverantwortlichen seiner Diözese Rottenburg-Stuttgart wird Steinhauser ermutigt, seinen Weg weiterzugehen, doch anfangs ohne berufliche Perspektive. "Ich hatte zuvor alles für die Kirche gegeben", erklärt der Theologe seine Situation damals, "doch dann war ich raus und musste schauen, wie ich zurechtkomme und einen Arbeitsplatz finde". Steinhauser fühlte sich damals allein gelassen. Er vermutet, dass dies auch ein strukturelles Problem ist. Die Diözese müsste in solchen Fällen mehr Verantwortung übernehmen oder zumindest den Betroffenen eine Perspektive in Aussicht stellen, so der frühere Pfarrer. 2012 erhielt er dann seine Laisierung aus Rom und war damit offiziell aus dem Klerikerstand entlassen. Somit konnte Steinhauser Mirette auch kirchlich heiraten. Und er erlebt das Glück, Vater zu werden, wie er berichtet. Auf seinen heute zehnjährigen Sohn ist Steinhauser sehr stolz.

"Ich musste mich wieder hochdienen"

Beruflich beginnt der ausgebildete Theologe ein Jahr später als Religionslehrer im Kirchendienst an einer Berufsschule zu arbeiten. Doch bevor er die Lehrerlaubnis erhielt, musste er wieder hospitieren, didaktische Unterrichtsanalysen erstellen und Lehrproben halten – trotz seines zweiten Staatsexamens. Das empfand er als Demütigung. "Ich musste mich wieder hochdienen", meint Steinhauser. Der Austausch mit den Schülern an der Gewerblichen Schule bereicherte ihn. Dreizehn Jahre lang hat der frühere Pfarrer dort als Religionslehrer gearbeitet. Doch dann spürte er, dass ihm etwas fehlte. "Ich wollte zurück in die Seelsorge", erklärt Steinhauser, weil ich "weiterhin für die Kirche und den Glauben brannte". Dazu kam, dass ihn der leitende Pfarrer seiner jetzigen Kirchengemeinde in Riedlingen immer wieder darauf ansprach, ob er gerne wieder in einem pastoralen Team arbeiten möchte. Der Gedanke ließ den 57-Jährigen nicht los. Also fragte er immer wieder bei den Personalverantwortlichen in Rottenburg nach, welche Voraussetzungen es brauche, damit er als ehemaliger Pfarrer wieder zurück in die Gemeindepastoral könnte. Es folgte ein längerer und langwieriger Prozess, beschreibt er seine Situation damals. Dass sein jetziger Pfarrer ihn dabei unterstützte, gemeinsam mit dem Kirchengemeinderat, freute den ausgebildeten Theologen. Kurz bevor Bischof Gebhard Fürst in den Ruhestand ging, wollte Steinhauser Klarheit und telefonierte mit ihm. "Und dann hat mir der Bischof grünes Licht gegeben", berichtet der 57-Jährige.

Bild: ©Markus Waggershauser / Diözese Rottenburg-Stuttgart

Für den Dienst als Pastoralreferent in der Diözese Rottenburg-Stuttgart beauftragte Weihbischof Gerhard Schneider am 30. Juni 2024 bei einem Gottesdienst in Sankt Jodok in Ravensburg auch Karl-Martin Steinhauser (2.v.r.).

Daher konnte sich Karl-Martin Steinhauser als Seelsorger in der Gemeindepastoral der Diözese bewerben und wurde schließlich 2024 als Pastoralreferent beauftragt. Die dafür benötigte dreijährige Ausbildung musste der frühere Pfarrer nicht mehr nachholen. Dass er wieder in den pastoralen Dienst der Diözese Rottenburg-Stuttgart aufgenommen wurde, freue ihn sehr, sagt Steinhauser. Seit Herbst vergangenen Jahres ist er nun in der Seelsorgeeinheit Riedlingen-Süd angestellt, in der unmittelbaren Nähe seines Wohnortes und seiner früheren Gemeinde. Und Pfarrer Walter Stegmann ist sein Chef. "Er war unser Hochzeitspfarrer und hat auch unseren Sohn getauft", freut sich Steinhauser. Dafür, dass Pfarrer Stegmann ihn dazu ermutigt hatte, wieder als Seelsorger zu arbeiten, ist er ihm bis heute dankbar. Nun kann sich Karl-Martin Steinhauser wieder aktiv in das Gemeindeleben einbringen – spirituell und menschlich, wie er betont. Seit seiner Beauftragung als Pastoralreferent hat er wieder Gottesdienste gefeiert und Beerdigungen geleitet. Auch Religionsunterricht gibt er weiterhin. "Wie früher", freut sich der Theologe. Und doch anders, denn sein liturgischer Dienst ist als Laie eingeschränkt.

"Würde gerne wieder eine Messe feiern und die Wandlungsworte sprechen"

"Ich weiß, was ich als Pastoralreferent darf und was nicht", erklärt Steinhauser. Eines Tages würde er dennoch gerne wieder eine Messe feiern und die Wandlungsworte sprechen, gibt er zu. Doch das darf er nicht, obwohl die einmal empfangene Priesterweihe bestehen bleibt und weiterhin Sakramente von ihm gültig gespendet werden könnten. Immer wieder sprechen Karl-Martin Steinhauser Menschen aus der Gemeinde mit "Herr Pfarrer" an oder fragen ihn, wo er seine Stola gelassen habe. Jetzt als Pastoralreferent trägt er aber eine weiße Albe, kein Messgewand und keine Stola. "Ich wollte es genauso", sagt Steinhauser. 

Der frühere Pfarrer und heutige Pastoralreferent ist sich sicher, dass er Pionierarbeit in der Kirche leistet und ein Hoffnungsträger für andere sein kann. Zumindest kennt er keinen Amtskollegen, der einen ähnlichen Weg gegangen ist wie er. Regelmäßig trifft sich der 57-Jährige noch mit seinen ehemaligen Kurs- und Weihekollegen. Manche von ihnen sagen, dass es gut wäre, wenn Priester eines Tages heiraten könnten, denn es gäbe schon Ausnahmeregelungen für konvertierte Priester mit eigener Familie. Manche seiner Priesterkollegen wünschen sich, dass der Pflichtzölibat aufgehoben werde. Oder dass verheiratete Priester rehabilitiert und in den pastoralen Dienst zurückgeholt werden. So wie es bei Karl-Martin Steinhauser war. Der Pastoralreferent ist dankbar, dass er seinen Weg gefunden hat, mit seiner Familie, mit der Kirchengemeinde und mit Gott.

Von Madeleine Spendier